Regierung ist weitgehend hilflos
Mecklenburg-Vorpommern: Ein Land verliert seine Leute

Die Abwanderung aus Mecklenburg-Vorpommern hat dramatische Formen angenommen. Die Demographen schlagen Alarm, denn der jetzige Aderlass hat laut Statistik schlimmere Ausmaße als die Mitte des 19. Jahrhunderts in Gang gekommene Welle der Auswanderung nach Amerika, die über sechs Jahrzehnte anhielt.

ap SCHWERIN. Damals, von 1850 bis 1914, verließen fast 170.000 Menschen ihre Heimat mit Ziel Übersee. Dies geht aus Listen der Schiffspassagiere ohne Rückfahrticket hervor, die im "Historic Emigration Office" (HEO) in Hamburg archiviert sind. Hinzu kamen gut 100.000 Landeskinder, die sich seiner Zeit in anderen Gegenden Deutschlands eine Zukunft suchten. Das machte zu jener Zeit gut 4.000 Auswanderer im Jahresdurchschnitt aus. Für das Jahr 2000 registrierte das Statistische Landesamt Schwerin mit 9 478 eine mehr als doppelt so hohe Abwanderungsquote, und die Tendenz ist weiter steigend.

Die SPD/PDS-Regierung des ökonomisch schwächsten Bundeslandes ist betroffen, aber auch weitgehend hilflos, wie Ministerpräsident Harald Ringstorff einräumen muss. Der bundesweite Wirtschaftsabschwung spitzt gerade im strukturschwachen Nordosten die Arbeitsmarktsituation drastisch zu, und Arbeitsstellenmangel ist Hauptgrund für die Abwanderung. Nach einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts in Mecklenburg-Vorpommern um 2,1 Prozent im ersten Halbjahr 2001 und einem Anstieg der Arbeitslosigkeit auf 18 Prozent ist der sozialdemokratische Regierungschef weiter denn je von der beim Amtsantritt 1998 verkündeten Entschärfung der Situation entfernt.

Jüngst kam es zu einer heftig umstrittenen Empfehlung von Finanzministerin Sigrid Keler, dass junge Leute sich außerhalb der Landesgrenzen Arbeits- und Ausbildungsplätze suchen sollen. Die Arbeitsämter im Nordosten zahlen aus diesem Grund auch "Mobilitätshilfen" für den Wechsel von Arbeitssuchenden in andere Regionen. Wenn die Zeiten besser würden, könnten die Betroffenen ja in den Schoß der Heimat zurückkehren, meint die SPD-Politikerin.

Rückholagentur soll Schaden begrenzen

Zur Schadensbegrenzung konzipiert gegenwärtig der PDS-Arbeitsminister Helmut Holter zusammen mit dem Unternehmen Planet internet commerce und der Stiftung Evangelische Jugend Schwerin eine sogenannte Rückholagentur. Damit soll Weggezogenen eine elektronische Datenbrücke gebaut werden, die sie über entstehende Arbeitsmöglichkeiten im Heimatland informiert und zu gegebener Zeit zur Rückkehr bewegt.

CDU-Oppositionsführer Eckhardt Rehberg hält davon überhaupt nichts. "Wenn nicht jetzt und hier Perspektiven für die jungen Leute geschaffen werden, blutet das Land weiter aus", warnt er. Für die Landtagssitzung Mitte Oktober kündigt er einen CDU-Antrag zur Bildung einer "Enquete-Kommission Abwanderung" an. Das Problem sei zu ernst für Parteienstreit und dürfe nicht länger von der Landesregierung ignoriert werden. Aus diesem Grund bietet Rehberg der SPD/PDS-Koalition die Mitwirkung seiner Partei an gemeinsamen Lösungsansätzen an.

Vor allem die Wirtschaft muss nach Rehbergs Dafürhalten bei diesem Vorhaben ins Boot geholt werden. "Es kann nicht angehen, dass auf einer Seite gut ausgebildete Arbeitnehmer abwandern und andererseits im Land in etlichen Branchen Hände ringend Fachkräfte gesucht werden." Dabei spielt nach Rehbergs Überzeugung neben guter Ausbildung eine "vernünftige Bezahlung im Osten eine Rolle, was aber nicht unbedingt in jedem Fall Tariflohn bedeuten muss". Bei dem gegenwärtig oft gravierenden Lohngefälle ist es für ihn kein Wunder, dass die Fachleute in Scharen das Land verlassen.

Die Demographen malen für den Fall anhaltend negativer Bevölkerungsentwicklung ein düsteres Bild und mahnen eine "Zukunftskommission" an. Wird der Aderlass nicht gestoppt, ist damit zu rechnen, dass in einem halben Jahrhundert nur noch rund eine Million Menschen in dem großen Flächenland leben. Das wäre mit einem immensen Kostenanstieg in Verwaltungen, im Bildungs- und Gesundheitswesen verbunden, aber auch mit weiterer Auslagerung von Unternehmen, die nicht mehr die benötigten Fachkräfte fänden.

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