Raumfahrt ist unser Kerngeschäft
„Die Nato muss sich ändern können“

Gespräch mit Rainer Hertrich, einer der beiden Chefs des Luftfahrtkonzerns EADS, über die transatlantischen Beziehungen, den europäischen Rüstungsmarkt und die Luftfahrtkrise.

Angenommen Sie säßen gerade mit George W. Bush vor einem prasselnden Kaminfeuer: Über was würden Sie mit dem amerikanischen Präsidenten sprechen?

Hertrich: Ich würde ihm sagen, wie wichtig die transatlantischen Beziehungen für die Industrie sind. Allein die EADS hat im letzten Jahr zehn Milliarden Euro Umsatz in den USA gemacht und für sechs Milliarden eingekauft. Da sehen Sie, was - nur von uns aus - für eine Wirtschaftskraft dahinter steckt. Wenn politische Spannungen bestehen, dann dürfen sie auf keinen Fall das Geschäft behindern. Da steht für alle Beteiligten zu viel auf dem Spiel.

Aber bei den Gemeinsamkeiten hapert es doch gerade in der Sicherheitspolitik derzeit gewaltig . . .

Hertrich: Die Frage ist, wie wir die Gemeinsamkeiten trotz unterschiedlicher Auffassungen stärken können. Wir haben mit der Nato eine hervorragende Plattform. Dort muss der Dialog stattfinden. Doch die Nato muss sich dazu ändern können.

Inwiefern?

Hertrich: Warum müssen alle Mitglieder bei allen Vorhaben zustimmen? Für die Nutzung von Einrichtungen sollte man keinen einstimmigen Beschluss brauchen. Wenn fünf Staaten gemeinsam ihre Fähigkeiten ausbauen oder Nato-Einrichtungen nutzen wollen, dann sollten sie auch das Recht dazu haben.

Sie würden also dem US-Präsidenten eine politische Brücke bauen wollen?

Hertrich: Und ich würde ihn ermutigen wollen, die Brücke auch wieder zu betreten. Es ist politisch, militärisch und wirtschaftlich für beide Seiten richtig, in der Sicherheitspolitik transatlantisch zu agieren.

Auf der Pariser Luftfahrtmesse, die gerade zu Ende gegangen ist, waren die US-Firmen nur schwach vertreten. Belastet die Politik das Geschäft?

Hertrich: Das ist - mit Verlaub gesagt - überbewertet. Alle Firmen sind kürzer getreten, weil der wirtschaftliche Rahmen schlecht ist. Gerade in letzter Zeit haben sich US-Unternehmen offen für transatlantische Wirtschaftsbeziehungen stark gemacht. Auch wenn es Stimmen dagegen gibt, der Trend zur Kooperation und zu offeneren Märkten auf beiden Seiten des Atlantiks ist nicht aufzuhalten.

Sind in der Rüstungsbranche transatlantische Fusionen möglich?

Hertrich: Das sind sie schon heute. Aber transatlantische Großfusionen machen im Moment aus meiner Sicht ökonomisch keinen Sinn. Ein Zusammenschluss von EADS zum Beispiel mit einem großen amerikanischen Player wäre zwar denkbar, aber auch ein großes Risiko. In den USA würden wir als europäisches Unternehmen gelten und hier als ein amerikanisches. Und damit verliert man bei den weiterhin nationalen Kunden auf beiden Seiten.

Also bleibt es auf absehbare Zeit bloß bei den Kooperationen?

Hertrich: Die sind ein wichtiger erster Schritt. Genauso hat es doch auch bei EADS angefangen: kleinere gemeinsame Projekte und natürlich auch gemeinsame politische Interessen. Doch es braucht viel Zeit, bis das Vertrauen da ist.

Haben Sie denn schon genug Vertrauen zum französischen Rüstungselektronik-Unternehmen Thales für eine Fusion gefasst?

Hertrich: Das steht bei uns nicht auf der Agenda. Wir suchen natürlich nach Möglichkeiten, miteinander noch mehr Geschäfte zu machen als bisher, beispielsweise bei der Bordelektronik. Aber nicht um zu heiraten. Und natürlich beobachten wir sehr genau, ob sich bei Thales etwas an der Eigentümerstruktur ändert.

Wie sieht der europäische Rüstungsmarkt in zehn Jahren aus?

Hertrich: Freier Wettbewerb, gemeinsame europäische Forschung und Beschaffung, eine konsolidierte europäische Industrie mit klar abgesteckten Kompetenzen. Das setzt aber auch den politischen Willen für eine unabhängige und starke Rüstungspolitik voraus.

Wie sollte die aussehen?

Hertrich: Meine Vision ist eine unabhängige Beschaffungsagentur, die über ein eigenes Budget aus den Kassen der Mitgliedsländer verfügt. Das spart Steuern, bringt modernste Technologie und vereinheitlicht die Waffensysteme.

Was kommt zuerst? Die Aufträge? Oder die Konsolidierung?

Hertrich: Das läuft parallel. Wenn sich der Wettbewerb entwickelt, dreht sich auch der Konsolidierungsprozess weiter.

Wäre es nicht heute sogar tödlich, wenn sich der europäische Rüstungsmarkt ohne Einschränkungen öffnen würde?

Hertrich: Der US-Markt muss sich im gleichen Maße öffnen, denn freien Marktzugang kann es auf Dauer nur auf Gegenseitigkeit geben. Das Muster wäre der britische Markt. Der ist absolut offen, aber Firmen wie BAE Systems haben in den USA auch einen guten Zugang.

Einen besonders guten Zugang haben die Amerikaner zum osteuropäischen Markt . . .

Hertrich: Die Amerikaner haben da sicher derzeit die Nase vorne. Das sage ich mit Bedauern. Wir versuchen jetzt aber ähnlich attraktive Geschäftsmodelle auch mit Unterstützung der europäischen Regierungen aufzubauen. Ich sage es mal so: Wir machen mit den Nato-Beitrittsländern noch keine großen Geschäfte, aber wir bekommen den Fuß in die Tür.

Fühlen Sie sich mehr als Politiker oder mehr als Manager?

Hertrich: Ich bin und bleibe Wirtschaftsmann. Das ist meine Berufung. Die Politik lässt sich natürlich nicht ignorieren, gerade in unserem Geschäft. Und das hat auch durchaus seinen Reiz.

Auch in der Wirtschaft können Karrieren einen plötzlichen Knick erhalten. Airbus-Chef Noel Forgeard will nur noch einen Vorstandschef bei EADS. Wird er sich durchsetzen?

Hertrich: Dafür habe ich keine Indikationen. Lautes Nachdenken aus dieser Richtung hatten wir ja schon öfters, das stört mich nicht. Die Anteilseigner stehen weiter fest zur EADS, und das beinhaltet die Doppelspitze mit meinem Kollegen Philippe Camus bis 2005. Unsere Erfolgsbilanz in den letzten Wochen spricht da für sich.

Macht denn Verteidigungsminister Peter Struck einen guten Job?

Hertrich: Ich meine, er hat den richtigen Weg eingeschlagen.

Hat Deutschland genug Geld für die zweite Tranche des Eurofighters?

Hertrich: Unser Angebot liegt vor: Jetzt wird verhandelt. Wir müssen aber zügig zu einem Abschluss kommen, denn sonst drohen Produktionsausfälle, und die treiben die Kosten nach oben. Auch die Streitkräfte können eine Unterbrechung ihrer Modernisierung nicht brauchen. Es gibt also ein Interesse aller Beteiligter, das zu vermeiden.

Der Eurofighter steht langfristig in Konkurrenz zum Joint Strike Fighter (JSF) des Konsortiums um Lockheed Martin. Hat er eine Chance?

Hertrich: Ja. Die Amerikaner haben den JSF mit vielen Versprechungen verkauft. Aber die Unzufriedenheit vieler Kunden in Europa über die Technologie- und Beteiligungsmöglichkeiten beim JSF ist groß. Über Kritik aus Norwegen konnte man in der Zeitung lesen, auch in Großbritannien und Holland scheinen viele sauer zu sein, weil Versprechungen nicht gehalten wurden.

Im zivilen Geschäft tun Sie sich leichter. Erstmals verkaufen Sie mehr Flugzeuge in diesem Jahr als Boeing. Sind Sie in diesem Bereich rundum zufrieden?

Hertrich: Nicht rundum, aber zufrieden im Rahmen dessen, was im Augenblick möglich ist. Rundum zufrieden wären wir, wenn wir statt der für 2003 geplanten 300 Maschinen 450 Flugzeuge bauen und verkaufen könnten.

Warum ist das Militärgeschäft bislang noch nicht profitabel ?

Hertrich: Wir hatten in den vergangenen Jahren viele Anpassungen nach unten und teilweise zu kleine Aufträge. Die Restrukturierung ist fast abgeschlossen, und jetzt kommt Wachstum. Bis 2005 steigt der Umsatz in der Verteidigung von sechs auf zehn Milliarden Euro. Und mit dem Wachstum kommt auch automatisch die Profitabilität.

Davon ist die Raumfahrt immer noch ein gutes Stück entfernt. Bleibt EADS mit einem Fuß im All?

Hertrich: Raumfahrt ist für uns absolutes Kerngeschäft, vor allem der Satellitenbereich. Bei den Raketen müssen die Regierungen sich zu einem europäischen Zugang zum Weltraum bekennen. Rein kommerziell sind Raketenstarts nicht zu betreiben. Wir wollen aber unsere Raumfahrtsparte bis 2004 in die schwarzen Zahlen führen. Da kommt die Bestellung von 30 Ariane-5-Raketen am letzten Freitag gerade richtig.

Sie sind ein großer Opernfan: Welche Arie würden Sie am liebsten mal selber singen?

Also, ich mag Donizetti-Opern. Und da gibt es einige großartige Passagen. Ich hätte aber ein Problem: Die sind für Frauenstimmen. Meine Ehefrau verbietet mir das Singen sowieso.

Das Gespräch führten Martin Buchenau und Thomas Wiede.

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