Archiv
Raus aus dem Jammertal!

Klagelieder über die wirtschaftliche Schwäche Deutschlands sind genug gesungen, meint Prof. August-Wilhelm Scheer (Foto). Der Innovationsbeauftragte des saarländischen Ministerpräsidenten fordert jetzt eine nationale Initiative.

Geben Sie Ihren Kommentar zum Beitrag von August-Wilhelm Scheer ab ...

Schluss mit Jammern. Dass Deutschland in vielen Rankinglisten abgerutscht ist oder gar, wie beim Wirtschaftswachstum in der EU inzwischen das Schlusslicht bildet, ist hinlänglich bekannt und beschrieben. Mehr muss uns interessieren, wie wir die Talfahrt aufhalten können. Beispiel Finnland Andere Länder wie beispielsweise Finnland oder Schweden haben nicht mehr Bodenschätze oder Geld als Deutschland, nehmen aber dennoch in vielen Bereichen Spitzenpositionen ein. Nehmen wir zum Beispiel Finnland: Der nur 5,2 Millionen Einwohner zählende Staat hat in den vergangenen Jahren einen steilen ökonomischen Anstieg erlebt. Das World Economic Forum sieht das nördlichste Mitglied der EU bei der Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich von 83 Länder auf Platz 2, nur die USA sind besser. Größer als in jedem anderen Land der Welt ist in Finnland die Zahl der Internetzugänge und Handy-Besitzer. Die Bevölkerung gilt als überaus zukunftsoptimistisch, technologiefreudig und gebildet. Bei der Pisa-Studie nimmt Finnland den Spitzenplatz ein. Bessere Organisation von Forschung und Entwicklung Ein Grund für diese starke Position liegt in der besseren Organisation von Forschung und Entwicklung. Während Deutschland traditionell staatliche Forschung und private Wirtschaft voneinander trennt, hat Finnland beide Seiten eng verzahnt und gute, marktorientierte Forschungsleistungen in den vergangenen Jahren zu einer nationalen Aufgabe erklärt. Die Steigerung des Anteils innovationsintensiver Branchen am Export und der Ausbau der starken Marktstellung in der Telekommunikation sind beeindruckende Erfolge dieser Innovationsstrategie. Deutschland hat nicht weniger Ressourcen und Potenziale, aber sie werden nicht gut gesteuert. Ansatt zu handeln wird eine Beratungskommission nach der andern einberufen. In der Zwischenzeit wandern die besten Köpfe ins Ausland ab, schicken Eltern ihre Kinder immer häufiger auf Universitäten in den USA oder England, bauen amerikanische High-Tech-Unternehmen ihre Dominanz in der deutschen IT-Industrie aus. Wenn nichts geschieht, beliefern uns die Contentfabriken aus Übersee online mit ihren Bildungsprogrammen und verdrängen unsere eigenenen Bildungsinhalte. Vor allem Personen mit internationaler Erfahrung sehen diese Schwächen. So ist es kein Wunder, dass der deutsche Geschäftsführer des amerikanischen Computerkonzerns IBM heute Sprecher der gesellschaftspolitischen Initiative D21 ist. Umgekehrt ist es schwer vorstellbar, dass ein Manager der amerikanischen Siemens-Tochter zum nationalen Technologieberater in den USA avanciert. Nationale Initiative notwendig Für die Zukunft Deutschlands ist eine nationale Initiative "Empower Germany" notwendig, die konkrete Maßnahmen anpackt:

  • Das föderalistische Bildungssystem braucht nicht mehr, sondern weniger zentrale Regularien. Mehr Entscheidungsspielraum und Verantwortung ermöglicht den Schulleitern, die Schulen unternehmerisch zu führen. Die ministeriellen Schulverwaltungen mit ihrer Macht- und Kompetenzusurpation müssen weitgehend abgebaut und auf wenige Koordinations- und Normierungsaufgaben beschränkt werden.


     
  • Das Universitätssystem benötigt mehr Wettbewerbsfähigkeit und Leistungsanreize durch ...


     
    • Autonomie für die Hochschulleitung.
    • mit Stipendien- und Kreditsystemen sozial abgefederte Studiengebühren, die Studenten zu Kunden mit Rechten und Ansprüchen und Professoren zu Dienstleistern machen.
    • Verpflichtung der Universitäten zu Weiterbildungsangeboten, auch im Online-Bereich, um im wachsenden Bildungsbereich für lifelong learning eine Marktposition aufzubauen.


     
  • Das Bundesforschungsministerium sollte Forschungsprogramme für Wissenschaft und Wirtschaft auflegen, die sich an der konkreten Sicherung und dem Ausbau zukunftsrelevanter Bereiche der Informationstechnologien orientieren, in denen Deutschland Stärken besitzt. Fokussierung und Bündelung von Kompetenzen zu Clustern, um die bestehenden Stärken zu stabilisieren und verlorene Stärken wieder aufzubauen, muss das Motto sein. Konkrete Beispiele sind ...


     
    • Rückholung der Kompetenz für Konstruktionssoftware (CAD), um den Standort Deutschland als Ingenieurland zu erhalten. Diese Produkte sind in den 90er Jahren komplett an die USA und an Frankreich verloren gegangen.
    • Sicherung des bestehenden Vorsprungs auf dem Gebiet betriebswirtschaftlicher Software. Hier ist Deutschland mit dem Softwarehersteller SAP noch Marktführer.
    • Nutzung der guten Telekommunikations-Technologie und-Infrastruktur für innovative Anwendungen des Mobile Computing. Durch das Antreiben der Preise für die UMTS-Lizenzen wurden die erfolgreichen Industrien geschwächt, die Mittel aber ohne nachhaltige Wirkung vom Staat ausgegeben.


      - Förderung neuer Dienstleistungen zum Beispiel für den wachsenden Bildungsmarkt.
    • Innovationsschwerpunkte für Nanotechnologie, Life Science, Fahrzeug- und Verkehrstechnik, die für die großen Exportbranchen Deutschlands wie Maschinenbau, Automobilindustrie, Pharma und Chemie wichtig sind.


     
  • Engere Verzahnung von Grundlagen-und Anwendungsforschung mit dem Ziel, Forschungsergebnisse schneller in marktrelevante Produktentwicklungen umzusetzen. Dieses muss durch Effizienz- und Erfolgskriterien gesteuert werden. Die Zahl der Veröffentlichungen allein ist kein Erfolgsmaßstab, sondern erst die wirtschaftliche Verwertung der Ergebnisse. Enge Kooperation zwischen staatlichen Forschungsinstituten und der Wirtschaft, auch im Bereich der Grundlagenforschung, ist erforderlich. Das größte finnische Technical Research Center betreibt Grundlagenforschung im Staatsauftrag, erhält aber zwei Drittel seiner Aufträge aus der Industrie, während sich die Max Planck-Gesellschaft nur zu 5 Prozent aus der privaten Wirtschaft finanziert.


     
  • Weil das Gütesiegel „Made in Germany“ heute überwiegend für Produkte der Old Economy gilt, muss die Innovationspolitik durch eine Imagekampagne begleitet werden, um auch den forschungsintensiven, in Deutschland hergestellten Produkten im In- und Ausland wieder zu mehr Erfolg zu verhelfen.


     
  • Verpflichtung der Politiker, bei Staatsauftritten im Ausland vermehrt junge deutsche High-Tech-Unternehmen als Begleiter einzubeziehen.

Der panikartige Griff in die Taschen der Steuerzahler kann Deutschland höchstens kurzfristig helfen. Zur Sicherung der Zukunft unserer Nachfolgegenerationen brauchen wir mehr. Einige Länder, allen voran Finnland, aber auch Schweden oder im außereuropäischen Bereich Singapur und Südkorea haben vorgemacht, wie sich eine ganze Nation in kurzer Zeit auf die Zukunft einstellen und dabei gewinnen kann. Eine wirtschaftliche Krise mit über 20 Prozent Arbeitslosigkeit war Anfang der 90er der Anlass für den Turnaround in Finnland. Man kann nur hoffen, dass Deutschland eine nicht ebenso katastrophale Situation braucht, bis bittere Medizin akzeptiert wird. Forschung und Bildung sind die beiden wichtigsten Säulen einer auf Zukunft bauenden Politik. Jede Verteidigung von Erbhöfen und fragwürdig gewordenen Traditionen drängt Deutschland weiter zurück und wird noch mehr Arbeitsplätze gefährden als ohnehin bereits fehlen. (*) 1985 legte der gebürtige Westfale Prof. Dr. Dr. h.c. mult. August-Wilhelm Scheer den Grundstein für die IDS Scheer AG. Seit November 1999 ist Scheer Beauftragter des Ministerpräsidenten des Saarlandes für Innovation, Technologie und Forschung. Lesen Sie mehr über den leidenschaftlichen Jazz-Musiker in seinem Portrait weiter ...

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%