Reisetipp
Brasiliens Blühender Regenwald

Ehrfürchtig nennen Einheimische ihn "O Professor". Der Ire David Miller bringt Touristen und Experten in ein einzigartiges brasilianisches Naturreservat.

Wolken ziehen durch den Garten, und auf dem Herdfeuer steht ein Kessel mit kochendem Wasser. David Miller schlurft durch die niedrige Küche, drückt die Tür gegen den Wind auf: "Kommen Sie mal mit." Blauschimmernde Bergkuppen reihen sich bis an den Horizont. Neben dem Haus fällt der Hang steil ab. Ein paar Schritte weiter führt zwischen haushohen Bäumen ein Pfad in ein Dickicht aus Farnen, Bambus, Palmen, Sträuchern. Bromelien wuchern in dicken Büscheln. Wurzelgeflecht federt unter den Füßen.

Schließlich findet Miller an einem Baum, wonach er sucht. Ein Farbfleck in grüner Dämmerung, beim Näherkommen ein fremdartiges Gebilde in samtigem Purpur, perfekt symmetrisch wie ein exotischer Schmetterling. "Sophronitis brevipedunculata", murmelt Miller. Orchideen. Das ist es, weswegen sie von überall her dorthin kommen.

Hunderte von seltenen Arten wachsen auf den Bergen ringsum, manche nur dort. Miller, Ende 60, kennt sie alle, hat viele von ihnen selbst entdeckt, seit er vor 30 Jahren in den südbrasilianischen Regenwald zog und zu forschen begann. Seine Orchideenführungen sind ein Geheimtipp für Botaniker, Sammler und Kamerateams aus aller Welt.

"O Professor", nennen ihn die Nachbarn unten im Tal. Vielleicht auch, weil man den Gentleman trotz verwaschenen Sweaters eher auf der Teeparty einer Royal Orchid Society erwarten würde als durch den Urwald stapfend. Understatement und Lakonie zeichnen ihn aus: Ungefähr so müsse sich Mais fühlen, wenn er Popcorn werde, lautet sein Kommentar im heftig schaukelnden Jeep auf dem Holperpfad zurück zum Haus.

Miller stammt aus Südirland, war ursprünglich führender Berater bei einer großen Consultingfirma, hatte einen Auftrag in Rio und besaß ein abgelegenes Wochenendhaus im Hinterland. Irgendwann entdeckte er, dass der Regenwald auf den umliegenden Bergspitzen die großen Rodungen für Kaffeeplantagen und Weiden überlebt hatte. Er kaufte so viel Land, wie er konnte, ließ es unberührt und beschloss, für immer zu bleiben. "Sie sind eigentlich etwas früh dran", sagt er zum Besucher, eine Blüte inspizierend. "In ein paar Wochen wird der Baum rot sein."

Weiter geht es, immer tiefer in den Wald, an Hängen entlang kraxelnd, über Bäche zwischen umgestürzten Stämmen und Felsbrocken - dorthin, wo Bäume stehen, die schon hier waren, bevor die Europäer das Land verwüsteten. Zwischen den Wurzeln moosbewachsener Riesen haben sich mannshohe Höhlen gebildet, überwuchert von Schlingpflanzen, Bromelien, Orchideen, mit Blüten wie winzige Porzellanskulpturen.

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