Reiseimpressionen
Wo wilde Eber Samba tanzen

City-Marathons - wie in Berlin - sind zugleich lehrreiche und mühsame Stadtrundläufe, auch durch unbekannte Quartiere.

Zum etwas schietigen Nieselwetter gibt das bunt gewordene Herbstlaub des Berliner Tiergartens einen tröstlichen Kontrast ab. Wie die Seiten eines Dreiecks, zu dem der Zug aus 30 000 Läuferinnen und Läufern heute Morgen ein gigantisches Hypotenusenrechteck bildet, strebt die begrenzende Baumlinie des Stadtwaldes auf Viktoria zu, die auf der Siegessäule thront. Zu ihren Füßen missbilligen grimmig-steinerne Feldherrendenkmäler den Zug der Volksläufer, der sich über die Straße des 17. Juni windet. Heute ist, wie jeden Sonntag, Flohmarkt - Kunst, Kunstgewerbe und Kram - vor und hinter dem verhüllten Charlottenburger Tor. Aber der Marathon bringt die Geschäfte zunächst ins Stocken.

In der versteckt gelegenen Ofenhalle der notorisch klammen "Königlich Preußischen Porzellanmanufaktur" (KPM) haben Deutschlands Werber neulich eine überraschend heitere Party gefeiert. Noch ist der Lindwurm aus Läufern recht gut beieinander - "Anschluss halten", ruft sich eine Laufgruppe aus dem Schwäbischen tapfer zu. Und: "Zeig uns die Stadt!" kommandiert ein zugereister Marathoni. Seine Freundin hechelt zurück: "Machen wir!"

Da wäre zum Beispiel die Marchbrücke über dem Landwehrkanal - eine der vielen schönen, denkmalgeschützten Spree- und Kanalbrücken der Stadt, oft in wilhelminischen Zeiten gebaut und in bundesrepublikanischen Zeiten restauriert. Das Nivea-Logo in der Franklinstraße erinnert daran, sich noch einmal einzucremen: Die Mischung aus Schweiß und Niesel ist?s, die den Wolf zum Laufen bringt.

Nebenan japst die Kavalkade an der gläsernen Pracht von Audi und Porsche vorbei. Die Knackis der legendären Justizvollzugsanstalt Moabit (Erich Mielke!) nehmen vom Rummel draußen keine Kenntnis. In Höhe des Moabiter Werders gibt?s unweit des Bundesinnenministeriums reichlich Wasser und Bananen, aber auch ordentliche Marsch- und Jazzrhythmen von Anfeuerungskapellen und Fans. Das tut gut, Leute!

Hinter der historischen Kutscherkneipenarchitektur des renommierten Restaurants Paris-Moskau taucht die Ost-West-Mitte-Skyline des regierenden Berlins auf: Bundeskanzleramt, Reichstag, Bundestagsgebäude, ARD, Bundespresseamt. Dahinter die klassischen Ost-Blöcke aus rotbräunlicher Charité und grauweißlichem ehemaligem Außenhandelszentrum, zwischen denen die Kuppel des Berliner Doms beinahe verschwindet. Stilsicher haben sich vor die Schweizer Botschaft Fans aufgestellt, die uns Läufern mit Kuhglocken einheizen und einem eidgenössisch-offiziellen Transparent: "Hopp Schwyz!"

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