Reform der betrieblichen Altersvorsorge
Betriebsrente: Falsche Freunde

Wenn Tarifparteien träumen: "Höhere Rendite, politisch korrekt", kommentiert knapp die IG Metall. "Sicher und attraktiv", lobt der Arbeitgeberverband Gesamtmetall. "Eine willkommene Alternative", sekundiert der Sachverständigenrat. Ein "Meilenstein", schwärmt das Arbeitsministerium.

DÜSSELDORF. Das Lob der Ministerialen ist folgerichtig, schließlich haben sie das umschwärmte Werk ausgeheckt - die Reform der betrieblichen Altersvorsorge. Vom kommenden Jahr an darf jeder Arbeitnehmer einen Teil seines unversteuerten Bruttogehaltes für die Altersvorsorge abzweigen. Zum Beispiel die Mitarbeiter der Telekom, die demnächst neben dem Gehaltszettel ein Schreiben ihres Arbeitgebers im Briefkasten finden werden. Darin wird ihnen der Einstieg in einen Pensionsfonds-Sparplan offeriert. "Grundsätzlich ein attraktives Angebot", urteilt Diether Döring. Der Wirtschaftsprofessor ist Mitglied der Rentenstrukturkommission und rechnet bis 2030 mit einem Pensionsfonds-Vermögen zwischen einer und zwei Billionen Euro. Das wäre mehr, als zurzeit in allen deutschen Fonds steckt.

So viel Geld macht sinnlich, und deshalb sind die Schwärmereien der Tarifpartner mit äußerster Vorsicht zu beurteilen. Dass IG-Metall-Chef Klaus Zwickel das Standard-Vorsorgemodell seines Tarifbezirkes, die so genannte Metall-Rente, am liebsten zur Norm der betrieblichen Altersvorsorge machen will, stimmt ebenso nachdenklich wie das Verdikt von Martin Kannegiesser. Der Präsident von Gesamtmetall spricht von einem Paradigmenwechsel, an dem man zusammen mit der Gewerkschaft beteiligt sei. Im Gesetz hat er schon einen "entscheidenden Gestaltungsauftrag" erkannt.

Und den nutzen beide Strategen weidlich und nicht zu ihrem Nachteil aus. Zusammen gründeten sie eine Gesellschaft, die die Gelder der Metall-Rente verwalten soll. Zwar wollen sie die Organisation flach halten und lediglich "ein großes Netzwerk überwachen und kontrollieren", aber auf die Besetzung der (zwei) Geschäftsführerposten verzichteten sie deswegen nicht.

Laien könnten Renditen durch falsche Strategien schmälern

Heikel für die beitragszahlenden Arbeitnehmer könnte die Tatsache sein, dass die Tarifpartner auch den Beirat besetzen. Dort wird über die so wichtige grundsätzliche Anlagestrategie beraten, die so genannte Asset Allocation, die letztlich für mehr als 90 Prozent des langfristigen Erfolges verantwortlich ist. Vor allem seit die Pensionsfonds weitgehende Anlagefreiheiten haben, könnten die Laien im Beirat der Metallindustrie und in den strategischen Anlageausschüssen der Chemiebranche die Renten durch eine falsche Strategie schmälern. Zwar lassen sich die beiden Partner von Experten beraten. Aber DGB-Boss Dieter Schulte hat bereits klargestellt, dass die Gewerkschaften durchaus auch politische Ziele mit dem Geld der Arbeitnehmer verfolgen: Die Anlage dürfe nicht nur nach Renditegesichtspunkten erfolgen. Es müsse auch nach ethischen Kriterien investiert werden.

Im Übrigen will der Gewerkschaftsmann mit den Fonds auch die internationale Solidarität der Arbeiterklasse fördern: "Bei Anlagen im Ausland muss klar sein, dass dort Arbeitnehmerrechte beachtet werden." Schulte hatte auch schon daran gedacht, in schwachen Zeiten, Geld aus Vermögensbildungsfonds für Konjunkturprogramme zu benutzen. In guten Zeiten könne es dann ja zurückgezahlt werden. "Die haben noch nicht verstanden, dass es nicht ihr Geld ist", sagt dazu der Fondsmanager eines Münchener Finanzinstituts. Das mag auch die Unternehmerseite nicht so recht einsehen. Sie mischt kräftig mit, obwohl sie in der Praxis kaum mehr tun muss, als eine möglichst preiswerte Insolvenzversicherung abzuschließen. Während die Firmen bei der früheren Betriebsrente mit einer Direktzusage kräftig ins Obligo gingen, ist ihr wirtschaftliches Risiko künftig gleich Null. Dennoch wollen die Patriarchen in den Vorständen nahezu willkürlich darüber entscheiden, ob und wie Arbeitnehmer mit ihrem Geld in Vorsorge- Pläne einsteigen dürfen. Sie bestimmen, ob mit Fonds oder mit einer Versicherung vorgesorgt wird, ob Berufsunfähigkeit und Hinterbliebenenschutz im Angebot sind und mit welchem Risiko die Gelder, die ihnen nicht gehören, angelegt werden. Der Geschäftsführer des Bundesverbandes der Investmentgesellschaften, Manfred Laux, sieht das "liberale Vorsorge-Modell damit ins Gegenteil verkehrt".

Ein geschlossener Kreislauf

Bei manchen Unternehmen sind sogar hermetische Modelle denkbar. So hält Elektronikriese Siemens alles vor, um den kompletten Altersvorsorge-Plan zu installieren, durchzuführen und zu kontrollieren. Die Siemens AG sammelt bei ihren Arbeitnehmern das Geld ein, das die Kapitalanlagegesellschaft aus dem eigenen Haus managt. Beratung und Performancekontrolle erfolgen durch die Siemens Financial Services. Ein geschlossener Kreislauf, in den man sich traditionell nur ungern hineinschauen lässt. Ergebnisse zur betrieblichen Altersvorsorge wurden bis jetzt - jedenfalls in Deutschland - noch nicht veröffentlicht.

Noch sind nicht alle Branchen und Firmen konkurrenzlos durchorganisiert, doch der Weg ist geebnet. Das zeigt auch das Beispiel der Chemiebranche. Dort gewann kürzlich die HypoVereinsbank den Wettbewerb um die Verwaltung der Altersvorsorge gegen die Allianz. Zwar versprachen die Sieger "ein offenes Konzept, bei dem auch andere Fondsgesellschaften zum Zuge kommen werden", aber als Eigentümer der Gesellschaft, die die Altersvorsorge organisiert, dürfte es bei der Chemie-Rente ungefähr so viel Wettbewerb geben wie auf den Gleisen der Deutschen Bahn. Für diese Position kam die Bank den Tarifpartnern so sehr entgegen, dass sich Gottlieb Förster, Leiter Abteilung Tarifpolitik der IG Bergbau Chemie Energie, wunderte: "Die brauchen mit Sicherheit Jahre, bis sie ans Geldverdienen kommen."

Kosten- und Renditevorteile

Dass sie sich auf eine längere Durststrecke einlässt, zeigt, wie überzeugt die HypoVereinsbank von der Expansion der betrieblichen Rentenversicherung ist. In der Tat: Der Ansatz, die Altersvorsorge staatlich zu fördern und über den Betrieb abzuwickeln, ist im Prinzip viel versprechend. Allein die Ersparnis bei den Vertriebskosten kann 200 bis 300 Mark mehr Rente pro Monat für einen Normalverdiener bringen. Dazu kommt der vergleichsweise geringe Verwaltungsaufwand. Spezialfonds, die nur einen einzigen Investor haben und für Kleinanleger gar nicht offen sind, bieten einen jährlichen Kosten- und damit Renditevorteil gegenüber den Publikumsfonds von bis zu zwei Prozentpunkten. Das macht bei einem 30 Jahre laufenden Sparvertrag, in den 200 Euro monatlich eingezahlt werden, immerhin einen Unterschied von 70.000 Euro aus.

Nicht zu vergessen die üppigen staatlichen Beigaben. Bis 2008 dürfte in vielen Fällen dabei die Riester-Förderung gegenüber der Eichel-Förderung gar nicht mal die günstigste Alternative sein (siehe Tabelle 119). "Für mindestens 80 Prozent aller Arbeitnehmer könnte die betriebliche effizienter als die private Altersvorsorge sein", prophezeit Andreas Buttler, Mitglied der Geschäftsleitung der F&EBS, einem der vielen aus dem Boden sprießenden Beraterfirmen. Vorausgesetzt, die gute Kalkulationsgrundlage wird nicht von den Tarifparteien ruiniert.

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