Regierungspartei blockiert Reform
Streit um Japans Banken drückt den Nikkei

Anlagestrategen warnen, radikale Schritte von Wirtschaftsminister Heizo Takenaka könnten die Aktienkurse kurzfristig noch tiefer drücken.

DÜSSELDORF. Eigentlich wollte Japans Wirtschaftsminister Heizo Takenaka seine Bankenreform am Dienstag präsentieren. Doch in letzter Minute stoppten Vertreter der japanischen Regierungspartei den Reformer, der zuvor radikale Schritte angedeutet hatte. Jetzt rätseln Investoren, wie Takenakas Reform Japans Wirtschaft und die Finanzmärkte bewegen wird.

Viele Anleger reagierten auf den politischen Streit und die Unsicherheit mit Verkäufen: Gestern fiel der Nikkei 225 Stock Average Index - kurz Nikkei - in Tokio um weitere 1,5 % auf 8 614 Punkte. Seit vielen Jahren fallen japanische Aktien schier ins Bodenlose. So notierte der Nikkei vor sechs Jahren noch über 20 000 Punkten.

"Der Markt richtet sich nach Gerüchten", sagte Frank Packer, Research-Leiter bei Nikko Salomon Smith Barney in Tokio, "und die waren in letzter Zeit sehr entmutigend." Japanischen Zeitungsberichten zufolge will Takenaka erreichen, dass die Banken ihre riesigen faulen Kredite schneller abschreiben. Dazu will er eine Höchstgrenze für die Relation von faulen Krediten zur Gesamtsumme der Ausleihungen einführen. Banken, die diese Latte reißen, droht die Verstaatlichung. Sie sollen ihre Selbständigkeit verlieren und erhalten dafür öffentliche Kapitalhilfen, um den Kollaps zu verhindern. Sonst, da sind sich die Fachleute einig, droht eine Pleitewelle japanischer Banken die gesamte Wirtschaft nach unten reißen.

Allerdings könnte eine solche Reform die Krise an Japans Finanzmärkten zunächst verschlimmern. Bekäme der Staat die Kontrolle über finanziell angeschlagene Großbanken, dann dürfte er zahlungsunfähigen Firmen die Kredite streichen und strengere Maßstäbe bei der Kreditvergabe anlegen. Das würde zwar helfen, den Finanzsektor zu stabilisieren. Aber marode Kreditnehmer müssten leiden. "Vielleicht ist es moralisch nicht korrekt, aber der Markt mag eine solche Abstrafung von Firmen nicht", sagt Packer. Deshalb hätten sich viele Investoren in den vergangenen Tagen vorzeitig zum Aktienverkauf entschlossen.

Auch Masatoshi Kikuchi, Anlagestratege von Merrill Lynch in Tokio, bewertet Takenakas Pläne skeptisch. "Takenaka strebt eine harte Landung an", sagt er. Soll heißen: Er nimmt in Kauf, dass seine langfristig angelegte Reform kurzfristig neue Härten für die japanische Wirtschaft bringt. Doch völlig durchsetzen werde Takenaka sich ohehin nicht gegen die Opposition aus der Regierungspartei LDP, schätzt Kikuchi."Es wird wohl, wie in Japan üblich, eine Lösung zwischen beiden Standpunkten geben", sagt der Merrill-Stratege. Eine Verstaatlichung der Banken drohe nur, wenn der Nikkei die Marke von 7 000 Punkten unterschreitet. Unter den Investoren wachse aber derzeit die Furcht vor einem solchen Kurssturz.

Nikko-Analyst Packer schätzt die Wahrscheinlichkeit einer Verstaatlichung japanischer Banken auf weniger als 50 %. "Es gibt einen Unterschied zwischen dem Reformplan und dessen Implementierung", dämpft Packer allzu hohe Erwartungen.

Kathy Matsui, Anlagestrategin bei Goldman Sachs in Tokio, skizziert zwei Reformszenarien - mit sehr unterschiedlichen Folgen für japanische Aktien. Entweder die Bankreformen zielen nur auf einen teilweisen Abbau der faulen Kredite. Dann dürfte es zu einer Zwischenralley kommen, die aber wahrscheinlich nicht anhalten werde. Oder Takenaka setzt umfangreiche Abschreibungen durch. Dann werden die Kurse sich seitwärts bewegen oder noch eine Weile fallen, schätzt Matsui. "Schließlich würde es aber wohl zu einem anhaltenden Anstieg kommen", so die

Wie die aktuelle Reformdebatte ausgeht, ist völlig offen. "Am wichtigsten ist aber, dass der politische Streit jetzt ein Ende findet", meint Nikko-Analyst Packer. Nur so könne die anhaltende Unsicherheit an den Finanzmärkten beendet werden. Entscheidend werde sein, ob die Banken ihren zuletzt massiven Widerstand gegen Takenakas Reformpläne aufgeben.

Der Protest der Banken macht den Nikko-Analysten Packer misstrauisch. "Sollten die Banken weiter gegen die Pläne opponieren, muss man fürchten, dass sie um ihr Leben kämpfen", sagt er. Im Klartext: Ihr Widerstand bestärkt den Verdacht, dass die Kreditinstitute womöglich noch mehr Leichen im Keller verstecken als Experten ohnehin annehmen. Dagegen würde Packer einen Kompromiss - gleich welcher Art - begrüßen. Denn damit wachse die Hoffnung, dass die Bankreform keine allzu schlimmen Folgen für Japans Wirtschaft habe. In diesem Fall könnten auch die Aktienkurse endlich einen Boden finden.

Quelle: Handelsblatt

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