Archiv
Redner gesucht

Was so eine Rede nicht alles vermag!

Was so eine Rede nicht alles vermag! Mit einer guten 15-Minuten Rede
verbesserte der 38-jährige Anwärter auf das Führungsamt der
Konservativen, David Cameron, sein Chancen so dramatisch, dass er den
Bookies der Wettbüros plötzlich als Spitzenkandidat gilt. Was ihm
natürlich auch half, war die miserable Rede des Spitzenkandidaten David
Davis einen Tag später. Cameron trug seinen Text auswendig und ohne Pult
vortrug wie ein amerikanischer Prediger, Davis klammerte sich ans Pult
und hüpfte nervös von einem Bein aufs andere. Wo Cameron die Menschen
durch Frische und Vision inspirierte, war Davis Rede eine vorsichtiges
Abhaken bekannter Positionen. Cameron drängte auf Erneuerung und Reform,
Davis wollte es allen Recht machen. Cameron hatte seine Rede geübt.
Davis nicht. Und so nahm der Abgeordnete Alan Duncan, einer seiner
bisherigen Anhänger, nach der Rede von das Handy und textete: "Es war
furchtbar. Ihr könnt auf mich verzichten".

Auch Tony Blairs politische Karriere könnte man gut als eine Folge
großer Reden beschreiben, angefangen mit der großen Parteitagsrede, in
der er Labour 1992 aufforderte, die heiligste Kuh, die
Nationalisierungsklausel in der Parteiverfassung, zu schlachten. Immer
wieder hat Blair, wenn man schon dachte, es sei aus mit ihm, durch eine
große Rede das Ruder herumgedreht. In der Abstimmung über den Irakkrieg
im Unterhaus oder als er vor zwei Jahren gehasst und demütig durch die
Kelly Affäre, vor die Labourkonferenz trat. Seine Rede vor dem
Europaparlament im Juli, in er als Zerstörer des Haushaltskompromiss
antrat und am Ende als Wunderheiler der EU beklatscht wurde. Oder nun
auf dem Labourparteitag, wo er eine seiner besten Reden hielt. Wieder
einmal sagte er den Parteimitgliedern Unangenehmes - zum Beispiel über
die Globalisierung - gerade ins Gesicht, aber mit so wohlgesetzter
Überzeugungskraft, dass er am Schluss bejubelt wurde. Gute Redner können
wirklich überzeugen, auch wenn sie Unangenehmes sagen.

Diese Kunst der politischen Rede - man muss es einfach sagen, ist in
Deutschland wohl nicht so hoch entwickelt. Man sah es im Wahlkampf. Wie
viele Redner glaubten, auch im Zeitalter effektiver Soundanlagen, die
besten Effekte mit Geschrei und kraftvollem aufs Pult Klopfen zu
erzielen - wo doch jeder weiß, dass eine dynamische Rede, mit lauten und
leisen, schnellen und langsamen Stellen die Zuschauer viel mehr bei
Laune hält. Im Unterhaus wird debattiert - im Bundestag werden Reden
abgelesen. In englischen Schulen gehört das Vortragen und Debattieren
zur Grundausbildung. In den "Debating Societies" der Universitäten
schult sich die politische Elite. Starredner, wie etwa der frühere Tory
Redner William Hague, einer der besten der Zukunft, können pro Auftritt
über 25000 Euro verlangen - fast wie ein Popstar.

Vielleicht könnten sich deutsche Politiker und Feiertagsredner mal ein
paar Tips von der Insel holen. Zum Beispiel den, dass es keine gute Rede
ohne ein Paar gute Lacher des Publikums gibt. Und noch etwas beherrschen
britische Redner wie aus dem FF: Kürze und Prägnanz. Wer zu lange auf
einem Thema herumkaut, gilt schnell als Langeweiler. Man sah bei den
Tories in Blackpool, wie viel man mit einer guten Rede in 15 Minuten
erreichen kann!


Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%