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Regeln erzeugen Risiken

Risiken richtig abzuschätzen gehört zur Kernkompetenz jeder Bank. Je höher die Wahrscheinlichkeit eines Kreditausfalls ist, umso höhere Zinsen werden fällig. Und je mehr riskante Kredite eine Bank in ihren Büchern stehen hat, umso größere Vorsorge für mögliche Verluste muss sie treffen. Seit die Lombarden den Kredit erfanden, gehört das zum kleinen Einmaleins des Gewerbes. Womit wir bei einer Frage wären, die gegenwärtig den gesamten deutschen Mittelstand bewegt: Brauchen wir "Basel II" eigentlich wirklich?

Die Befürworter dieser neuen internationalen Regeln argumentieren, grob vereinfacht, ungefähr so: Die Banken sollten die Preise für ihre Kredite künftig stärker nach den tatsächlichen Ausfallrisiken differenzieren. Damit sie das tun, zwingen wir sie, für riskante Kredite mehr Eigenkapital zu hinterlegen als für weniger riskante Kredite. Damit dabei niemand mogelt, müssen einheitliche Bemessungsmaßstäbe für die Kreditnehmer her - ein so genanntes Rating. Im Endeffekt schaffen wir durch diese verschärften Regeln mehr Gerechtigkeit, mehr Transparenz - und vor allem mehr Sicherheit auf dem gesamten Finanzsektor.

Klingt logisch und verdammt marktwirtschaftlich. Schließlich sollte der Preis eines Gutes (in diesem Fall: eines Kredits) in einer Marktwirtschaft stets alle realen Kosten (also auch alle Risikoprämien) enthalten. Die entscheidende Frage ist aber eine ganz andere: Wieso muss der Staat (hier die internationale Bankenaufsicht) überhaupt risikoadäquate Preise erzwingen? Kann der Markt selbst diese Aufgabe nicht viel besser erledigen? Die Befürworter von "Basel II" verweisen auf die hohen Kreditausfälle der Banken zum Beispiel in Lateinamerika, die ganze Volkswirtschaften in den Ruin treiben können. Deshalb müssten klarere, verbindlichere Regeln für die weltweite Kreditvergabe her als bisher.

Das Problem bei dieser Argumentation ist nur: Wenn künftig alle Banken ihre Kreditrisiken nach einheitlicheren Regeln einschätzen und sich dabei auf ähnliche Rating-Prozeduren stützen, könnte die Gefahr großer Finanzkrisen steigen, statt zu sinken. In der ökonomischen Wissenschaft, vor allem in den USA, gibt es längst eine interessante Debatte über diese Frage, die in Deutschland bisher nur von den Experten zur Kenntnis genommen wird. Die Kritiker von "Basel II" argumentieren ungefähr so: Solange vor allem kleinere und mittlere Banken Kreditrisiken nach eigenen Verfahren einschätzen, sorgt diese Methodenvielfalt selbst für mehr Sicherheit. Fehleinschätzungen einer Bank werden durch umso bessere Einsichten anderer Banken unter dem Strich ausgeglichen. Und Kreditinstitute, die Risiken dauerhaft schlechter einschätzen als die Konkurrenz oder keine risikoadäquaten Zinsen verlangen, verschwinden im Wettbewerb schon allein vom Markt. Umgekehrt könnten einheitlichere Regeln für einen immer größeren Kreis von Banken zu einem gefährlichen Gefühl der Sicherheit und einer "systemischen Krise" auf dem Finanzsektor führen, wenn alle die gleichen Fehler machen - und damit ein bestimmtes Risiko gleichzeitig im selben Ausmaß unterschätzen. Diese Gefahr steigt in dem Maß, wie sich die Banken aus Kostengründen als "Kreditfabriken" organisieren und sich in ihrer automatisierten Vergabepolitik auf mathematische Modelle stützen, die sich in der Vergangenheit schon häufiger als gefährlich erwiesen haben. Oder zugespitzt gesagt: Ein guter, alter Kreditsachbearbeiter mit seiner langjährigen Erfahrung und Nähe zum Kunden entscheidet möglicherweise doch besser als ein Computer.

Die Kritiker von "Basel II" stützen sich in ihrer Argumentation zum Beispiel auf die neueren Forschungen des Ökonomie-Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz, dessen berühmte Theorie der "asymmetrischen Information" sich auch auf das Verhältnis von Kreditgebern und Kreditnehmern anwenden lässt. Andere berühmte Ökonomen haben schon immer aus grundsätzlichen Überlegungen davor gewarnt, dass stärkere staatliche Regulierungen zu erhöhten Risiken in einer Volkswirtschaft führen können, statt sie zu minimieren. So betonte Milton Friedman schon 1962 in seinem Klassiker "Kapitalismus und Freiheit" zu Recht: "Das charakteristische Merkmal einer Maßnahme, die mit politischen Mitteln durchgeführt wird, ist meistens ihre Konformität. Der große Vorteil des Marktes dagegen ist: Er ermöglicht eine große Verschiedenheit."

Nach dem Platzen der Internet-Blase an den internationalen Börsen, nach dem Enron-Bilanzskandal in den USA und zahlreichen spektakulären Pleiten in Europa rufen in den letzten zwei Jahren weltweit immer mehr Politiker und Publizisten nach stärkerer staatlicher Aufsicht auf den Finanzmärkten und schärferen Regeln für die Unternehmen. Das gilt auch für das Mutterland des Laissez-faire-Kapitalismus, die Vereinigten Staaten. Die Befürworter solcher Maßnahmen suggerieren, dass es einer besonderen Begründung für jede einzelne Forderung nach stärkerer Regulierung gar nicht bedürfe. Härtere Regeln gleich weniger Missbrauch, mehr Aufsicht gleich mehr Sicherheit. So lautet die einfache Gleichung, die viele heute nicht nur in der Debatte um "Basel II" aufmachen. In einer liberalen Marktwirtschaft bedarf aber jeder Staatseingriff, wie zwingend er auf den ersten Blick auch wirken mag, eigentlich einer genaueren ordnungspolitischen Begründung. Nur wenn die durchschnittliche Transaktionssicherheit aller Marktteilnehmer tatsächlich steigt, sind zusätzliche staatliche Eingriffe unter Umständen zu rechtfertigen.

Der diesjährige Wirtschaftsnobelpreisträger Vernon L. Smith beschäftigt sich seit langem mit der Frage, wie staatliche Rahmenregeln so zu gestalten sind, dass Märkte effektiver funktionieren. Smith und seine amerikanischen Mitstreiter arbeiten an einer modernen Neubegründung dessen, was in Deutschland seit den Zeiten Walter Euckens und Ludwig Erhards als "Ordnungspolitik" bezeichnet wird, im Ausland aber oft als "typisch deutsche" politische Ökonomie mit wenig praktischer Bedeutung missverstanden wird. Mit Blick auf "Basel II" wäre auch eine ordnungspolitische Debatte dringend notwendig. Die Fragen, um die es bei diesen Regeln geht, sind zu wichtig, um sie allein den Bankern zu überlassen.

Bernd Ziesemer ist Chefredakteur des Handelsblatts.

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