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Rechenkünstler

Von ANDREAS RINKE Die gute Nachricht zuerst: In Deutschland wird laut neuester Pisa-Studie wieder besser gerechnet. Nun die schlechte Nachricht: Gemeint sind nur die Schüler, nicht die Politiker. Bei denen mangelt es im Wahlkampf schon bei den Grundrechenarten.


Von ANDREAS RINKE

Die gute Nachricht zuerst: In Deutschland wird laut neuester Pisa-Studie wieder besser gerechnet. Nun die schlechte Nachricht: Gemeint sind nur die Schüler, nicht die Politiker. Bei denen mangelt es im Wahlkampf schon bei den Grundrechenarten.

Bei der Vorstellung des Unions-Wahlprogramms etwa reichte es gerade noch dazu, die Finanzierungslücken in den Konzepten anderer Parteien zu entdecken: Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber erspähte (zu Recht) Lücken von bis zu 18 Milliarden im SPD-Wahlprogramm. Unions-Kanzlerkandidatin Angela Merkel spöttelte, dass auch in der Reinhardt-Straße (also der FDP-Zentrale) die Grundrechenarten nicht außer Kraft gesetzt werden können. Dass das Wahlprogramm der Liberalen selbst mit der größten Hoffnung auf die "Selbstfinanzierungskräfte" von Steuersenkungen nicht gedeckt ist, darüber sind sich tatsächlich alle anderen Parteien einig. Bei den Grünen hat sich im übrigen keiner mehr die Mühe gemacht, nachzurechnen.

Nur die eigenen Fehler beim Einmaleins haben weder Stoiber noch Merkel bisher entdeckt - oder entdecken wollen. So führt die Kanzlerkandidatin als Gegenfinanzierung für die Gesundheitsprämie für Kinder an, dass der Spitzensteuersatz von 42 nur auf 39 und nicht auf die ursprünglich geplanten 36 Prozent gesenkt werden soll. Sieben Milliarden Euro bringe dies, hat sie betont. Das klingt ganz nach einer Pisa-Frage mit eingebauter Falltür: Liebe Schüler, bringt der Verzicht auf die Hälfte einer Ausgabe tatsächlich mehr Geld in die Taschen? Bösartige Spötter fühlen sich gar an Grundsätze der DDR-Ökonomie, das sogenannte "Comecon-Voodoo" erinnert..... Jedenfalls sei niemandem empfohlen, diesen Merkelschen Sparlehrsatz im Privatleben umzusetzen.

Ohnehin scheint aber kaum jemand die wahlkämpferische Eleganz dieses Rechenkunststücks der Naturwissenschaftlerin bemerkt zu haben. Bei einigen Beobachtern mag man dies noch damit entschuldigen, dass sie auf einem politischen Auge längst erblindet sind. In der Vorfreude auf den erhofften Regierungswechsel nehmen sie seit Wochen nur noch wahr, was sie sehen wollen. Aber für alle anderen sei dringend ein Pisa-Test für Erwachsene empfohlen.

Das Dumme ist, dass solche "Ver-Rechnungen" andere, durchaus richtige und wichtige Ansätze wie etwa die Senkung der Arbeitskosten durch eine Mehrwertsteuererhöhung diskreditieren. Zudem verliert der Wähler bei all den diversen Gegenfinanzierungen, die die Union mittlerweile angekündigt hat, langsam den Überblick, welches Geld jetzt eigentlich für welche zusätzlichen Ausgaben genutzt werden soll - und ob alles zusammen wirklich ein Nullsummenspiel ergibt. Aber vielleicht ergibt dies ja eine Aufgabe für die nächste Pisa-Studie......


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