Reformen im Land überzeugen Analysten
Korea-Aktien setzen auf den WM-Kick

Anleger lockt Südkorea seit einem Jahr mit voranstürmenden Aktienkursen. Nun fiebert das Land dem WM-Anpfiff entgegen. Gibt der Anstoß im Juni der Börse weiteren Aufwind oder ist eher ein Konsumkater nach dem letzten Tor zu befürchten?

HONGKONG/TOKIO. Wenige Wochen vor dem Start der Fußballweltmeisterschaft in Südkorea und Japan ist dem koreanischen Leitindex Kospi erst einmal die Luft ausgegangen. Und das trotz Infrastrukturinvestitionen etwa in brandneue Stadien, der Aussicht auf kauf- und esswütige Fußballtouristen und eine Fußballeuphorie, die den Koreanern Extra-Wons aus dem Säckel locken soll. Mittlerweile notiert der Kospi bei 858 Punkten, also deutlich unter dem Jahreshoch. Das lag im April bei 937 Punkten. Also doch kein WM-Bonus für die koreanische Börse, das Lieblingskind vieler Vermögensverwalter?

"In den einzelnen Aktienkursen sind positive Effekte durch die Weltmeisterschaft schon lange eingepreist", sagt Aktienstratege Terence Lim von Goldman Sachs. Als Beispiele nennt er Fernsehgeräte- und-technikhersteller wie Samsung Electronics oder LG Electronics, Anbieter von Digitalfernsehen, Lebensmittelproduzenten wie Lotte Samkang und Brauereien. "Der WM-Effekt ist aber auch im Nachhinein schwer zu bestimmen."

Denn nicht nur die WM-Aussichten haben Koreas Börsenwerte in den vergangenen Monaten in die Höhe klettern lassen. Sattes Wachstum, Fortschritte bei Strukturreformen, niedrige Bewertungen und ein gesundes Gleichgewicht zwischen Binnen- und Export-Konjunktur haben den Index innerhalb von sechs Monaten auf den doppelten Stand katapultiert. Koreanische Aktien gelten mittel- und langfristig weiter als Erfolgsgaranten. "Korea erntet die Belohnung für die konsequentesten Strukturreformen in Fernost", sagt Credit Agricole-Fondsmanager Ray Jovanovich.

Gewinnmitnahmen locken

Er ist überzeugt, dass diese Anstrengungen eine fundamentale Höherbewertung koreanischer Aktien rechtfertigen und zwar unabhängig von Konjunkturzyklen. Für seinen Asian Renaissance Fund sucht er gezielt nach Unternehmen, die vom strukturellen Wandel profitieren. Bei Werten wie der Kookmin Bank oder der Supermarktkette Shinsegae hat er seinen Einsatz verdrei- bzw. vervierfacht. "Das ganz große Geld ist damit gemacht", meint Jovanovich, "aber 50 % mehr sind noch drin".

Immer mehr Fondsmanager erliegen zurzeit allerdings der Versuchung, Gewinne in Seoul mitzunehmen und an anderen asiatischen Märkten, im Schatten des Star-Performers standen, etwa Hongkong oder Bangkok. "Das einfache Geld ist gemacht", schätzt Nomura-Stratege Sean Darby, "kurzfristig ist der Markt überkauft". In den kommenden drei Monaten könnten sich in den Nachbarländern bessere Kurs-Chancen ergeben. Dennoch gewichtet er Korea angesichts steigender Unternehmensgewinne, robuster Inlandsnachfrage und hoher Liquidität über. Auch Pieter van Putten, der das Fondsgeschäft der Commerzbank in Asien leitet, meint: "Eine Korrektur von zehn Prozent war überfällig, doch die fundamentale Story ist weiter intakt."

Die WM könnte die Inlandsnachfrage ankurbeln und dem Kospi wieder Feuer machen, meint Lim von Goldman Sachs. "Da sollte es schon einen Anschub geben." Allerdings sei die koreanische Wirtschaft mit Nachfragesteigerungen von 6 % und mehr bereits in der Gefahr, sich zu überhitzen. So schwebt über dem Land auch das Damoklesschwert von Zinserhöhung. Die Wirtschaft pulsiert derart stark, dass die Zentralbank als erste in Asien die Inflationsbremse ziehen dürfte. Ein weiteres Risiko: steigende Ölpreise. Außerdem mehren sich Stimmen, die vor einer Kreditblase warnen. Eine dramatische Expansion der Konsumenten-Kredite gießt zwar Öl aufs Feuer der boomenden Inlandsnachfrage. "Aber das Tempo des Kreditwachstums kann nicht durchgehalten werden", sagt UBS Warburgs Asien-Chefvolkswirt Arup Raha.

Korea droht nach der WM der Kosnum-Kater

Merrill Lynchs Asien-Stratege Spencer White glaubt, die WM werde die Kurse im Juni noch stützen. Danach könnten Zinsschritte die Inlandsnachfrage dämpfen, und die phänomenalen Gewinne vieler koreanischer Konsumwerte bröckeln. Auf drei bis sechs Monate sieht White trotzdem Kurspotential von 25 % bis 30 %, Lim hält 20 % für möglich. Wie gut sich Koreas Kicker im Juni schlagen werden, dürfte keine Rolle spielen. "Ich glaube nicht, dass sich das auswirkt", meint Lim. "Es glauben ohnehin nicht viele, dass die Mannschaft weiter kommt." Commerzbank-Fondsmanager van Putten hält es aber für "ein gewisses Risiko", dass Korea nach der WM mit einem Konsum-Kater aufwacht und die Kurse in den Keller rutschen - wie Australiens Börse nach der Olympiade in Sydney vor zwei Jahren. Lim: "Aber auch wenn Fans und Spieler weg sind, geht das gesunde Wachstum weiter".

Für das Portfolio rät White zum Umschichten in Exportwerte. Ab dem zweiten Halbjahr werde der Konjunkturmotor den Takt wechseln und auf ausfuhrgetriebenes Wachstum hochschalten. Zum Kauf empfiehlt er Technologie-, Auto-, und Chemiewerte wie Samsung Electronics, Hyundai Motor und den Monitor-Hersteller Samsung SDI. Dagegen meint van Putten: "Bei Export-Werten würde ich aufpassen. Vor allem bei Elektronik wäre ich vorsichtig." Ob der wichtige Kunde USA so schnell wieder auf die Beine kommt, wie die Kurse es vorwegnehmen, ist für ihn nicht ausgemacht.

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