Reformen sollen die Nummer zwei der Volksrepublik stärken
Bank of China will sich rasch wandeln

Die Bank of China (BOC) hat große Pläne. Im Gespräch mit dem Wall Street Journal verkündet der Chef der Bank, Liu Mingkang, das Ziel, den Gesamtkonzern innerhalb von nur drei Jahren an die Börse zu bringen.

olm/wsj HONGKONG. Außerdem will er internationale Finanzkonzerne als strategische Partner gewinnen und unabhängige Fachleute aus dem Ausland in den Verwaltungsrat holen. Zunächst strebt Liu eine Notierung in der Volksrepublik an, die nur chinesische Anleger zeichnen können, danach eine Zweitnotierung in Übersee.

"Ohne Eigentümerwechsel und strukturelle Veränderungen ist gute Corporate Governance nicht möglich", gesteht Liu. Diese Offenheit ist ein Anzeichen dafür, dass dringend nötige Reformen in dem schwer angeschlagenen chinesischen Banksektor langsam in Gang kommen. Jahrzehntelang mussten die Banken der Volksrepublik auf politisches Geheiß als Kapitaltankstellen für verlustreiche Staatsbetriebe herhalten. Branchenkenner schätzen das Ausmaß der faulen Kredite auf 30 %, manche sogar auf 50 %.

Das macht die Institute nach westlichen Normen insolvent. Ihre Bilanzen gelten als geschönt, über wichtige Kennziffern geben sie keinen Aufschluss. Um einschneidende Veränderungen zu erzwingen, drängt Peking die BOC, die Industrial & Commercial Bank of China, die China Construction Bank und die Agricultural Bank of China zu Börsengängen, die sie der Kontrolle privater Aktionäre aussetzen sollen. Mit der BOC legt jetzt zum ersten Mal eine der vier großen Staatsbanken einen Zeitplan vor. Angesichts der immensen Herausforderung waren Beobachter bislang davon ausgegangen, bis zur Börsenreife seien fünf bis zehn Jahre nötig. Doch die Probleme machen schnelles und entschiedenes Handeln nötig. Sonst sehen manche Analysten die Gefahr einer Finanzkrise, die Chinas hohes Wirtschaftswachstum einbrechen lassen und soziale Unruhen nach sich ziehen könnte.

Außerdem müssen sich die Banken in spätestens fünf Jahren ausländischer Konkurrenz erwehren. Bis dahin fallen für diese durch den WTO-Beitritt Beschränkungen schrittweise weg. Zudem macht Chinas schnell wachsende Integration in den Welthandel über kurz oder lang die Konvertierbarkeit des Yuan nötig. Die Banken müssen also gesunden, sonst bringen die Bürger ihr Geld im Ausland in Sicherheit. "Wir müssen einen Zahn zulegen", hatte Liu bereits bei einem öffentlichen Auftritt vor einem Jahr gefordert. Damals zog er Parallelen zwischen den Banken in China und denen in Ländern wie Thailand oder Südkorea, die von der Asienkrise 1997 weggefegt wurden.

Für die gewaltigen Hürden, die die Branche zu überwinden hat, ist die Bank of China ein gutes Beispiel: Das zweitgrößte Institut der Volksrepublik erwirtschaftete im Vorjahr lahme 7,9 Mrd. Yuan Gewinn (rund 955 Mill Euro). Auf ihm lastet die Bürde eines immensen Personalstands: Die Bank schleppt 12 529 Zweigstellen und 184 500 Angestellte mit sich herum.

Bei der Risikokontrolle strengt sich die BOC neuerdings an, bleibt aber von internationalen Standards weit entfernt. Offiziell stehen ihre faulen Kredite bei über 25 %, Rückstellungen dafür fraßen im ersten Halbjahr 90 % des operativen Gewinns. Dem Ruf schadeten im vergangenen Jahr eine Reihe massiver Korruptionsskandale: Bei einer Zweigstelle in der Provinz wurden 500 Mill. Dollar unterschlagen. Eine kleine Hongkong-Tochter ist in einen milliardenschweren Geldwäscheskandal verstrickt. Die New Yorker Niederlassung musste den Aufsichtsbehörden für Unregelmäßigkeiten bei der Kreditvergabe eine Rekordstrafe von 20 Mill. Dollar zahlen. Lius Vorgänger als Konzernchef, Wang Xuebing, sitzt in Haft. Die meisten Fälle kamen nur ans Licht, weil Strafverfolgungsbehörden im Ausland Ermittlungen gegen Übersee-Niederlassungen aufnahmen.

Allerdings gilt die BOC als progressivste unter den vier großen Staatsbanken, und Liu beteuert, dass sich die jüngsten Skandale nicht wiederholen werden. "Der Öffentlichkeit in China und im Ausland verspreche ich: ?Nie wieder'", sagt der Banker, ein ehemaliger Vizegouverneur der Zentralbank mit einem MBA der Londoner City University. Um sein Versprechen zu halten, will er die Reformen auf die ganze Gruppe ausweiten, die er in den vergangenen zwei Jahren bei der Hongkong-Tochter durchgezogen hat. Die Tochter ist der mit Abstand profitabelste und am internationalsten ausgerichtete Unternehmensteil, und sie unterliegt der strengen Regulierung der Hongkonger Finanzaufsicht.

Quelle: Handelsblatt

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