Regierung verspricht sich mehr Stabilität in der Region
Indien nähert sich der amerikanischen Haltung an

Wenn in diesen Tagen das indische Parlament tagt, dann sitzen häufig US-Diplomaten auf der Besuchertribüne. Wie in anderen Ländern versuchen sie, Skepsis gegenüber dem amerikanischen Irak-Kurs abzubauen oder neue Bundesgenossen für einen Militärschlag gegen das Regime von Saddam Hussein zu finden.

NEU DELHI. Indien ist zwar kein Mitglied im Uno-Sicherheitsrat; die Amerikaner müssten dort also nicht unbedingt um Unterstützung für ihre Position werben. Doch der Einfluss der Atommacht Indien - immerhin die größte Demokratie der Welt - wird in Washington nicht unterschätzt.

Viel Überzeugungsarbeit ist allerdings nicht nötig, denn im Unterschied zu den anderen Ländern der Region engagiert sich auch die Bevölkerung weit weniger für den Frieden. So demonstrierten am Sonntag zwar Zehntausende Moslems in Delhi gegen einen möglichen Irak-Krieg. Die Beteiligung an dieser Kundgebung anlässlich einer Jahreskonferenz von moslemischen Geistigen war verglichen mit den Millionen-Demonstrationen in Pakistan und Indonesien aber eher gering. Auch vorher war es auf den Straßen Indiens nicht zu größeren Protesten gegen die Politik der Vereinigten Staaten gekommen.

In Delhi glaubt man den Beteuerungen Washingtons, dass es bei einem Irak-Krieg um mehr geht als um die Entmachtung Saddam Husseins. Die USA haben angekündigt, die politische Architektur des Mittleren Osten neu zu gestalten - und das ist im Interesse Indiens. Eine Neuordnung, hoffen Regierungsbeamte in Delhi, könnte die Terroranfälligkeit vieler arabischer Staaten zumindest mindern und damit auch die Wirtschaftsbeziehungen zu diesen Ländern auf eine solidere Basis stellen.

Unterschwellig schwingen aber auch anti-islamische Reflexe mit, vor allem innerhalb der hindu-nationalistischen Regierungspartei BJP. Deren Kalkül: Wenn erst ein arabisches Regime wie jenes in Bagdad gestürzt ist, werden auch panislamische Ambitionen in anderen Ländern gedämpft, und dies - so die Hoffnung - werde langfristig auch zu einer Transformation des ungeliebten Nachbarn Pakistan führen. Bei diesen Gedankenspielen blickt man durchaus auch auf die 145 Millionen muslimischen Mitbürger im eigenen Land, die ein latentes Krisenpotenzial darstellen.

Nicht zuletzt aus diesem Grund hatten die US-Diplomaten mit ihrer stillen Lobbyarbeit Erfolg. Im indischen Parlament fand eine Entschließung, in der die amerikanische Irak- Politik verurteilt werden sollte, keine Mehrheit. Damit hatte die Regierung, die zuvor keine Gelegenheit ausgelassen hatte, die US-Politik zu kritisieren, Ende Februar beim Gipfel der blockfreien Länder in Kuala Lumpur kein Mandat, Washingtons Regierung an den Pranger zu stellen. Premier Atal Bihari Vajpayee hielt sich an die offizielle Linie: Wenn sich ein Krieg gegen den Irak nicht vermeiden lasse, sollte er wenigstens durch die Uno abgesegnet werden.

Indien ist ein Mitbegründer und Wortführer der Blockfreien-Organisation - Vajpayees Worte haben also Gewicht. Der frühere Außenminister Jaswant Singh war zuvor noch weiter auf die USA zugegangen: Statt ein kategorisches "Nein zum Krieg" zu fordern, erklärte er, dass die Uno "nicht beliebig lange warten" könne. Selbst die Oppositionsparteien haben es bisher vermieden, ihrer "Solidarität mit dem irakischen Volk" Nachdruck zu verleihen.

Den von Deutschland, Frankreich und Russland präsentierten Vorschlag zur Lösung der Irak-Krise straften die Diplomaten in Neu Delhi weitgehend mit Ignoranz. Denn die Entwicklung am Golf, so glaubt der dem Außenministerium nahe stehende Publizist C. Raja Mohan, sei ein entscheidender Schritt zu einer Neuordnung des internationalen Sicherheitssystems. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 spielten die alten Allianzen nicht mehr die entscheidende Rolle. Die Sicherheitspolitik definiere sich vielmehr über den Widerstreit zwischen Demokratie und religiös inspiriertem Terror. Und in diesem Szenario könnte Indien eine wichtigere Rolle spielen als die traditionellen europäischen Nato-Partner. Diese Gelegenheit, schreibt der Publizist, dürfe sich das Land nicht entgehen lassen.

Indien schielt schließlich schon lange auf einen ständigen Sitz im Uno-Sicherheitsrat und weiß dabei die USA hinter sich weiß. Thomas Friedman, Kolumnist der "New York Times", hat auch schon eine Idee, welche Veto-Macht ihren Stuhl räumen sollte: Frankreich.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%