Reden ist Silber, Schweigen ist Gold
Worte sind die Kleider der Gedanken

Wer Karriere machen will, sollte seine Gedanken in angemessene Worte kleiden - rät Earl Chesterfield. Da sich die Menschheit nicht wesentlich ändert, bleiben auch die Ratschläge mancher Klassiker immer aktuell.

Als Henning Kreke vor wenigen Monaten die Nachfolge seines Vaters Jörg Kreke bei der Douglas Holding antrat, offenbarte er auch die Wurzeln seiner Begeisterung für wirtschaftliche Geschehnisse: "Ich komme aus einer traditionsreichen Handelsfamilie. Bei uns wurde schon beim Frühstück übers Geschäft gesprochen und abends war Kassensturz", so der frischgebackene Douglas-Vorstandsvorsitzende.

Neben BWL-Studium, Managementkursen oder Trainee-Ausbildung spielt auch die Erziehung eine große Rolle bei der Frage, ob Kinder später im Unternehmen erfolgreich Verantwortung übernehmen oder nicht.

Schon vor über zweihundert Jahren hat es sich deshalb Philip Dormer Stanhope, der vierte Earl of Chesterfield (1694-1773), zur Lebensaufgabe gemacht, seinen unehelichen Sohn Philip auf dessen spätere Karriere vorzubereiten. "Mein einziger noch verbleibender Wunsch ist es, Dir Ratgeber und Gehilfe Deines heranwachsenden Ehrgeizes zu sein", schreibt der erfolgreiche Staatsmann, der Mitglied des Unterhauses war und als einer der besten Redner des Parlamentes galt, in den Briefen an seinen Sohn. "Lass mich in Dir meine eigene Jugend wieder aufleben sehen ... Ich verspreche, Du wirst es weit bringen."

Briefe als Karriere-Ratgeber in kleinen Häppchen

Stanhopes Briefe waren eine Art Karriere-Ratgeber in kleinen Häppchen. Die Ratschläge, die er damals formulierte, haben noch heute Bedeutung, und sind für jeden lesenswert, der beruflich weiterkommen will.

Besonders wichtig, so Stanhope, ist es, die eigenen Kontakte mit Bedacht auszuwählen. Wer Karriere machen will, soll sich seiner Ansicht nach immer nach oben orientieren. "Wähle die Gesellschaft Deiner Vorgesetzten, wann immer das möglich ist", schreibt Stanhope. "Das ist richtiger und wahrer Stolz. Dagegen ist es verfehlter und törichter Stolz, sich bei Untergebenen hervorzutun."

Doch gerade der Kontakt zu Vorgesetzten birgt auch Gefahren. Leicht ist ein Fauxpas begangen, allzu häufig durch Eitelkeit. Vor solchen Ausrutschern kann nur intensive Zurückhaltung schützen. Bescheidenheit als höchste Karrierepflicht: "Ist die Erwähnung der eigenen Person dennoch einmal unvermeidlich, dann sollte nicht ein einziges Wort, direkt oder indirekt, darauf hindeuten, dass man nach Beifall hascht."

Denn wer sich selbst herausstellt, so Stanhope, wird damit letztendlich nur das Gegenteil erreichen: "Bilde Dir nicht ein, dass dadurch Deine Schwachstellen vertuscht oder Deine Vorzüge herausgestrichen werden. Im Gegenteil, in neun von zehn Fällen werden die Fehler offenkundiger und die Vorzüge verdunkelt."

Informationsbeschaffung mit List und Tücke

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Diese Weisheit vertritt auch Stanhope. Manager lernen dadurch, dass sie geschickt zuhören sollen - nachdem sie ihr Gegenüber zum Reden gebracht haben. Dafür empfiehlt Stanhope eine List: "Sich unwissend stellen, ist sehr oft ein höchst notwendiges Mittel, um Kenntnisse in der Welt zu erwerben." Denn wer unwissend erscheint, erscheint auf den ersten Blick auch ungefährlich.

Stanhope: "Es ist die beste Methode, sich gründliche und vertrauliche persönliche Informationen zu verschaffen. Denn die meisten Leute sind zu eitel, um anderen nicht ihre Überlegenheit zu zeigen. Obwohl nur für einen Augenblick und bei reinsten Lappalien werden sie Dir Dinge mitteilen, die sie nicht erzählen sollten."

Ein Gespräch hier, ein paar Worte da, und der Tüchtige hat genügend Informationen gesammelt, um entweder die Marktlage der Konkurrenten einschätzen zu können, die Schwachstellen des eigenen Unternehmens zu analysieren, oder aber auch eigene Projekte besser planen zu können.

Sollte sich eine Rede nicht vermeiden lassen, gilt es, dieser viel Mühe zu widmen. Denn nur wer gut redet, kann seine Zuhörer für sich gewinnen: "Ich muss Dir sicherlich nicht erklären, wie sehr die Eleganz des Ausdrucks die vortrefflichsten Gedanken schmückt und die niederträchtigsten beschönigt. Im Unterhaus zählt diese Kunst fast ausschließlich, und so auch in jeder öffentlichen oder privaten Versammlung. Worte, die die Kleidung der Gedanken sind, verdienen gewiss mehr Sorgfalt, als die Garderobe der Menschen."

Informationsmanagement ist alles

Ein Geschäftsmann bekommt es mit vielen Persönlichkeiten zu tun. Es lohnt sich für ihn, an seiner Menschenkenntnis zu arbeiten: "Du wirst mit allerlei Charakteren zu schaffen bekommen; daher solltest Du sie durch und durch kennenlernen, um sie geschickt zu lenken."

Informationsmanagement ist ein zentraler Punkt in den Ratschlägen Stanhopes an seinen Sohn. Geschickt Informationen zu sammeln, um diese später zum eigenen Vorteil einsetzen zu können, das ist die Essenz erfolgreicher Karriereplanung. Doch es gilt, falsche Informationen zu erkennen - durch umfangreiche Prüfung des Gehörten. "Lass es Dir zur Lebensmaxime werden, alles wissen zu wollen, was Du selbst wissen kannst. Und vertraue nie blind den Informationen anderer. Diese Regel war mir Zeit meines Lebens von unendlichem Nutzen."

Mit der Informationsbeschaffung hängt natürlich auch intensive Beziehungspflege zusammen, und das fand schon damals über mehrere Länder hinweg statt. Unverzichtbar, damals wie heute, die Kenntnis mehrerer Fremdsprachen: "Ich setze voraus, dass Dein letzter Aufenthalt in Deutschland Dich im Deutschen so perfekt und grammatikalisch korrekt gemacht hat, wie Du es zuvor im Französischen warst. Denn es ist für jedermann lohnend, jedwede Sprache vollkommen zu beherrschen, die zu sprechen er Gelegenheit hat."

Systematik und Ordnung erleichtern das Tagesgeschäft

Doch nicht nur für das politische Miteinander mit Konkurrenten und Vorgesetzten gab Stanhope seinem Sohn nützliche Tipps, sondern er schrieb ihm auch, wie er das Tagesgeschäft zu erledigen hat: "Ich wünsche mir von Herzen, dass Du sofort damit beginnen mögest, ein systematisch denkender Mensch zu sein. Nichts trägt mehr dazu bei, eine gechäftliche Angelegenheit zu erleichtern und zu erledigen als Systematik und Ordnung. Halte Ordnung und Systematik in Deinen Berichten, beim Lesen, in Deiner Zeiteinteilung, kurz gesagt, in allem."

Durch eine Systematik lässt sich, dass wusste Stanhope, viel Arbeit in kürzerer Zeit erledigen. Das kam seiner Tendenz zu ausgeglichenem Leben sehr entgegen, denn vom Workaholismus hielt Stanhope überhaupt nichts: "Geschäftliche Tätigkeit verbietet keinesweg das Vergnügen. Im Gegenteil, sie bringen einander zur Reife. Und ich wage zu behaupten, dass niemand in einem von beiden zur Vollkommenheit gelangt, der nicht beide miteinander verbindet."

Stanhopes Karriere-Tipps, so umfassend sie waren, fielen leider nicht auf fruchtbaren Boden. Der Traum, das Ministeramt an den Sohn weiterzugeben, ging nicht in Erfüllung. Philip Stanhope starb bereits früh - und ohne große Auszeichnungen - als Gesandter am unbedeutenden sächsischen Hof.

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