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Regener und Rankin

Neue Bücher, rezensiert von der Handelsblatt-Redaktion.

Sven Regener: Neue Vahr Süd. Eichborn Verlag, Frankfurt 2004, 582 Seiten, 24,90 Euro.

Bremen statt Berlin, Rekrutenqual statt Tresenphilosophie: In seinem neuen Roman begleitet Sven Regener Herrn Lehmann, seinen Romanhelden aus dem gleichnamigen, erfolgreich verfilmten Erstling über den letzten Kreuzberger Sommer vor dem Mauerfall, in dessen alte Heimat, die "Neue Vahr Süd". Das öde Bremer Stadtviertel steht stellvertretend für die Tristesse jener Tage im Sommer des Jahres 1980, an dessen Ende sich Herr Lehmann nach Berlin davon machen wird. Unter der Woche muss er zur Bundeswehr, am Wochenende wohnt er mit seinen alten Schulfreunden in einer Wohngemeinschaft. Hier wie dort wird er mit albernen Jungmänner-Ritualen, lästigen Sprachregelungen und körperlichen Zumutungen gequält. Sven Regener weiß das genüsslich auszuschlachten. Doch will man wirklich noch einmal knapp 600 Seiten mit diesem bockigen Fischkopp verbringen, dessen Ehrgeiz sich darin erschöpft, möglichst lange von möglichst vielen Leuten in Ruhe gelassen zu werden, und der als soziale Nahkampftechnik offensives Dummstellen praktiziert? Halbwegs antriebsstarke Leser jedenfalls dürfte der junge Herr Lehmann schon von der ersten Seite an gehörig nerven. Sympathisch bleibt er einem aber trotzdem.

Julia Emmrich

Ian Rankin: Kinder des Todes. Wilhelm Goldmann Verlag, München 2004, 543 Seiten, 22,90 Euro.

In einer Vorortschule in der schottischen Stadt Edinburgh erschießt ein ehemaliger Elitesoldat zwei Schüler und verwundet einen dritten. Anschließend begeht er Selbstmord. Nach solch einer Tat verlangt die aufgeregte Öffentlichkeit nach Erklärungen. Politiker mischen sich ein. Militärs wollen scheinbar den guten Ruf der Truppe gewahrt wissen. Den Edinburgher Polizisten John Rebus kann solche Einflussnahme nicht beeindrucken. Der schottische Autor Ian Rankin hat in seinem Buch "Kinder des Todes" die Figur des Polizisten entsprechend angelegt. Nach und nach schafft Rankin einen beeindruckenden literarischen Kosmos, in dem er souverän Themen und erzählerische Schwerpunkte variiert. Er macht aus dem Roman eine Art Gegenwartsreportage mit dem Schwerpunkt auf einer tristen, jugendlichen Lebenswelt. Denn die Momentaufnahmen des schottischen Alltags zeigen, was Rebus bis hin zur Selbstgefährdung bewegt. Einmal mehr beweist Ian Rankin hier seine große literarische Qualität, die seit langem seine Romane zu bewundernswerten Einzelstücken werden lässt.

Ralf Koss

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