Regierungslabor bei Kabul stellte Impfstoffe für Tiere her
Die Taliban und ihr Interesse an der Anthrax-Forschung

Im Labor des Landwirtschaftsministeriums der Taliban außerhalb von Kabul haben Wissenschaftler mit Anthrax gearbeitet. Das Labor befindet sich in einem zweigeschossigen Gebäude, das mehrfach von US-Bomben getroffen wurde.

ap KABUL. Zwar haben die Taliban stets bestritten, Forschung an Chemie- oder Biowaffen zu betreiben, doch haben sie sich ganz offensichtlich für das Labor interessiert. Falls Osama bin Ladens Terrornetzwerk El Kaida an die tödlichen Milzbrand-Erreger kommen wollte, hatte es hier dazu Gelegenheit.

Der in der Einrichtung tätige Forscher Mohammed Ali erklärt, der zuständige Taliban-Beamte Mullah Kari Abdullah sei in den vergangenen fünf Jahren regelmäßig in dem Labor erschienen. Nähere Auskünfte will Ali nicht geben und auch nicht sagen, ob sich der Beamte dabei speziell für Anthrax interessierte. Dr. Ali und seine Kollegen betonen aber, dass ihre Arbeit ausschließlich der Entwicklung von Impfstoffen für Tiere diente.

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat erklärt, dass Bin Laden vermutlich über einige chemische oder biologische Waffen verfügte, und dass die US-Streitkräfte einige Anlagen in Afghanistan bombardierten, die an ihrer Produktion beteiligt gewesen sein könnten. Ob auch das Regierungslabor in Kabul zu den verdächtigen Stätten gehörte, ist nicht bekannt.

Von einigen Einrichtungen, in denen El Kaida möglicherweise Kampfstoffe herstellte, wurden Proben genommen, die nun in den USA untersucht werden, wie General Peter Pace, stellvertretender Vorsitzender des Generalstabs, am Mittwoch im Pentagon erklärte. Ergebnisse lägen noch nicht vor. Dass aber auf dem einzigen Reagenzglas, das in Englisch beschriftet war, "Anthrax" geschrieben stand, gebe doch zu denken. "Wir analysieren es gerade", sagte Pace.

Dr. Ali und sein Kollege, Abdul Wakil, sagen bei dem Gespräch in dem beschädigten Labor nicht, ob Ergebnisse ihrer Arbeit an El Kaida weitergegeben wurden oder in Waffenexperimenten benutzt wurden. Sie räumen aber ein, dass die Taliban über das Labor Zugang zu Anthrax hatten. Sie zeigen einen großen Behälter, der nach ihren Angaben konzentrierte Anthrax-Sporen enthält. Beide beklagen, dass das Verfallsdatum ihres Vorrats an Milzbrand-Impfstoffen bereits überschritten sei, sie aber kaum noch Nachschub für die Produktion von neuem bekämen. Vor den Luftangriffen seien sie von Privatunternehmen aus Indien und Iran beliefert worden, nach dem 11. September wurden die Lieferungen jedoch eingestellt.

Unterstützung von IKRK und FAO

Die Forschung selbst ist nicht weiter ungewöhnlich. Ähnliche Arbeiten zur Herstellung von Tierimpfstoffen werden weltweit durchgeführt. Und die Regierungswissenschaftler in Kabul erhielten dabei sogar technische Unterstützung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) und der UN-Welternährungsorganisation (FAO). Unterlagen über tödliche Chemikalien und Bakterien wurden allerdings auch in Häusern entdeckt, die vom Netzwerk El Kaida nach der Flucht der Taliban aus Kabul am 13. November verlassen wurden.

Material in Arabisch, Urdu, Russisch und Englisch deutet darauf hin, dass El Kaida über chemische, biologische und sogar atomare Waffen forschte. Ob jemals solche Waffen hergestellt wurden, ist nicht bekannt. Auf einigen Unterlagen stehen handgeschriebene chemische Formeln und Diagramme, die sich offenbar auf ein Mischen verschiedener Chemikalien und eine explosive Reaktion beziehen. In einem Ausbildungslager am südlichen Stadtrand wurde ein Buch in englischer Sprache entdeckt mit Anweisungen über das Verhalten in einem Atomkrieg. Ein dort gefundener Brief lässt darauf schließen, dass sich noch im November Rekruten in dem Lager aufgehalten haben. «Ich wäre bezüglich der Anthrax-Forschung und anderer wissenschaftlicher Arbeit während der Taliban-Zeit misstrauisch», erklärt Dalut Mir, der stellvertretende Chef des Geheimdienstes der Nordallianz. "Denn die Taliban standen unter der Kontrolle von Osama und El Kaida." Es gebe deutliche Hinweise darauf, dass die Taliban mit Chemiewaffen zu tun gehabt hätten. "Wir glauben, dass sie Regierungseinrichtungen wie das Landwirtschaftsministerium für ihre Forschung für den Terrorismus genutzt haben."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%