Raumfahrt: Tag des Schreckens

Raumfahrt
Tag des Schreckens

Reparaturen an Satelliten, regelmäßige Flüge zur Raumstation ISS: Raumflüge schienen bloße Routine geworden zu sein. Aber am Samstag explodiert 63 Kilometer über Texas die Raumfähre Columbia, sieben Menschen sterben - Chronik eines Unglücks.

Es ist ein traumhafter Morgen in Florida: Blauer Himmel, klare Sicht. "Das Wetter war ideal, wir konnten es alle kaum erwarten, unsere Leute landen zu sehen und ihnen zu gratulieren", wird Ron Dittemore später erzählen. Aber um Punkt 7.53 Uhr, Houstoner Zeit, beginnt für den Leiter des Raumfährenprogramms der US-Raumfahrtbehörde Nasa ein Tag des Schreckens: Plötzlich fallen drei Temperatursensoren im hydraulischen System der Raumfähre Columbia aus.

An sich nichts Ungewöhnliches. Es kommt schon mal vor, dass solche Geräte streiken. Aber als die Techniker am Boden feststellten, dass die üblichen Gründe - etwa ein Defekt eines Stromkreises - dieses Mal nicht in Frage kommen, wächst die Nervosität. Um 7.59 Uhr informiert das Kontrollzentrum in Houston die Astronauten. Die nähern sich zu dieser Zeit mit 20facher Schallgeschwindigkeit der Erde. Sie antworten, sie hätten das Problem auch bemerkt, wirken aber nicht beunruhigt. Einen Moment später bricht der Kontakt ab.

Zur gleichen Zeit sitzt Eliser Wolfermann in einem Fernsehstudio in Jerusalem und sieht sich vor laufenden Kameras den Live-Bericht aus Cape Caneveral an, wo bald die Columbia landen soll. Wolfermanns Sohn Ilan Ramon ist der erste Israeli im All, das Land fiebert seiner Rückkehr entgegen. Er freue sich, seinen Sohn wieder in die Arme schließen zu können, sagt der alte Mann. Als er ergänzt, "wir haben miteinander via E-Mail kommuniziert", wird er unterbrochen. Der Reporter aus Florida berichtet, der Kontakt zur Raumfähre sei abgebrochen. Als der Sender nach Jerusalem zurückschaltet, ist Wolfermanns Sitz leer.

Minuten später starrt Milt Heflin, Leiter des Nasa-Flugprogramms in Houston, auf einen leeren Bildschirm. Die Columbia ist gerade mit einem lauten Knall auseinander gebrochen und aus rund 63 Kilometer Höhe abgestürzt. Alle Besatzungsmitglieder sind tot - sechs US-Bürger und der Israeli Ramon. Die Trümmer der Raumfähre stürzen in einem Umkreis von 190 Kilometern auf Osttexas und benachbarte Bundesstaaten.

Schon bald tauchen in Krankenhäusern verunsicherte Bürger auf. Sie haben Bruchstücke der Columbia angefasst - und dann davon gehört, die Nasa habe vor einer möglichen Gefahr durch giftige Substanzen gewarnt. Einen Tag später wird das Internet-Auktionshaus Ebay mitteilen, es habe Angebote von Columbia-Wrackteilen von der Webseite verbannt.

Der Columbia-Absturz ist das schwerste Unglück in der amerikanischen Raumfahrt, seit 1986 die Raumfähre Challenger explodierte. Die Nasa stoppt noch am Samstag ihr bemanntes Raumfahrtprogramm auf unbestimmte Zeit. Die Katastrophe trifft die Nation in einem schwierigen Moment. Ein Krieg gegen den Irak steht möglicherweise kurz bevor, die Angst vor Terroranschlägen ist allgegenwärtig, die Wirtschaft steckt in der Krise. "Dieses Unglück wird die Leute noch mehr verunsichern, und Unsicherheit ist immer schlecht fürs Geschäft", sagt Abu Rhan, Betreiber eines Supermarkts im New Yorker Stadtteil Brooklyn.

Der Nachrichtensender CNN wirft am Samstagmorgen gleich sein geplantes Programm um und berichtet bis zum späten Abend nur noch über den Absturz. Immer wieder flimmern die Bilder eines gelbweißen Feuerballs über den Bildschirm, der durch den strahlend blauen Himmel schießt. Innerhalb von Sekunden teilt sich der Lichtpunkt. Die Raumfähre bricht auseinander. Harte Informationen, etwa zur Unglücksursache, gibt es nicht. Ein Terrorakt sei allerdings "äußerst unwahrscheinlich", melden die Sender und berufen sich auf offizielle Kreise des Weißen Hauses.

Präsident George W. Bush erfährt in seiner Wochenendresidenz in Camp David von dem Unglück. Nasa-Chef Sean O?Keefe persönlich informiert ihn - und Bush fährt direkt zurück nach Washington. Dort hat sein Stab bereits damit begonnen, Reden an die Angehörigen der Opfer und an die Nation zu formulieren. Als Bushs Konvoi gegen 11 Uhr eintrifft, lässt der Präsident sicherstellen, dass alle Flaggen auf halbmast gesetzt werden. Er spricht persönlich mit den Familienangehörigen der Opfer. "Ich wünschte, ich wäre jetzt bei Ihnen, um Sie zu umarmen, zu weinen und zu trösten", sagte er sichtlich bewegt.

Experten erwarten, dass der Absturz keinen Einfluss auf die Vorbereitung eines möglichen Irak-Kriegs hat. Der Schock für die Bevölkerung werde "zeitlich und im Ausmaß begrenzt" sein, sagt der republikanische Umfrageexperte Bill McInturff. "Hier sind sieben Menschen gestorben, im World Trade Center haben wir mehr als 3 000 verloren", sagt ein New Yorker Bürger am Samstagabend.

Im Weißen Haus telefoniert George Bush mit dem israelischen Premierminister Ariel Sharon und spricht ihm sein Beileid aus. In Israel hatte die Bevölkerung die 17-tägige Weltraumreise der Columbia weit aufmerksamer verfolgt als in den USA. Die Amerikaner hatten den jüngsten Raketenstart nach 42 Jahren bemannter Raumfahrt eher als Routineangelegenheit wahrgenommen. Die israelischen Medien dagegen feierten die Reise ins All als nationales Ereignis. Alle TV-Stationen übertrugen den Countdown live, das sympathische Gesicht Ramons, eines 48-jährigen Oberst der Luftwaffe, wurde zur Ikone des technischen Erfolges. "Alles läuft nach Plan, und ich bin sehr stolz, hier zu sein", sagte Ramon am 19. Januar in einem Fernsehinterview. Aber jetzt stehen die Fahnen im Land auf halbmast.

Die 1983 gegründete Israel Space Agency (ISA) beschäftigt nur rund 20 Wissenschafter, und ihr Budget ist mit zwei Millionen Dollar kärglich. Sie hat allerdings schon einige Satelliten ins All geschickt, zuletzt im Mai 2002 den Erkennungssatelliten Ofek-5.

Ramon sei sich der symbolischen Bedeutung für den Staat Israel und das jüdische Volk bewusst gewesen, sagt ein enger Freund des Astronauten. Der Sohn einer Holocaustüberlebenden nahm eine Zeichnung des Mondes mit an Bord, die ein im KZ Auschwitz ermordeter Junge gezeichnet hatte. Er hatte auch eine Mini-Bibel dabei, ein Geschenk des Staatspräsidenten Mosche Katsav - und er bestand, obwohl selbst nicht religiös, auf koscherer Verpflegung an Bord.

Gegen 14 Uhr Ortszeit wendet sich George Bush in einer Fernsehansprache an die Nation. Als er seine vierminütige Rede mit den Worten abschließt, "möge Gott die Familien der Opfer segnen, und möge er Amerika segnen", ringt der Präsident um Fassung. Doch trotz aller Trauer lässt Bush keinen Zweifel daran aufkommen, dass der Tod der Astronauten das ehrgeizige US-Raumfahrtprogramm nur kurz stoppen wird. "Das Ziel, für das sie gestorben sind, bleibt. Unsere Reise in den Weltraum geht weiter", sagt der Präsident. Auch die Nasa-Verantwortlichen erklärten, dass sie ihr Shuttle-Programm fortführen werden, sobald die Ursache des Unglücks gefunden und behoben ist.

1986 hatte die Explosion der Raumfähre "Challenger" noch eine Debatte darüber ausgelöst, ob der schwer messbare Nutzen der bemannten Raumfahrt die Risiken rechtfertigt. Heute ist die Lage schon deshalb anders, weil sich Astronauten auf der Internationalen Raumstation (ISS) befinden. Es gilt als unsicher, ob die unbemannten russischen Raketen die Versorgung alleine gewährleisten können.

Entsprechend intensiv wird die Nasa nach Fehlerquellen suchen. Womöglich entstand der Schaden bereits am 16. Januar: Beim Start in Cape Caneveral fiel ein Stück Isoliermaterial vom Außentank ab und traf die linke Seite der Raumfähre. Die Wissenschaftler verbreiteten zunächst, sie sähen kein Sicherheitsrisiko. Jetzt aber sagt Nasa-Mann Dittemore, "wir können einen Zusammenhang nicht ausschließen. Aber wir brauchen noch mehr Analyse und Beweise. Wir werden in den nächsten Stunden, Tagen und Wochen fieberhaft danach suchen, was wir womöglich übersehen haben". Und dann ergänzt er, "was ich übersehen habe."

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