Archiv
Rehhagels Fußball-«Götter» im 7. HimmelDPA-Datum: 2004-06-26 14:59:45

Lissabon (dpa) - In einem der denkwürdigsten Spiele der EM- Geschichte haben Griechenlands Fußball-«Götter» Titelverteidiger Frankreich vom Thron gestoßen und selbst den Olymp erklommen.

Lissabon (dpa) - In einem der denkwürdigsten Spiele der EM- Geschichte haben Griechenlands Fußball-«Götter» Titelverteidiger Frankreich vom Thron gestoßen und selbst den Olymp erklommen.

«Unsterblich, unglaublich, ein unbegreiflicher Triumph», schrieb nach der historischen Nacht von Lissabon die Sportzeitung «Athlitiki», und auch andere griechische Gazetten überschlugen sich bei der Einordnung des kaum fassbaren Ereignisses in hysterischen Schlagzeilen. «Athen brennt in der Nacht» (Kathimerini), «Ein Wunder ist geschehen» («To Wima»), «Lieber Gott, danke, dass wir diesen Traum erleben können («Goal») oder: «Die Götter sind wieder auf dem Olymp» («Ependytis»). Den Slogan auf dem griechischen Mannschaftsbus «Die antiken Griechen hatten 12 Götter, die Modernen haben 11» wurde auf fast orakelhafte Weise umgesetzt.

Ganz Griechenland schwebte mit Otto Rehhagels Fußball-«Göttern» nach dem sensationellen 1:0-Sieg im siebten Himmel. Auch der deutsche Wundermann, dem sie in «Hellas» schon vor dem Einzug ins Halbfinale ein Denkmal gesetzt hatten, fand nur Worte überschwänglicher Superlative. «Es ist das schönste Gefühl der Welt. Von New York über Rio bis Tokio wird man jetzt weltweit vom griechischen Fußball reden, der zuvor gar nicht wahrgenommen wurde», sagte der 65-Jährige, der sich ob der großen Euphorie genötigt sah, seine vom ihm selbst in höchsten Tönen gelobte Kompetenz vor jeder Kamera und jedem Mikrofon mitzuteilen.

«Ich habe das Fachwissen, um den Leuten ungefähr zu sagen, wie das funktionieren könnte. Ich habe immer Praxis bezogen trainiert und versucht, Fragen, die ein Fußballspiel stellt, zu beantworten. Wir haben den Franzosen angeboten, was sie noch nicht kannten. Wir sind näher rangegangen an die Leute», erklärte «Rehakles» seine Fußball- Philosophie. Die Genugtuung über seinen neuesten taktischen Geniestreich gegen die Fußball-Großmacht Frankreich war jenem Mann bei jedem Wort anzumerken, dessen gespaltenes Verhältnis zu den deutschen Medien vor allem auch von ihm selbst gepflegt wurde.

Der Erfolg gibt dem Trainer-Guru und seinen anachronistisch anmutenden Methoden recht. Mit solidem, handwerklichem System - einem Ausputzer, zwei Manndeckern und einem Sonderbewacher für Frankreichs farblosen «Superstar» Zinedine Zidane - legte er die nie zu ihrem Filigran-Fußball findenden Franzosen lahm.

Sein schlichtes, aber effektives System entzauberte den hilflosen Titelverteidiger auf geradezu groteske Weise. Rehhagels einfache und zielgerichtete Ansprache beeindruckte auch seinen Matchwinner Angelos Charisteas (65.). «Er hat uns einfach nur gesagt, dass die Franzosen mehr Stress und wir nichts zu verlieren haben», sagte der Stürmer vom deutschen Meister und Pokalsieger Werder Bremen. Den Sensationscoup im Stadion «José Alvalade», in dem auch das deutsche Team sein Waterloo erlebt hatte, stellte Charisteas noch über den Gewinn des «Doubles»: «Hier spiele ich für mein Land, und da freue ich mich ein bisschen mehr.»

Der gedemütigte Europameister, der nach der WM-Pleite von 2002 jetzt auch seinen kontinentalen Titel nicht verteidigen konnte, erstarrte fast in Agonie. Ohne jeden Esprit, ohne Willensstärke, geradezu leblos gab der entthronte Turnier-Favorit eine klägliche Vorstellung, die nicht nur bei Trainer Jacques Santini und den Spielern Kopfschütteln und leises Entsetzen auslöste. «Unerklärlich. Wir haben nicht den Fußball gespielt, zu dem wir fähig sind und sind deshalb folgerichtig ausgeschieden. Ich bin sehr traurig», diktierte der so gut wir gar nicht in Erscheinung getretene Zidane mit belegter Stimme den Reportern in die Notizblöcke.

So wie Santini, der nach seiner ausgerechnet bei der EM gerissenen Erfolgsserie von 21 Spielen ohne Niederlage seinen Hut nahm und zu Tottenham Hotspur wechselt, muss auch die nach sechs Jahren des Ruhms brutal auf dem Boden gelandete «Equipe Tricolore» zu neuen Ufern aufbrechen. Zidane: «Frankreich muss jetzt an die Zukunft und an die WM 2006 in Deutschland denken.» Als Nachfolger für Santini werden die Ex-Nationalspieler Jean Tigana und Laurent Blanc gehandelt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%