Reiche und intelligente Kunden gefragt
Ein Passport für Liberty

Die Ankündigungen zu Passport und Liberty erinnerten so manchen an das Imponiergehabe von Gorillas: Sowohl Microsoft als auch Sun Microsystems reklamierten für sich, als erster einen funktionierenden Dienst zur Verwaltung digitaler Identitäten anzubieten.

Es ist der Kampf um die Marktführerschaft bei einer der Kernfragen des E-Business: Wer diese digitalen Akten der Internet-Nutzer verwaltet, hat große Macht. Sie enthalten persönliche Daten, Bankverbindungen, Kreditkartennummern - kurz: sämtliche Informationen, die über einen Nutzer des weltweiten Netzes gespeichert werden.

Jetzt zeigen die beiden Erzfeinde Kompromissbereitschaft: Die konkurrierenden Systeme - Microsofts Passport und Liberty von Sun und seinen Partnern - sollen miteinander kommunizieren. Microsoft hat angekündigt, im nächsten Jahr eine Passport-Version auf den Markt zu bringen, die auch mit anderen Systemen funktioniert. "Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass Microsoft Passport künftig so gestaltet, dass beide Systeme zusammenarbeiten", sagt Frank Gillett, Analyst beim Marktforscher Forrester.

Die User werden profitieren

Eine gute Nachricht für die Nutzer, denn erst wenn die Systeme kompatibel sind, erleichtern sie wirklich das Bewegen im Internet. Dienste wie Passport und Liberty ordnen jedem Internet-Nutzer eine unverwechselbare Identität zu, die als Basis für alle Aktivitäten vom Software-Update über den Einkauf im Netz bis zur elektronischen Personalakte dienen kann. Vorteil für den Kunden: Mit seiner Web-Identität kann er sich im Internet bewegen, ohne sich ständig neu anmelden zu müssen - aber eben nur auf Seiten, die einen Identitätsservice bieten, der sich mit dem versteht, bei dem der Nutzer angemeldet ist.

Doch die beiden Platzhirsche Microsoft und Sun wollten den Markt für sich allein. Die Nase vorn bei der Entwicklung hatte zunächst Microsoft mit Passport. Doch die Liberty-Allianz - ein Zusammenschluss von mehr als 60 Firmen, darunter United Airlines, Nokia, SAP, AOL, Wells Fargo, France Telekom und Mastercard, unter der Führung von Sun - zeigte sich entschlossen, den Rivalen zu überholen. Microsoft-Chef Steve Ballmer hatte lange für die Konkurrenz nur Spott übrig: Die Wahrscheinlichkeit, dass Liberty irgendeine Relevanz haben werde, liege bei Null, tönte er noch im vergangenen Jahr.

Neuerdings wird der Ton des um Worte nie verlegenen Konzernchefs umgänglicher. Denn Liberty hat inzwischen nicht nur die grundlegende Software für den Dienst vorgestellt, Sun hat auch gleich die erste Anwendung nachgeschoben: Der "Identity Server 6.0" soll den Unternehmen das Verwalten digitaler Identitäten erleichtern. Microsofts vergleichbares Programm, "Trustbridge", soll dagegen erst 2003 auf den Markt kommen.

Reiche Kunden gefragt

Dass einer allein alle Internet-Nutzer auf seine Seite ziehen kann, ist also kaum noch wahrscheinlich - das ist wohl auch der Grund, warum die Konzerne plötzlich Bereitschaft zeigen, ihre Standards anzugleichen. Wie schwierig das ist, wird besonders deutlich bei der Speicherung der Kundendaten. Während Microsoft die Informationen auf eigenen Servern zentral speichern will, will Liberty die Daten bei den teilnehmenden Unternehmen - etwa Mastercard - belassen. Das macht Liberty den Firmen so sympathisch: Die verbindet nämlich eine diffuse Angst vor dem Giganten aus Redmond als Zwangsverwalter ihrer Kundendaten. "Wir wollen sicherstellen, dass der Nutzer selbst entscheiden kann, welche Informationen zwischen den Unternehmen weitergegeben werden", sagt Rob Robless, Chef-Technologe bei der US-Fluggesellschaft United Airlines.

Für Unternehmen sind die digitalen Profile ein wichtiges Marketing-Instrument: Je besser sie ihre Kunden kennen, desto effektiver können sie verkaufen. "Wer die meisten reichen oder intelligenten Leute in seiner Datenbank hat, gewinnt", sagt Sun-Chef Scott McNealy. "Digitale Identität wird eine riesige Sache werden." Die US-Bank Wells Fargo, die 3,2 Millionen Online-Kunden hat, ist einer der ersten Nutzer des Sun-Produkts. "Liberty gibt uns mehr Flexibilität als Microsofts Passport, weil es von vielen Unternehmen gemeinsam entwickelt wurde und somit einen Standard für die Branche darstellt", sagt Wells-Fargo-Manager Eric Castein. "Wir können so die digitalen Identitäten unserer Kunden effizienter managen."

Interessant sind die Identitätsdienste auch für Personalabteilungen: Die Marktforschungsgesellschaft Burton rechnet vor, dass es ein Unternehmen mit 25 000 Mitarbeitern und einer Fluktuation von 20 % im Jahr 360 000 $ kosten würde, die digitalen Identitäten der Angestellten selbst zu verwalten. Dennis Behrmann, Marktforscher bei Meridian Research, gibt sich zuversichtlich: "Für Firmenkunden gibt es auf jeden Fall Bedarf an Identitätssoftware."

Private Nutzer beäugen die digitale Identität aber noch mit Skepsis. Einer Umfrage der Marktforschungsgesellschaft Gartner zufolge hat sich die Zahl der registrierten Passport-Nutzer zwar in den vergangenen sechs Monaten auf 14 Millionen verdoppelt, doch 84 % der Neukunden registrierten sich nur, weil es etwa für die Nutzung von Microsofts E-Mail-Dienst Hotmail erforderlich ist. Lediglich 2 % der Befragten wussten den Vorteil zu schätzen, dass sie sich nicht bei jeder Passport-fähigen Internet-Seite neu anmelden müssen. Das könnte sich ändern, wenn aus den Brust klopfenden Gorillas jetzt Schmuseäffchen werden.

Quelle: Handelsblatt

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