Regierung will Versicherungsbranche Wahlfreiheit bei der Bilanzierung von Aktienbeständen einräumen
Leitlinien gegen Willkür bei Aktienbewertung

Die Regierung verschafft den Versicherern mehr Spielraum bei der Bewertung ihrer Wertpapiere. Mit Leitlinien sorgen die Wirtschaftsprüfer jetzt dafür, dass nicht jeder machen kann, was er will.

DÜSSELDORF. Aufatmen in der Assekuranz: Am heutigen Mittwoch will die Bundesregierung im Kabinett eine für Versicherungsunternehmen wichtige Änderung des Handelsgesetzbuches (HGB) durchsetzen. Konkret geht es um die Bewertungsvorschriften für Wertpapiere. Die Versicherer sollen demnach - rückwirkend zum 30. September dieses Jahres - von ihrer Sonderregelung befreit werden, wonach sie jeden möglichen Kursverlust sofort abschreiben müssen. Abschreibungen sollten künftig erst dann erfolgen, wenn die Verluste voraussichtlich von Dauer sein werden.

Abschreibungen mindern den Gewinn und in der Lebensversicherung vor allem die Gewinnbeteiligung der Versicherten. Die Branche drückt der Schuh noch anderer Stelle: Sie dürfen vorüber gehende Abschreibungen seit zwei Jahren nicht mehr von der Steuer absetzen.

Die Neuregelung befreit die Versicherer daher nach Ansicht des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) von dem Druck, allein um höhere Abschreibungen zu vermeiden, noch vor dem Bilanzstichtag Ende Dezember große Aktienpakete verkaufen zu müssen.

Das wäre auch gar nicht so einfach: Jede dritte Aktie in Deutschland gehört der Assekuranz; zusammen ein Paket mit dem stolzen Wert von rund 700 Mrd. DM. Schon ein Bruchteil davon würde reichen, um die Kapitalmärkte in die Knie zu zwingen. Deshalb sieht sich die Bundesregierung offenbar zu raschem Handeln genötigt.

Handeln wollen auch die Wirtschaftsprüfern. Noch diese Woche soll ein Leitfaden zur Auslegung der vorgesehenen HGB-Regelung vom Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) verabschiedet werden. Dies bestätigt Gerd Geib, Vorsitzender des Versicherungsfachausschusses beim IDW und zugleich Vorstand der KPMG Deutsche Treuhand AG, -Gesellschaft Köln, gegenüber dem Handelsblatt. Geib: "Ziel ist eine möglichst einheitliche Interpretation und eine Transparenz wie bei den Banken zu erreichen."

Zeitpunkt der Änderung ungünstig

Die Versicherer sollen künftig wie Banken die Wahl haben, ob sie beispielsweise eine Telekom-Aktie dem Umlaufvermögen oder dem langfristigeren Anlagevermögen zuordnen. In der Kategorie "Umlaufvermögen" muss nach wie vor auf den niedrigeren Wert abgeschrieben werden, wenn der aktuelle Kurs zum Stichtag unter den Buchwert rutscht. Das entspricht dem strengen Niederstwertprinzip, das bisher für alle Wertpapier-Bestände der Versicherer galt. Künftig gibt es daneben die Kategorie "Anlagevermögen", in der bei vorüber gehenden Wertschwankungen der gebuchte Wertansatz beibehalten werden darf. Der Paragraf 341b HGB wird in diese Richtung angepasst.

Wirtschaftsprüfer Geib hält den Zeitpunkt der Änderung jedoch für ungünstig. Geib: "Die Versicherer hätten meines Erachtens schon viel früher auf diese realitätsnähere Bilanzierung hinwirken sollen." Dann wäre gar nicht erst der Eindruck aufgekommen, die Versicherer bräuchten eine Bilanzhilfe.

Die Wahlfreiheit soll - zumal in der aktuell schwierigen Börsenverfassung - zu einer Verstetigung der Überschüsse führen, worauf vor allem die deutschen Lebensversicherer großen Wert legen.

Aber im Grundsatz gilt: "Es können keine Gewinne verteilt werden, die nicht da sind", so Prof. Oskar Goecke von der Fachhochschule Köln. Das bedeute, es komme darauf an, ob die Börsenflaute schnell vorüber gehe oder von Dauer sei. Je nach dem müssten die Abschreibungen zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden - mit entsprechender Auswirkung auf den Gewinn.

"Wichtig ist in erster Linie, wie offen ein Versicherer damit umgeht, sprich, ob der Kunde erkennen kann, woran er ist", ergänzt Christoph Sönnichsen, Geschäftsführender Gesellschafter der Kölner Rating-Agentur Assekurata.

Zumindest die Versicherungsaufsicht soll demnächst mehr Einblick haben. Aufseher Helmut Müller hat te früher bereits gefordert, dass er auch im laufenden Geschäftsjahr über die aktuellen Kurswerte der Kapitalanlagen informiert sein will. Im Gegenzug zur Wahlfreiheit soll er diese Kontrollmöglichkeit nun offenbar bekommen. Müller dazu: "Wir begrüßen jedes Mehr an Information."

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