Real auf Rekordtief
Anleger verlieren Vertrauen in Brasilien

Mit Brasilien droht ein zweites großes Land in Lateinamerika das bereits stark erschütterte Vertrauen der Investoren durch eine Finanzkrise zu untergraben. Bei Anlegern wächst die Furcht vor der Zahlungsunfähigkeit des Staates nach dem Vorbild des südlichen Nachbarn Argentinien.

Reuters NEW YORK. Die Landeswährung Real sank am Montag auf ein Rekordtief, und die Risikoaufschläge der Staatsanleihen weiten sich täglich aus. Doch Analysten betonen: Die heftigen Marktreaktionen seien nur psychologisch begründet, die Wirtschaft Brasiliens stehe viel besser da als die Argentiniens.

Vor der Präsidentschaftswahl

Den Hauptgrund für die jüngsten Kursturbulenzen an den brasilianischen Märkten sehen Experten in der Unsicherheit der Investoren vor den Präsidentschaftswahlen im Oktober. Anleger befürchteten, der in Meinungsumfragen haushoch führende Kandidat der linksgerichteten Arbeiterpartei (PT), Luiz Inacio Lula da Silva, werde entgegen eigener Beteuerungen die Sozialausgaben drastisch erhöhen und damit die Erfolge der bisherigen Sparpolitik aufs Spiel setzen. Dahinter steht letztlich die Sorge, dass bei einer Wahl Lulas der Real weiter an Wert verliert und damit für Brasilien die Bedienung der Schuldenlast von 274 Milliarden Dollar immer schwerer wird.

Im Extremfall könne dies die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas - wie beim Nachbarn Argentinien erlebt - in die Zahlungsunfähigkeit treiben, fürchten besorgte Anleger. Analysten empfehlen Investoren jedoch eine differenzierte Betrachtung und warnen davor, Brasilien auf eine Stufe mit dem krisengeschüttelten Argentinien zu stellen. "Der mit Abstand wichtigste Unterschied besteht in der Fiskalpolitik Brasiliens. Das Land erzielt nicht nur Budget-Überschüsse, sondern erfüllt sogar die strengen IWF-Sparziele", sagt Lawrence Krohn, Chefvolkswirt für Lateinamerika bei ING Financial Markets. Im Gegensatz zu Argentinien hätten die bisherigen brasilianischen Regierungen eine äußerst disziplinierte Haushaltspolitik verfolgt. Darüber hinaus wird das Land in diesem Jahr Prognosen zufolge voraussichtlich um rund zwei Prozent wachsen nach 1,5 Prozent 2001. Argentinien steckt dagegen seit vier Jahren in einer Rezession und kann seit Anfang dieses Jahres den Großteil seiner Auslandsschulden nicht mehr bedienen.

Wechselkurspolitik unterschiedlich

Einen weiteren fundamentalen Unterschied der beiden lateinamerikanischen Länder sehen Analysten auch in der Wechselkurspolitik. Während der Real bereits seit der Abwertung 1999 am Devisenmarkt frei gehandelt wird, steckte Argentinien bis zur Freigabe des Peso von der Dollarbindung Anfang 2002 in der Zwangsjacke einer künstlich überbewerteten Landeswährung. Dies hatte die Devisenreserven des Landes aufgezehrt und die argentinische Exportwirtschaft stark belastet. "Dieses Problem hat Brasilien nicht", sagt Ricardo Amorim, Leiter der Lateinamerika-Abteilung beim US-Forschungsinstitut IDEAGlobal.

Gerade weil der Kurs des Real frühzeitig frei gegeben worden sei, drohe in Brasilien außerdem anders als in Argentinien kein Ansturm besorgter Bürger auf ihre Ersparnisse bei den Banken. Die Flut von Abhebungen hatte zu einem rapiden Schwund der Bankeinlagen in Argentinien geführt. Die Regierung von Lateinamerikas drittgrößter Volkswirtschaft fror daraufhin die Sparguthaben vorläufig ein.

Doch an den Märkten scheinen diese Argumente der Analysten kaum Beachtung zu finden. Der Kurs des Real ist seit Tagen auf Sinkflug und fiel am Montag auf ein neues Allzeittief bei Kursen um 2,86 Real je Dollar. Die Renditen der brasilianischen Staatsanleihen liegen derzeit mehr als 17 Prozentpunkte über den enstprechenden US-Papieren. Auch die Aktienmärkte setzten ihre Talfahrt fort, der Leitindex Bovespa velor am Montag zeitweise fast 1,2 Prozent. Auch an der spanischen Börse wurden die Titel von Banken belastet, die stark in Brasilien engagiert sind. Für ING-Financial-Markets-Volkswirt Krohn zeigt diese Entwicklung vor allem die Kraft der Psychologie: "Wenn die Märkte beschließen, Brasilien wie Argentinien zu beurteilen, dann ist dieses Land wohl fast nicht mehr zu retten."

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