Reitzles Börse-Bonus geht zur Neige
Der Kurswechsel bei Linde dauert länger als erhofft

Wolfgang Reitzle, seit Jahresbeginn Vorstandsvorsitzender des Wiesbadener Mischkonzerns Linde, sieht seine neue Aufgabe "sportlich". Das ist auch gut so. Denn ähnlich wie viele Hochleistungssportler sollte Reitzle trotz aller Widrigkeiten eines nicht tun: das Ziel aus den Augen verlieren.

Für den ehemaligen Auto-Manager wird das keine leichte Aufgabe. Die Erwartungen sind hoch. Analysten hatten seinen Wechsel von Ford zu Linde mit viel Vorschusslorbeeren bedacht. Reitzle werde den konservativen Konzern neu und moderner ausrichten und dem dümpelnden Aktienkurs wieder Auftrieb verleihen, so ihr Kalkül.

Doch die harte Realität der weltweiten Wirtschaftskrise zehrt diesen Bonus für den "Neuen" allmählich auf. Zwar hat sich die Linde-Aktie in den zurückliegenden Tagen von ihrem Tiefstand (22,80 Euro) wieder etwas auf knapp unter 30 Euro erholt. Seit dem Amtsantritt von Reitzle hat das Papier aber rund 20 % an Wert verloren.

Der Grund: Die Nachfrage bleibt schwach, vor allem nach Gabelstaplern und Kühltruhen. In entsprechend schwachem Zustand präsentieren sich denn auch die Zahlen für das erste Quartal. Zwar stabilisierte sich der Umsatz in etwa auf Vorjahresniveau, doch das operative Ergebnis brach wegen des gegenüber dem Euro schwachen Dollars um 19 % ein.

Die Entwicklung des "Greenbacks" zum Euro ist es auch, die in den kommenden Monaten wie ein Damoklesschwert über dem Wiesbadener Traditionsunternehmen hängt, und dies zusätzlich zu der anhaltenden Wirtschaftskrise. 77 % seiner Umsätze erzielt Linde im Ausland. Ein großer Teil davon entfällt auf Nordamerika; in der wichtigsten Sparte Gas sind es zum Beispiel 20 %.

Kein Wunder also, dass Vorstandschef Reitzle angesichts dessen seinen noch im März zur Schau gestellten Optimismus deutlich gedämpft hat. Es werde schwer, die angestrebte Steigerung des Ergebnisses bis zum Jahresende zu erreichen, formuliert er nun doch sehr zurückhaltend.

Und die ökonomische Wahrheit wirft Fragen auf; etwa die nach dem erwarteten Kurswechsel. Zwar ist ein solcher gerade wegen der aktuellen Krise drängender denn je. Ohne den konjunkturellen Rückenwind dürfte es für den Steuermann Reitzle aber schwer werden, die Richtung zu ändern.

Das zeigt das Beispiel Kühltechnik. Jahr für Jahr kämpft dieser Bereich um schwarze Zahlen, mit bescheidenem Erfolg. Wolfgang Reitzle denkt deshalb auch über einen Verkauf nach und gliedert die Sparte bis zum Jahresende aus. Doch die potenziellen Käufer sind rar, trotz eines Weltmarktanteils von Linde in der Kältetechnik von 17 %.

Die zahlreichen Hausaufgaben werden Reitzle über die kommenden Monate zeitlich binden. Sein langfristiges Ziel, den Mischkonzern Linde stärker auf das Geschäft mit Gasen auszurichten, wird er deshalb aber nicht aus den Augen verlieren. Nur wird es länger als geplant dauern, bis Reitzle dort ankommt, wo er gerne hin will.

Grämen müssen sich die Aktionäre von Linde deshalb aber nicht. Letztlich ist die durch den neuen Mann an der Spitze des Konzerns ausgelöste Phantasie nur aufgeschoben, bestimmt aber nicht aufgehoben. Genau das könnte sich am Ende sogar als positiv herausstellen: Schließlich nützen hektische Verkäufe zu Schleuderpreisen den Anteilseignern eines Unternehmens am wenigsten.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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