Rechnung geht auf
Mit alt mach’ neu

Ältere Arbeitnehmer können moderne Technik gestalten - eine Binsenweisheit. Meist lässt man sie aber nicht. Anders ist es bei Otmar Fahrion, der auch 60-Jährige einstellt.

Als Bundeskanzler Gerhard Schröder kürzlich den Transrapid in Schanghai einweihte, sauste er über Induktionsschleifen, die ein Montagezug verlegt hatte, der im schwäbischen Kornwestheim konstruiert wurde. Auch sonst ist das Ingenieurbüro Fahrion an renommierten Projekten beteiligt, beispielsweise hat es das Technologiezentrum von Daimler-Chrysler in Sindelfingen geplant.

Otmar Fahrion, geschäftsführender Gesellschafter, ist aber aus einem anderen Grund bei Kammern und Verbänden ein gefragter Referent: Er stellt Mitarbeiter ein, die die 60 überschritten haben - fast eine Sensation in Deutschland.

Angefangen hat es mit einem Fehlschlag: Im Jahr 2000 suchte der Unternehmer acht Ingenieure. Auf eine Anzeige für Projektmanager, -leiter, -ingenieure und-konstrukteure meldeten sich 17 Bewerber; davon war nur einer ausreichend qualifiziert. Fahrion hatte schon nicht damit gerechnet, dass sich viele Hochschulabgänger bei ihm meldeten, "denn die werden bereits im Studium von den Großunternehmen verpflichtet". Er fragte sich aber, wo denn nur die "alten" Ingenieure steckten, die überall entlassen wurden.

Seine These, dass diese sich resigniert ins Schneckenhaus zurückgezogen haben, wurde eindrucksvoll bestätigt, als Fahrion seine zweite Anzeige aufgab. Unter der Überschrift "Mit 45 zu alt - mit 55 überflüssig?" wurden Ingenieure, Techniker und Meister "bis 65" zur Bewerbung aufgefordert.

"Innerhalb von sechs Wochen erhielten wir 522 Bewerbungen", berichtet Fahrion. 180 davon wurden als "sehr gut passend" eingestuft, 100 als "noch gut passend". Auch ein Jahr danach tröpfelten immer noch Bewerbungen mit Bezug auf die Anzeige ein, so dass es schließlich über 700 waren.

Der bedächtig wirkende Fahrion, selbst auch 62 Jahre alt, konnte der Versuchung nicht widerstehen und nahm insgesamt 19 neue Mitarbeiter auf, davon zwölf im Alter von "50 plus". Nein, Zeitverträge schließt Fahrion nicht ab: "Das riecht nach einem Signal, dass der Betreffende bei uns die Rente nicht erleben soll."

Bei den neuen Kräften bestätigte sich die Erfahrung, die der Ingenieur vorher schon mit älteren Mitarbeitern gemacht hatte: Ihr Einsatz rechnet sich. "Ich mache das ausschließlich aus wirtschaftlichen Gründen", versichert Fahrion.

Zum einen sei es für Mittelständler schwer, in Konkurrenz zu den Großunternehmen junge Mitarbeiter zu gewinnen. Zum anderen kam es öfter vor, dass Jüngere von den Kunden abgeworben wurden: "Wenn uns ein Mitarbeiter nach zehn Jahren verlässt, dann gehen 200 000 bis 250 000 Euro zur Tür hinaus", beklagt der Unternehmer. Die Gefahr, dass Ältere abgeworben werden, sei vergleichsweise gering: "Die sind eine planbar lange Zeit bei uns."

Ein weiteres Argument sind die Integrationszeiten: "Ein Ingenieur über 50 kann bei uns in drei Jahren bis zum Projektleiter aufsteigen." Bei einem Ingenieur über 25 rechnet Fahrion mit 15 Jahren Entwicklungszeit. Konkret bedeutet dies, dass für den Älteren schon nach drei Jahren Tagessätze für Projektleiter berechnet werden können, bei denen auch die Leitungsfunktion zu Buche schlägt.

Die Folgen sind massiv: "In den ersten 15 Jahren erwirtschaftet ein Ingenieur ,50 plus? den drei- bis fünffachen Ertrag eines 25-Jährigen", hat Fahrion errechnet. Die Eingliederungshilfe des Arbeitsamts für Ältere, die länger als ein Jahr arbeitslos sind, fällt dabei kaum ins Gewicht.

Für sein Geschäft braucht Fahrion "Leute, die schwierige Aufgaben technisch, ökonomisch und strategisch angehen können". Vor Ort bei Kunden seien die Ingenieure meist auf sich allein gestellt, besonders im Ausland. Gefordert ist dann die Fähigkeit zu entscheiden und zu improvisieren: "Das geht gar nicht ohne Erfahrung." Wenn es im Projekt knirscht, muss der Ingenieur im Krisenmanagement spüren, "aus welcher Ecke das Problem initiiert wird: Da sind die älteren Kräfte genau richtig."

Es sei erstaunlich, so Fahrion, welche Erfahrungen die Älteren oft mitbringen: zweite und dritte Sprachen oder langjährige Auslandsaufenthalte, die sie befähigen, auch in anderen Kulturen Leitungsaufgaben zu übernehmen. Die Jüngeren brächten oft ein besseres Methodenwissen mit, weswegen das Ingenieurbüro auf altersvermischte Teams setzt.

Und was ist mit der Anfälligkeit Älterer für Krankheiten? Auch hier hat Fahrion eine pragmatische Sichtweise: "Wo die über 50-Jährigen das Zipperlein plagt, da haut es die Jüngeren vom Mountainbike."

"Ich konnte es nicht fassen", berichtet Gerhard Schilling, 59, der als 57-Jähriger freitags um 11 Uhr einen Vorstellungstermin hatte und um 12 Uhr eingestellt war. Bis dahin hatte Schilling nicht weniger als 1 200 Bewerbungen geschrieben - alles vergeblich. Und: "Das Arbeitsamt hatte mich längst abgeschrieben."

"Nur" auf 350 Bewerbungen hatte es Wolfram Lehmann aus Jena gebracht, der mit 60 bei Fahrion anfangen konnte. Er ist Wochenendpendler, genau wie Ulrich Wilke, 54, der im Herbst angestellt wurde und aus Dessau kommt. Die beiden Ostdeutschen dienen Otmar Fahrion auch als Beweis dafür, wie flexibel ältere Arbeitnehmer sein können. Auch Wilke klagt über das Arbeitsamt: "Die haben mich zum SAP-Berater umgeschult, obwohl in diesem Beruf niemand über 35 eingestellt wird. Die Behörden nehmen das alles nicht so ernst."

Ganz anders ist dies bei der Initiative "Qwai", die sich älterer Ingenieure annimmt (s. Adresskasten). Qwai-Projektleiter Manuel Strack hat dem Kornwestheimer einige Arbeitnehmer vermittelt: "Man merkt, dass Fahrion ältere Mitarbeiter schätzt und sie nicht nur als Notlösung ansieht."

Das war nicht immer so: "Auch ich hatte ein Vorurteil und dachte: Nimm keinen über 35", bekennt Fahrion, der heute auf Veranstaltungen anderen Unternehmern den ökonomischen Nutzen der Älteren vorrechnet. Dabei hofft er, dass einmal ein Großunternehmen seinem Beispiel folgt: "Uns Kleine nimmt man da nicht für voll."

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SERVICE

QWAI - Qualifizierung und Wieder- eingliederung älterer, arbeitssuchen- der Ingenieure. Die öffentlich geförderte und von Gewerkschaft und Arbeitgebern getragene Initiative in Stuttgart vermittelt Ingenieure und hilft bei ihrer Qualifizierung für konkrete Stellen.

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