Realist ohne politischen Zynismus
Der Fremdling als Bundespräsident: Horst Köhler

Es war 13.52 Uhr, als Bundestagspräsident Wolfgang Thierse den bisher wichtigsten Sieg von CDU-Chefin Angela Merkel verkündete: Auf den Kandidaten der Union für das Amt des Bundespräsidenten entfielen 604 Stimmen - die klare Mehrheit. Für Merkel war der 23. März 2004 ein entscheidender Schritt Richtung Machtwechsel. Für den Ex-Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) und für Deutschland war es der Beginn eines Abenteuers.

Acht Monate nach der Wahl des Nicht-Politprofis zum Nachfolger von Johannes Rau ist klar, dass die Bundesrepublik kaum zuvor einen Präsidenten hatte, dem die Tagespolitik nicht zu nieder ist, um Einspruch zu erheben. Gerhard Schröder, der Regierungschef, hat dies als Erster erfahren. Köhlers Einspruch gegen die Verfrachtung des 3.-Oktober-Gedenkens auf einen arbeitsfreien Sonntag fiel auf: in der gesamten Öffentlichkeit.

Dass das präsidiale Widerwort zu einem Kräftemessen zwischen den Institutionen stilisiert wurde, lag weniger an Köhler selbst. Er bündelte nur die Zweifel, die von Angela Merkel bis zum DGB-Vorsitzenden Michael Sommer in der Gesellschaft unisono gegen die Kanzleramtspläne brandeten: unhistorisch und instinktlos. Köhler wollte das bedeutendste Nachkriegsereignis der deutschen Geschichte nicht verramschen lassen.

Politische Symbolik nicht zur Ramschware entwürdigen zu lassen ist allemal eine Aufgabe, die einem Bundespräsidenten frommt. Aber auch, Lebenslügen einer Nation zu benennen. So, als er im September zur Einsicht aufrief, die "unterschiedlichen Lebensverhältnisse" in Ost und West seien zu akzeptieren. Der Protest vor allem aus den Ost-Ländern war ihm gewiss. Doch nobilitierte dies Wehklagen nur die Absicht, eine noch forciertere Fortschreibung der Schuldenlast für künftige Generationen anzuklagen und stattdessen auf rigide Reformen zu drängen. Auch sein Appell an die Unternehmen, Vorstandsgehälter zu veröffentlichen, war geschickt begründet: Das sei nur eine Anpassung an "internationale Standards und Regeln".

Gleichfalls von hoher symbolischer Bedeutung war, dass seine erste Auslandsreise nach Polen ging. Seine jüngste Reise durch Afrika, die bisher größte, hat ebenso Signalcharakter. Denn das Engagement für den vernachlässigten Kontinent begründet er so: "Auslöser war ein Treffen mit zwölf westafrikanischen Präsidenten in Mali im Sommer 2000. Ich war IWF-Chef. Es war mein erster Besuch in Afrika. In einem Zentrum, das Hirse an schwangere Frauen verteilte, wurde mir ein Plastikbecher gezeigt. Er hatte den Durchmesser einer Untertasse und war ungefähr 20 Zentimeter tief. Das war eine Wochenration."

Wache Bürger merkten da auf. Offenkundig ist der Mann noch nicht durch das politische Säurebad des Zynismus gegangen und hat sich noch nicht dem ideologisch gemaßregelten Jargon der Parteipolitik ergeben. Das heißt auch: Die Mutmaßung, er könnte sich als Vorauskommando Merkels für eine unionsgeführte Bundesregierung begreifen, ist irrig. Der erste Nicht-Politiker, der Fremdling als Bundespräsident: Das Abenteuer ließ sich 2004 gut an.

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