Reaktionen der Kirch-Sender
Mit Zweckoptimismus durch die Krise

Leo Kirch steht vor dem Aus. Die drei großen Sender jedoch, an denen der Münchner Medienhändler mehrheitlich beteiligt ist, wollen von Krise nichts wissen. Aus den Sendern SAT.1, ProSieben und Kabel 1 dringen Durchhalteparole und trotzig demonstriertes Selbstbewusstsein.

dpa HAMBURG. Am Programm, sagen die Sprecher, werde sich für die Zuschauer nichts ändern. Sie wollen keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass ihre Existenz gesichert sei und ihr Programmprofil nicht angetastet werde - egal, wer die 52,52 Prozent KirchMedia-Anteil an der ProSieben SAT.1 Media AG übernehme. Medienexperten teilen den Zweckoptimismus der Sender allerdings nicht uneingeschränkt.

"Bei uns wird es keine Veränderungen geben", sagt eine Sprecherin des Münchner Privatsenders ProSieben, der mit einem Vorsteuerergebnis von 262 Millionen Euro im vergangenen Jahr die lukrativste Kirch-Beteiligung war. Bei ProSieben sind immerhin erfolgreiche Komiker wie Michael Herbig, Thomas Hermanns oder Stefan Raab zu Hause, Sonntags schalten viele Zuschauer ein, um den Kinofilm zu sehen, das Mittagsmagazin "SAM" erzielt hohe Marktanteile, das Boulevardmagazin "taff" hat sich längst etabliert, auch Aushängeschild Arabella Kiesbauer sorgt nach wie vor für hohe Werbeerlöse.

Sorgen machen muss sich der Sender aber um einige Programmflächen. Dazu gehört der Nachmittag, an dem die Gerichtsshows der Konkurrenz die Marktanteile haben wegbrechen lassen. Ein ideales Ziel für den neuen Investor, ob er Rupert Murdoch oder Silvio Berlusconi heißt, um seine Programmware zu platzieren? "Der neue Eigentümer wird nichts von heute auf morgen verändern", sagt der Hamburger Medienexperte Wolfgang Schulz, Direktor am Hans-Bredow-Institut. "Aber er wird einen schleichenden Wandel herbeiführen. Gerade bei Murdoch ist mit hoher Kommerzialisierung und damit Verflachung zu rechnen."

Die Frage ist, ob die Landesmedienanstalten sich diesen Zugriff gefallen lassen. "Eine Herausforderung an die Medienpolitik", meint Schulz. Denn Murdoch hat viel Serienmaterial auf Halde und könnte nach Einschätzung von Schulz auch pornografisches Filmmaterial im deutschen Free-TV durchs Hintertürchen einführen. Die Medienwächter müssen aufpassen - auch, weil die drei großen Sender als Vollprogramme lizenziert sind. Medienexperte Schulz: Es sei auch nicht auszuschließen, dass bei einer Übernahme des Kirchschen Filmbesitzes der Abspiel-Druck für den neuen Eigner auf die dann ehemaligen Kirchsender wachse. Etwa 11 000 Filme besitzt der Medienmogul.

Vor größeren Umwälzungen könnte Sat.1 stehen, auch wenn der Sender das Gegenteil behauptet. Immerhin bescherte das Jahr 2001 Sat.1 einen Verlust von 77 Millionen Euro. Nach Einschätzung von Branchenkennern gibt es Sparpotenzial im Management. Abgesehen von der ungewissen Zukunft der Fußball-Bundesliga würden Programmflächen wie der traditionell schwache Vorabend oder die Wochenenden auf dem Prüfstand stehen. Erfolgreiche Eigenprogramme wie die erwähnten Gerichtsshows oder Reihen wie die "Wochenshow", "Wolffs Revier", "Kommissar Rex" oder "Der Bulle von Tölz" gelten als ebenso sakrosankt wie lukrativ, sind doch die Rechte immer wieder verwertbar.

Auch der zweite Gewinn bringende Sender, Kabel 1, will sich nicht vor den Umwälzungen fürchten. Der Sender verweist auf seine "Cash Cows" im Bereich Filmklassiker, Serien und Showneuauflagen wie "Was bin ich?". Gefahr droht bei schwächeren Programmflächen wie zum Beispiel den täglichen Spielshows ("Glücksrad"), die wegen rückgängiger Zuschauerzahlen in die Krise geraten sind.

Bei den drei großen Kirchsendern sind insgesamt rund 550 Mitarbeiter fest angestellt, mehrere Hundert sind in Dienstleistungsunternehmen beschäftigt, die für die Gruppe tätig sind. Viele bangen um ihre Jobs.

Gravierender ist die Situation bei den kleinsten Sendern, an denen Leo Kirch über seine Firma Kirch Media beteiligt ist. Der Nachrichtensender N 24, der seit seiner Gründung vor gut zwei Jahren noch keine Gewinne erzielen konnte, steht nach Einschätzung von Beobachtern vor dem Ende. Er könnte gekauft werden und - da er wertvolle Kabel-Frequenzen belegt - für andere Zwecke genutzt werden. "Zeitungsverlage stehen Gewehr bei Fuß", sagt Schulz. Warum sollte nicht auch Herbert Kloiber (Tele München) zugreifen, ein ehemaliger Gefolgsmann Kirchs und alter Hase in der Branche? Er geht Ende April mit der Neuauflage von Tele 5 an den Start und sucht Plätze im Kabelnetz. Die Zukunft des Deutschen Sportfernsehens (DSF), eine hundertprozentige KirchMedia-Tochter, ist genau so ungewiss wie die des Spartensenders Neun live, an dem Kirch über ProSieben SAT.1 beteiligt ist.

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