Rechte: "Wir sind Waffenbrüder"
Linksparteien in Frankreich für Bündnis gegen Le Pen

Nach dem überraschenden Einzug des rechtsradikalen Politikers Jean-Marie Le Pen (73) in die zweite Runde der Präsidentschaftswahl haben Sozialisten und Kommunisten zur Unterstützung für Amtsinhaber Jacques Chiranc aufgerufen.

Reuters PARIS. Le Pen hatte am Vortag bei der ersten Wahlrunde überraschend den sozialistischen Ministerpräsidenten Lionel Jospin aus dem Feld geschlagen und tritt vorläufigen Ergebnissen zufolge bei der Stichwahl im Mai gegen Präsident Chirac an. Der ehemalige Fallschirmjäger Le Pen gab sich zuversichtlich, auch diese Wahl zu gewinnen. Erste Umfragen zur Stichwahl sehen allerdings Chirac mit 80 % gegen 20 % für Le Pen vorn. Der Generalsekretär der Sozialisten, Francois Hollande sagte am späten Sonntagabend zur Unterstützung Chiracs: "Wir werden tun, was wir tun müssen, weil wir Republiker und Demokraten sind."

Ähnlich wie Hollande äußerte sich auch Finanzminister Laurent Fabius. Der Parteisekretär der Kommunisten, Marie-George Buffet forderte einen "Staudamm gegen Rechtsaußen" in der Stichwahl. Chirac rief die Franzosen in einer ersten Reaktion zur nationalen Einheit und zur Verteidigung der Demokratie auf. "Demokratie ist das Wertvollste überhaupt", sagte er. "Frankreich braucht euch heute Nacht, ich brauche euch."

Etwa 10 000 Demonstranten hatte sich aus Protest gegen die La Le Pens in den Straßen von Paris versammelt. Sie schlugen auf Mülleimer und auf Trommeln und hielten Schilder mit der Aufschrift "Le Pen. Schande." hoch. Viele riefen "Ich schäme mich" und "Le Pen ist ein Faschist". Auch in Lille, Lyon, Bordeaux und Grenoble gab es spontane Kundgebungen. In Straßburg riefen etwa 4000 Demonstranten "Le Pen, du bist am Ende. Die Franzosen gehen auf die Straße." Unter einem Foto von Le Pen titelte die Zeitung "Liberation" in Großbuchstaben mit "Non" (nein). Die Zeitung "Le Figaro" sprach auf ihrer Titelseite von einem "Erdbeben".

Nach der Auszählung von 97,75 % der Stimmen lag Chirac mit 19,67 % an erster Stelle, gefolgt von Le Pen mit 17,02 % und Ministerpräsident Jospin mit 16,07 %. Allgemein war erwartet worden, dass Jospin den zweiten Platz belegt. Die Wahlbeteiligung erreichte den Angaben zufolge ein Rekordtief. Etwa 27,6 % der Wähler blieben den Urnen fern, mehr als je zuvor in der ersten Runde einer Präsidentenwahl. Die ausstehenden Ergebnisse aus den Überseegebieten und Wählern im Ausland wurden Montagmittag erwartet. Ersten Umfragen zufolge kann Chirac in der Stichwahl mit 80 % der Stimmen rechnen.

Entsetzen unter Frankreichs Linken

Frankreichs Linke reagierten mit Entsetzen auf das Ergebnis. "In meinen schlimmsten Albträumen hätte ich es nicht für möglich gehalten", sagte Louisa Ouarezki unter Tränen im Wahlkampf- Hauptquartier der Sozialisten. Jospin kündigte seinen Rückzug aus der Politik nach der Stichwahl am 5. Mai an. Damit tritt er nicht mehr als Spitzenkandidat der Sozialisten bei der Wahl der Nationalversammlung im Juni an.

Le Pen sagte, nach dem Rauswurf Jospins in der ersten Wahlrunde sei auch ein Rauswurf Chiracs bei der zweiten Runde durchaus wahrscheinlich. "Ich rufe die Franzosen aller Rassen, aller Religionen und jeder sozialer Stellung auf, für diese historische Chance der nationalen Erneuerung zusammenzukommen", sagte er. "Habt keine Angst zu träumen, ihr kleinen Leute, das Fußvolk, die Ausgeschlossenen...ihr Bergmänner, ihr Stahlarbeiter, Arbeiter in all den Industrien, die von der Euro-Globalisierung von Maastricht ruiniert wurden."

Der 73-jährige Le Pen macht seit Jahrzehnten Stimmung gegen Einwanderer und zieht einen Zusammenhang zwischen der Kriminalität im Lande und einer massenhaften Einwanderung. Für Entrüstung über Frankreich hinaus sorgte er 1987, als er die Ermordung der Juden unter den Nazis als "Detailpunkt in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs" bezeichnete.

In ersten Stellungnahmen in der Nacht zeigten sich Europas Linke erschüttert über Le Pens Abschneiden, rechte Parteien dagegen erfreut. "Wir sind Waffenbrüder", sagte der Chef des rechten belgischen Vlaams Blok, Filip Dewinter, der Nachrichtenagentur Reuters. "Was heute in Frankreich passiert ist, wird auch in unserem Land passieren." Dagegen sagte der Fraktionsvorsitzende der britischen Labour Partei im Europaparlament, Simon Murphy: "Das wird die Europäische Union erschaudern lassen. In ganz Europa, von Österreich bis Italien, Dänemark und Belgien, werden die Rechtsextremen immer mehr zu einem Krebs in unserem politischen System." SPD-Generalsekretär Franz Müntefering sagte im Deutschlandfunk zum Wahlausgang: "Darauf war ich überhaupt nicht vorbereitet."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%