Reaktion auf die türkische Finanzkrise
Türkei gibt Wechselkurs der Landeswährung frei

Die türkische Regierung gab ihre Entscheidung nach einer 12-stündigen Krisensitzung bekannt. Sie hofft dadurch die Krise der türkischen Finanzmärkte in den Griff zu bekommen. Die Landeswährung Lira brach aufgrund der Entscheidung ein und verlor fast ein Drittel ihres Wertes gegenüber dem Dollar.

Reuters ANKARA. Die Türkei hat am Donnerstag den Wechselkurs der Landeswährung Lira freigegeben, um die Krise der türkischen Finanzmärkte in den Griff zu bekommen. Die Währung brach daraufhin ein und verlor in der Spitze gegenüber dem Dollar fast ein Drittel ihres Wertes. Die Aktien- und Anleihemärkte des Landes reagierten dagegen mit Kursgewinnen. Der Euro zeigte sich verunsichert und lag am Mittag mit 0,9050 $ rund einen halben Cent unter dem US-Vortagesschluss. IWF, Weltbank und Analysten begrüßten die Freigabe. Analysten bezweifelten jedoch, ob damit das Vertrauen der Finanzmärkte wiedergestellt werden könne. Der türkische Präsident Ahmet Sezer lehnte einen Rücktritt wegen der Finanzkrise ab.

"Der Wechselkurs wird in Anpassung an die jüngst entstandene wirtschaftliche Situation freigegeben", teilte die türkische Regierung in der Nacht zum Donnerstag im Anschluss an eine zwölfstündige Krisensitzung in Ankara mit. Die Lira reagierte darauf mit deutlichen Kursverlusten und wurde in einem umsatzschwachen Handel am Donnerstag zwischen 17 und 30 % unter ihrem Vortageskurs zum Dollar gehandelt. In den vergangenen Tagen war die Währung massiv unter Druck geraten, nachdem ausländische wie inländische Banken verstärkt in harte Währungen wie den Dollar und den Euro geflüchtet waren. In der Spitze waren dabei Lira im Volumen von 7,6 Mrd. $ verkauft worden. Die türkischen Aktienmärkten waren bis zum Mittwoch um rund 30 % eingebrochen. Am Geldmarkt waren die Sätze auf bis zu 5000 % in die Höhe geschnellt.

Streit zwischen Ecevit und Sezer löste Finanzkrise aus

Die Turbulenzen an den Finanzmärkten waren am Montag durch einen Streit zwischen Ministerpräsident Bülent Ecevit und Sezer ausgelöst worden. Ecevit hatte am Montag vorzeitig ein Treffen des einflussreichen Nationalen Sicherheitsrats verlassen und vor Reportern in Ankara gesagt, er sei vom Präsidenten beleidigt worden. Nach Informationen aus Regierungskreisen sind unterschiedliche Meinungen über die Effektivität des Kampfes der Regierung gegen die Korruption Hintergrund des Streits. Ecevit hatte zudem von einer "schweren Krise" im Verhältnis zum Präsidenten gesprochen. Sezer schloss unterdessen am Donnerstag einen Rücktritt wegen der Finanzkrise aus. "Der Präsident hält das Ruder weiter in der Hand", versicherte sein Sprecher.

Mit der Freigabe der Lira wurde die Kurstalfahrt an den Börsen zunächst gestoppt und zum Teil sogar umgekehrt. Der Haupt-Aktienindes der Börse in Istanbul legte am Vormittag rund zehn Prozent zu. Auch der Kurs der richtungweisenden Anleihen gewannen etwas an Boden.

Analysten begrüßen die Freigabe des Wechselkurses

Analysten begrüßten die Freigabe, bezweifelten jedoch, ob dies ausreichen werde um das Vertrauen der Finanzmärkte wiederzugewinnen. "Die Freigabe bedeutet niedrigere Zinssätze und das verringert die Unsicherheit. Ein unhaltbarer fester Wechselkurs wäre die Wirtschaft teuer zu stehen gekommen", sagte ein Analyst. Auf der anderen Seite könne eine massive Abwertung der Lira die Banken unter Druck setzen, die viele Geschäfte in ausländischen Währungen abwickeln müssten. Eine Finanzkrise wie in Asien stehe jedoch nicht bevor. Zwar seien einige Parallelen zur Freigabe des Kurses der thailändischen Währung von 1997 vorhanden, die die Krise in Asien auslöste. Doch seien internationale Investoren in den türkischen Finanzmärkte wesentlich weniger engagiert als in Asien.

Der Euro zeigte sich am Donnerstag durch die Freigabe des Wechselkurses verunsichert. Händler sagten, einerseits profitiere die Gemeinschaftswährung von einem Abbau von Lira-Positionen. Auf der anderen Seite werde befürchtet, europäische Banken könnten durch ihr Kreditengagement in der Türkei unter Druck geraten. Analysten zufolge ist das Engagement der internationalen Großbanken in der Türkei jedoch begrenzt.

IWF kündigt Gespräche an

Der Internationale Währungsfonds (IWF) kündigte neue Gespräche mit der Regierung in Ankara für diese Woche an. Der IWF hatte der Türkei im vergangenen Jahr Kredite in Milliardenhöhe zugesagt, die jedoch an Wirtschaftsreformen, Inflationseindämmung und die Haushaltsdisziplin des Landes geknüpft sind. Die Kredite haben ein Volumen von rund 11 Mrd. $.

Die US-Ratingagentur Moody´s stufte ihre Bonitätsbewertung für die Türkei auf Grund der Finanzkrise herunter. Die Ratingagentur Standard & Poor's hatte zuvor bereits erklärt, das Unternehmen sei "ernsthaft besorgt" über die Lage in der Türkei und werde eine Herabstufung der langfristigen und kurzfristigen Kreditwürdigkeit des Landes prüfen.

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