Rechtsraum
Der Amtsschimmel, wiehernd im Internet

In einem modernen Staat gedeihen Wirtschaft und Technologie. Deutschland ist ein moderner Staat. Und da sich der Fortschritt nicht aufhalten läßt, hat es jetzt auch die Verwaltungen erwischt. "E-Government" heißt das Zauberwort, das die deutschen Kommunen in den Cyberspace katapultieren soll.

Anders ausgedrückt, der Amtsschimmel soll bald auch im Internet wiehern können. Nun mögen einige Leute die Stirn runzeln, eingedenk der Tatsache, dass die Mehrheit deutscher Amtsstuben immer noch den diskreten Charme der 50er Jahre verströmt - baulich, EDV-mäßig, vor allem mental, in den Köpfen der Staatsdiener. Wer hat sich auf endlosen Fluren nicht schon einer gewissen Willkür ausgesetzt gefühlt? Die gezogene Nummer in der feuchten Hand auf eine gnädiges oder zumindest gut gelauntes Gegenüber gehofft (und doch verloren)?

E-Government soll langfristig gesehen die deutsche Verwaltungslandschaft revolutionieren. Virtuelle Rathäuser, die immer geöffnet haben (das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen), und die Vernetzung von Behörden, Unternehmen und Bürgern sollen eine tragfähige Plattform für das E-Government bilden.

Ein schöner Gedanke, ein löbliches Vorhaben, das bereits in einigen Vorbildkommunen erste Erfolge in Projektform zeigt. Als besonders fortschrittlich gilt Osnabrück, wo Unternehmer sich online ab Herbst 2001 rund um die Uhr über den Bearbeitungsstand ihres Bauantrags und ihrer Gewerbeanmeldung informieren können. Daneben wurden im Oktober in Nürnberg, Erlangen, Fürth, Bayreuth und Schwabach ähnliche Pilotprojekte für Bürger gestartet. Auch in Bremen und Mannheim funktioniert die schlankte E-Verwaltung bei rund einem Dutzend Dienstleistungen. So können etwa per PC amtliche Formulare von zu Hause aus unterschrieben werden, und - noch wichtiger für die Kommunen - Verwaltungsgebühren übers Internet per Geldkarte bezahlt werden.

Die Bedeutung des Themas E-Government wurde allerdings längst nicht überall erkannt. Große Probleme sind noch innerhalb der Behörden selbst zu überwinden. Das zeigen die Ergebnisse verschiedener Studien: Laut einer Umfrage des Psephos-Instituts im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung ließen sich nach Erkenntnissen der Städte deren Verwaltungskosten zwar um 30 % senken, doch es werde dennoch wohl sechs bis zehn Jahre dauern, bis das virtuelle Rathaus in jeder Stadt funktioniere. Eine Umfrage des Deutschen Städte- und Gemeindebunds kommt sogar zu dem Ergebnis, dass von 200 befragten Stadtverwaltungen nur 12 % über ein Strategiekonzept in puncto elektronische Verwaltung verfügen. 89 % gaben an, die Wünsche ihrer Bürger gar nicht zu kennen.

Die größte Hürde bei der Umsetzung des E-Government werden also nicht die Technik, die EDV oder der Internet-Schulungsbedarf von Bürgern und Verwaltungsbeamten sein, sondern die Schranken in den Köpfen der Menschen. Deutschland ist (leider) immer noch kein Dienstleistungsland. Das muss zwangsläufig jeder erfahren, der sich in den Handel oder eben auf deutsche Ämter begibt. Wie bitte soll die kommunale Verwaltung "benutzerfreundlicher" werden, wenn in modern ausgestatteten Amtsstuben noch immer der gleiche alte Geist herrscht? Daran muss wohl zu allererst gearbeitet werden.

Nur wenn sich der Dienstleistungsgedanke, der Wille zum Service durchsetzt, haben die Verwaltungen eine echte Chance, das Internet auch zur Imageverbesserung zu nutzen. Wenn nicht? Ja, dann geht wohl eher ein Kamel durch ein Nadelöhr, als der Amtsschimmel erfolgreich ins Netz.

Frank G. Heide
Frank G. Heide
Handelsblatt / Redakteur Auto + Motor
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%