Reformen sollen Deutschland auf internationales Niveau bringen
Verschärfte Regeln für Analysten

Analysten stehen weltweit in der Kritik. Ihre Kaufempfehlungen für viele High-Tech-Aktien erwiesen sich als grandiose Flops - an der New Yorker Nasdaq ebenso wie am Frankfurter Neuen Markt. In den USA, Japan und Deutschland sollen neue Regeln die Arbeit der Analysten künftig transparenter machen.

ga/hus/stk/tmo TOKIO / NEW YORK / LONDON / DÜSSELDORF. Die Analystenschelte ist längst so global wie die Studien der großen Häuser: In den USA schimpft der Kongressabgeordnete Richard Baker über "den Verfall der ethischen Grundsätze an der Wall Street". In Japan sieht der Analystenverband sich gedrängt, seine Standesregeln zu verschärfen. Und in Großbritannien ärgern sich Fondsmanager, dass die Urteile der Analysten geschönt sind.

Viele Staatem verschärfen deshalb ihre Richtlinien für Analysten. Hier zu Lande sollen Analysten und Journalisten sich einem freiwilligen Ehrenkodex unterwerfen. "Wir haben uns dabei stark an den USA ausgerichtet", sagt Finanzprofessor Wolfgang Gerke, der den Kodex mit entworfen hat. Zudem arbeitet die Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA) an strengeren Standesregeln. "Die geplanten Regeln entsprechen internationalen Standards", sagt Helmut Henschel, Präsident der German Association of Investment Professionals (GAIP), die zum weltweiten Netz des Branchenverbandes American Association of Investment Management and Research (AIMR) gehört.

Allerdings warnen schon im Vorfeld der Umsetzung Aktionärsschützer wie Petra Krüll von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW): "Regeln sind nur so gut wie ihre Kontrolle." Und die sei in Deutschland bislang schwach ausgeprägt.

Die Reformen haben überall das gleiche Ziel: Analysten sollen Anleger möglichst objektiv informieren und Interessenkonflikte zumindest offen legen. Doch das ist leichter gesagt als getan. So sind in den USA zwar seit langem die weltweit als Vorbild geltenden AIMR-Standesregeln in Kraft. Doch auch US-Analysten scheinen Aktien über-optimistisch zu beurteilen.

So pries Henry Blodget von Merrill Lynch manche Internet-Klitsche wie den Tiernahrungsversender Pets.com bis kurz vor der Pleite. Dem US-Kongress zufolge waren 1992 noch 50 % aller Anlageurteile Verkaufsempfehlungen. Bis heute sank dieser Anteil auf 1 %. Als Grund gelten die Geschäftsverbindungen zwischen Banken und Firmen. Wer eine Aktie negativ bewertet, darf kaum auf lukrative Aufträge für Börsengänge und Fusionen vom betreffenden Konzern hoffen.

In den USA laufen derzeit öffentliche Anhörungen des Kongresses, mehrere zivile Gerichtsverfahren und Untersuchungen der Börsenaufsicht SEC gegen Analysten. Die Reaktion: Der US-Bankenverband beschloss Regeln, die das AIMR-Statut weiter entwickeln. Analysten müssen nun Interessenkonflikte - etwa die Beteiligung ihrer Bank am Börsengang einer Firma - in verständlichen Worten erläutern. Daneben müssen sie offen legen, ob sie selbst eine besprochene Aktie besitzen. Es darf auch nicht vorkommen, dass Analysten ihre Studien den Investmentbankern ihres Hauses vorlegen müssen und dass ihr Gehalt an deren Provisionen geknüpft ist. Die Banken Goldman Sachs, Merrill Lynch, Morgan Stanley und Robertson Stephens waren an der Ausarbeitung der Regeln beteiligt. Alle mussten im eigenen Haus Änderungen vornehmen, um die neuen Standards zu erfüllen.

In Fernost hat die Security Analysts Association of Japan ihre Standesregeln verschärft. Sie sehen nun vor, dass zwischen Investmentbankern und Analysten keine sensiblen Informationen fließen dürfen. Dagegen reagiert London gelassen auf die Kritik. Die britischen Analystenverbände IIMR und LSIP haben sich zwar im vergangenen Jahr dem AIMR-Netzwerk angeschlossen und dessen Regeln übernommen. Neue Initiativen gibt es aber der britischen Finanzaufsicht zufolge nicht.

Anders in Deutschland: "Hier ist der Druck größer wegen des Absturzes am Neuen Markt", sagt Gerrit Volk, Geschäftsführer des Analystenverbandes DVFA. Wer den vielen Kaufurteilen für EM.TV und Intershop folgte, verlor eine Menge Geld. Der jetzt geplante freiwillige Ehrenkodex geht zum Teil sogar über den AIMR-Standard hinaus: Er umfasst nicht nur Analysten, sondern auch Finanzjournalisten. Zudem dürfen Analysten Aktien, die sie dauerhaft beobachten, nicht mehr handeln. So weit geht das AIMR-Statut nicht.

Der deutsche Kodex ist andererseits beim Thema Objektivität nicht so detailliert wie die neuen US-Regeln. Daher könnten hiesige Banken die Pflichthinweise auf Interessenkonflikte im Kleingedruckten verstecken. "Entscheidend wird sein, wie die Regeln überwacht werden", sagt DSW-Sprecherin Petra Krüll. Sie verweist darauf, dass das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel bislang weniger Macht habe als das große Vorbild - die US-Börsenaufsicht SEC. Bis zum Jahresende soll der Ehrenkodex verabschiedet werden. Erst danach wird sich zeigen, was die ambitionierten deutschen Regeln in der Praxis taugen.

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