Reaktionen auf das TV-Duell
„McCain war wütend und verzweifelt“

Er wollte Barack Obama "den Hintern versohlen", doch daraus wurde nichts. John McCain hat sich beim letzten, härtesten TV-Duell der beiden Präsidentschaftsbewerber nach Ansicht vieler Kommentatoren zwar gut geschlagen. Sieger in den Umfragen aber ist Obama. Ein irischer Buchmacher hat ihn sogar bereits zum Sieger erklärt. Selbst prominente Anhänger der Republikaner verlieren langsam die Hoffnung.

WASHINGTON. Die Zuschauer haben sich ihr Urteil gebildet: 58 Prozent sehen Barack Obama als Sieger des letzten von drei TV-Duellen, nur 31 John McCain. Das ist das Ergebnis einer Umfrage des US-Senders CNN. "Wenn die Sonne heute Früh aufgeht, wird sich im Rennen um das Weiße Haus wenig verändert haben", heißt es in einer Analyse. Mit anderen Worten: Obama ist 19 Tage vor der Wahl kaum noch aufzuhalten.

Die demokratische Senatorin Hillary Clinton, einst Obamas innerparteiliche Konkurrentin, schwärmte von dem „großartigen Auftritt“ Obamas, der erneut seine „Führungsstärke“ bewiesen habe.

Alan Schroeder, Experte für Präsidentschafts-Debatten an der Northeastern University in Boston, beschrieb den Abend in der "USA Today" so: "Keine schlechte Debatte für McCain. Aber eine umso bessere für Obama".

"McCains größtes Problem ist, dass er keine großen Ideen hat, um die Probleme des Landes zu lösen", kommentierte die liberale "New York Times". In der Debatte habe der Republikaner nur noch "wütend und verzweifelt" gewirkt. McCain hatte gleich eine ganze Reihe von Geschützen aufgefahren: Obamas Kontakt mit dem 60er-Jahre-Radikalen William Ayers etwa, angeblich geplante Steuererhöhungen oder Obamas TV-Wahlspots, die zu „negativ“ seien. Um das Ruder nochmal herumzureißen, hatte der Senator aus Arizona vor dem Duell harte Attacken angekündigt. Er werde Obama „den ihr-wisst-schon-was auspeitschen“.

Das scheint nicht gut angekommen zu sein. Selbst der konservative Kolumnist Charles Krauthammer sagte, dass Obama "bemerkenswert ungerührt" die Attacken von John McCain pariert habe. Krauthammer kommt zu dem Schluss: "Obama gewann überwältigend". Der konservative Publizist Dick Morris sagte im US-Sender Fox News: "McCain war zwar großartig, stark und entschieden - aber Obama hat sich sehr gut geschlagen, er war präsidial, souverän". Bereits am Montag hatte der Publizist David Freddoso geschrieben: "Obama wird gewinnen, und McCain kann nichts dagegen tun: Das ist es, was die Konservativen denken, und sie sind zornig“.

Leise Hoffnungen hat noch Mike Huckabee, ehemals selbst Präsidentschaftskandidat der Republikaner. „Die Debatte war keine Kehrtwende“ im Wahlkampf, sagte er. Doch niemand solle McCain unterschätzen. Er sei schon oft „ausgezählt worden und ist dann wieder gekommen“.

Einer Umfrage von Reuters zufolge könnte Obama nach dem Duell mit 49 Prozent der Stimmen rechnen, wenn morgen gewählt würde. McCain käme auf 44 Prozent. In der Erhebung vom Donnerstag legte der demokratische Senator aus Illinois gegenüber dem Vortag um einen Punkt zu.

Unterdessen hat Irlands größter Buchmacher Obama bereits zum Sieger erklärt und mit der Auszahlung von einer Mio. Dollar begonnen. „Wir halten dieses Rennen für ganz und gar gelaufen“, teilte Paddy Power mit. „Wir gratulieren allen, die Obama unterstützt haben.“ Der Demokrat habe am Mittwoch bei der letzten Debatte gegen John McCain genug geleistet, um am 4. November zu gewinnen. Seit dem Sommer seien die Wetten „eine Einbahnstraße“ für Obama geworden. Insgesamt seien mehr als 10 000 Wetten auf die Wahl eingegangen. Zuletzt wurden neun Euro Einsatz benötigt, um einen Euro gewinn zu machen.

Nils Rüdel
Nils Rüdel
Handelsblatt / Deskchef Politik
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