Reform der Reform
Autoren fordern Rückkehr zur alten Rechtschreibung

dpa FRANKFURT/MAIN. Immer mehr prominente Autoren und Schriftsteller setzen sich für eine Abkehr von der Rechtschreibreform und für eine Rückkehr zur alten Schreibweise ein. Die Meinungen über eine "Reform der Reform" sind jedoch gespalten, wie eine dpa-Umfrage ergab. Die meisten Zeitungsredaktionen wollen abwarten, die Mehrheit der Bürger fordert die Rücknahme der vor einem Jahr eingeführten neuen Regeln, Lehrerverbände sind dagegen. Auch Kinder- und Jugendbuchverlage stehen zu den neuen Regeln. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung wertete die Entscheidung der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) und des Deutschen Hochschulverbandes, zu den alten Rechtschreibregeln zurückzukehren, als positives Signal.

Einmütig fordern Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass und Literatur-Kritiker Marcel Reich-Ranicki die Rücknahme der neuen Rechtschreibregeln. Reich-Ranicki kritisierte in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) den "chaotischen Zustand" nach der Umsetzung der Reform, Grass schrieb in einem "Aufruf an die deutschsprachige Presse", die Medien sollten dem wohlbegründeten Willen der Mehrheit der Bürger folgen. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt berichtete am Montag, dem Aufruf von Grass hätten sich die österreichische Dichterin Ilse Aichinger und der Schweizer Autor Adolf Muschg angeschlossen.

Die hessische Wissenschaftsministerin Ruth Wagner (FDP) will sich dafür einsetzen, dass "widersinnigste Regelungen" zurückgenommen werden. Sie könne sich aber nicht vorstellen, dass die Kultusminister eine völlige Rückkehr zur alten Schreibung beschließen, sagte sie der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Montag). Die Kultusministerkonferenz müsse die Chance ergreifen, eine moderne Schreibsprache zur Geltung zu bringen, aber auch Rücksicht auf die historische Sprachentwicklung nehmen, sagte Wagner. Der stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende Rainer Brüderle forderte eine Sondersitzung der Kultusministerkonferenz und rasche Klarstellung. "Sonst besteht die Gefahr, dass jeder schreibt, wie er will."

Gegen eine Rückkehr zu den alten Regeln sprachen sich der emeritierte Rhetorik-Professor Walter Jens und der Schriftsteller Helmut Sakowski aus. Jens gestand aber ein, dass er selbst nach wie vor die alte Schreibweise benutzt. Sakowski wies auf die Lebendigkeit und natürliche Wandlungsfähigkeit von Sprache hin. Den Leipziger Autor Erich Loest lässt die Debatte nach eigenem Bekunden völlig kalt. Die Reform sei nur etwas für Lehrer und Schüler.

Die Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen (AVJ) teilte in München mit, die neuen Regeln seien problemlos umgesetzt worden. Eine erneute Veränderung würde gerade an Schulen zu einer nicht verantwortbaren Verunsicherung führen.

Reform wurde an Schulen problemlos eingeführt

Die Lehrerverbände riefen zur Versachlichung auf. Alle großen Lehrerorganisationen sprachen sich gegen einen Reformstopp aus. Trotz mancher zu überprüfender Ungereimheiten böten die Regelungen beachtliche Vorteile und seien an den Schulen problemlos eingeführt worden, heißt es in Erklärungen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), des Deutschen Philogenverbandes, des Realschullehrerverbandes wie des Bundesverbandes der Lehrer an Berufsschulen.

Scharfe Kritik üben die Organisationen am Vorpreschen des Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes (DL), Josef Kraus, der sich in Medien kritisch mit den neuen Regeln auseinander gesetzt hatte. Kraus äußere seine "Privatmeinung", er habe "nicht das Mandat", solche Äußerungen "im Namen des DL in der Öffentlichkeit abzugeben", heißt es in einem Brief des Vorsitzenden des Deutschen Philogenverbandes, Heinz Durner. Auch der Bundesverband der Lehrer an Berufsschulen (BLBS), der dem DL angehört, distanzierte sich von den Äußerungen. Für eine solche Bewertung sei es noch viel zu früh. Eine echte Überprüfung könne frühestens 2005 erfolgen.

Der Philogenverband verwies darauf, dass eine Rücknahme der Reform zu milliardenschweren Schadensersatzforderungen von Seiten der Schulbuchverlage führen könne.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%