Reit-Olympiasieger beklagt mangelnde Fernsehpräsenz und kritisiert Verbandsfunktionäre
Beerbaum bringt mit Pferden im Depot sein Schäfchen ins Trockene

Als Unternehmer im Sattel ist Ludger Beerbaum seit vielen Jahren erfolgreich. Im Parcours vertraut er seinen eigenen Fähigkeiten, dort fühlt er sich zu Hause. Für den Weltklasse-Reiter steht fest, daß er zwischen Oxer und Wassergraben bessere Renditechancen hat als an der Börse. Aktien und Optionsscheine sind nicht seine Welt und werden es wohl nie werden.

RIESENBECK. Kürzlich erst hat Ludger Beerbaum etwas Geld angelegt. "Ein Sparkassenbrief mit vier Komma irgendwas Zinsen", berichtet der Weltklasse-Reiter im Handelsblatt-Gespräch. Solche Bankgeschäfte aber sind die Ausnahme. Die Frage nach der Verwendung seiner Einkünfte war für den 34jährigen stets schnell beantwortet. "Investieren, immer wieder sofort investieren."

Vor allem in Riesenbeck. Dort hat sich der bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften erfolgreiche Beerbaum vor fünf Jahren niedergelassen. Am Rande des Teutoburger Waldes fühlt er sich rundum wohl. Tante und Onkel wohnen in der Nähe. Hier, zwischen Osnabrück und Rheine, scheint die Welt noch in Ordnung. Es gibt einen Dorfkrug, einen Junggesellen-Schützenverein, einen neuen Belag auf der Hauptstraße. Und einen Star.

Ludger Beerbaum allerdings wirkt nicht wie ein Promi. Der gebürtige Göttinger, Sohn eines Gutsverwalters, wäre der letzte, der seine bäuerlichen Wurzeln leugnen würde. Ehrlichkeit ist Trumpf, wenn er über seine Jugend spricht. "Aktien? Wir wußten gar nicht so genau, was das ist. Die Börse war nie ein Thema für mich, sie hat mich nie gereizt", erzählt der Rotrock. Auch seine Schwester, eine Wirtschaftsprüferin, habe ihm abgeraten. Beerbaum, der in diesen Tagen beim prestigeträchtigen Turnier in Aachen sein Paradepferd Ratina Z in den Ruhestand verabschiedet, kommt daher zu dem Schluß: "Man müßte sich genau mit dem Thema beschäftigen. Dazu habe ich keine Zeit. Also sage ich mir: Schuster, bleib bei deinem Leisten."

Daran ändern auch die zwei, drei Semester Betriebswirtschaftslehre nichts, die der Reiter einst absolvierte. Als sich die Chance ergab, professionell in den Turniersport einzusteigen, mußte Beerbaum nicht lange überlegen. Erst bei Altmeister Paul Schockemöhle, dann im bayrischen Buchloe. Dort ritt er die Springpferde des Fleischkonzerns Moksel, der später in finanzielle Schwierigkeiten geriet und dessen Kurse an der Börse abstürzten. "Wenn ich mich daran erinnere, muß ich heilfroh sein, daß ich keine Aktien gekauft habe."

Letztlich wurde Moksel für Beerbaum zum Glücksfall. Zwar verabschiedete sich die Firma wieder aus dem Reitsport, doch mit Unterstützung des damaligen Vorstandsvorsitzenden Rodo Schneider (der sich erst kürzlich verpflichtete, wegen Verletzung der Sorgfaltspflicht 1,76 Millionen Mark an die AG zu zahlen) baute er das Anwesen in Riesenbeck auf. Schneiders Sohn Ralf gehört ebenfalls zur gehobenen deutschen Reiterklasse und wurde im nördlichen Münsterland zu Beerbaums Geschäftspartner. Sie gründeten die B & S Sportpferde-GmbH, an der beide zu je 50 % beteiligt sind.

Eine florierende Unternehmung. Drei Millionen Mark Umsatz erzielte die Firma zuletzt, auch Pferdehandel gehört zu den Aktivitäten der Kompagnons. Zehn Angestellte stehen auf der Lohnliste. An 44 Wochenenden war Beerbaum im Vorjahr beruflich unterwegs, auf Urlaub in der Ferne ist er nicht mehr scharf. "Ich bin froh, wenn ich mal zwei oder drei Wochen zu Hause bei der Familie bin."

Den hohen zeitlichen und körperlichen Aufwand will der geschäftsführende Gesellschafter "noch etwa zehn Jahre auf sich nehmen". Zeit, in der noch manche Siegprämie auf sein Konto fließen wird. Acht Millionen Mark sind in 14 Jahren als Berufsreiter zusammengekommen. "Zuletzt lag ich jährlich zwischen 1,0 und 1,4 Millionen Mark." Allerdings fallen erhebliche Kosten an. Allein für die Turnierteilnahmen inklusive der Reisekosten werden eine Million Mark veranschlagt. Davon ist rund die Hälfte durch Sponsoren abgedeckt. Beerbaums wichtigste Unterstützer sind Autobauer Audi, Pikeur (Reitbekleidung) und Kieffer (Sättel).

Mit Blick auf die Einkommensverhältnisse von Fußball- oder Formel-1-Stars kommt bei Beerbaum kein Neid auf. "Soviel wie ein durchschnittlicher Bundesliga-Fußballer verdiene ich auch", bemerkt er und macht keinen Hehl daraus, mit der Situation der Sportpferde-GmbH zufrieden zu sein. Der gehören etwa die Hälfte der 40 Vierbeiner, die in Riesenbeck stehen. Der Rest verteilt sich auf vier weitere Besitzer.

Deren Pferde werden Beerbaum anvertraut, damit er das Optimum bei den Turnieren herausholt. Bei den errittenen Einnahmen wird meist halbe-halbe gemacht, womit der Sattelprofi nach eigener Einschätzung besser abschneidet als viele seiner Konkurrenten. Der übliche Satz für den Reiter liege bei rund 25 %. Warum er deutlich bessere Konditionen erhält, ist für Beerbaum klar: "Es gibt nicht viele, bei denen die Chance auf Erfolge ähnlich groß wäre wie bei mir."

Doch der Mann denkt über den Rand des Hafertrogs hinaus. Daß die Fernsehpräsenz der Reiter nicht berauschend ist, ärgert Beerbaum. Wobei er sowohl über den internationalen als auch den nationalen Verband wie ein Rohrspatz schimpft. "Die Deutsche Reiterliche Vereinigung ist ein riesengroßer Kindergarten, da wird noch immer zuviel ehrenamtlich gemacht", nennt der vielfache Medaillengewinner Roß und Reiter beim Namen. Zudem kann er nicht verstehen, "daß die Veranstalter von 25 deutschen Turnieren zum Fernsehen rennen und alle ihren Großen Preis anbieten können".

Weniger, meint Beerbaum, wäre mehr. Und hat auch schon ein Konzept im Kopf. "Wir müssen uns an der Formel 1 orientieren. Der Verband sollte dafür sorgen, daß nur noch die zehn Topturniere übertragen werden - und zwar in den öffentlich-rechtlichen Sendern. Selbst auf die Gefahr hin, daß wir zunächst noch dafür bezahlen", meint Beerbaum mit Blick auf die Tischtennis- und Handball-Bundesliga, die sich die TV-Aufmerksamkeit erkauften. Langfristig ist er überzeugt, daß die Faszination seiner Sportart gute Einschaltquoten garantiert. "Und dann werden sich die Sender nicht mehr mitten im Stechen ausblenden." Beerbaum weiß, daß investiert werden muß, ehe die Ernte eingefahren werden kann. Getreu dieser Maxime steckte er nicht nur drei Millionen Mark in das Riesenbecker Anwesen, sondern kaufte zudem Ländereien in Mecklenburg-Vorpommern, die sein Vater bewirtschaftet.

Vor allem aber setzt er weiterhin auf hoffnungsvolle Pferde: "Wenn ich 100 000 Mark für ein Pferd ausgebe und mich nicht ganz blöd anstelle, erziele ich eine Verzinsung, die mir keine Bank bieten kann."

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