Rekord an Barreserven
Börsenrally zwischen Hoffnung und Zittern

Die Herbstrallye an den deutschen Börsen wurde in der abgelaufenen Woche auch nicht vom Beginn der Kampfhandlungen gegen Afghanistan gestoppt. Trotz einiger Gewinnmitnahmen zum Wochenschluss konnte der Deutsche Aktienindex ein Niveau von knapp 4 700 Punkten behaupten. Damit blieb der am Donnerstag erreichte Stand vom 10. September - einen Tag vor den Terroranschlägen in den USA - mit damals 4 670 Punkten gesichert.

dpa FRANKFURT. "Doch die Gefahr neuer Rückschläge bleibt groß", mahnt die DZ Bank. Seit den Tiefständen vom 21. September hat der Dax wieder 30 Prozent und der Nemax am Neuen Markt sogar 40 Prozent gutgemacht. Für viele Börsenexperten sind dies aber schon Schwindel erregende Höhen, die kein sicheres Fundament für eine weitere Kurserhöhung darstellen. "Mit rationalen Argumenten hat das nichts zu tun, das ist ein rein psychologischer Effekt", urteilt Aktienstratege Markus Morsch von der Commerzbank. "Wir erleben derzeit ein Vabanque-Spiel zwischen Gier und Ratio."

Die fundamentalen Rahmenbedingungen stimmen in der Tat nicht zuversichtlich. Das Ausmaß der Rezession in den USA ist ebenso wenig einzuschätzen wie die Dauer der Wachstumsschwäche in Europa. Auch die Effekte der flauen Konjunktur verbunden mit den zusätzlichen Auswirkungen des Terrors auf die Unternehmensgewinne sind längst noch nicht in ihrer vollen Wirkung bekannt.

Rückläufige Inflation wirkt stabilisierend

Der Kapitalmarktexperte der Dresdner Bank, Rolf Schneider, erwartet deshalb zumindest starke Kursschwankungen in nächster Zeit. Stabilisierend wirke sich die rückläufige Inflation, das sinkende Zinsniveau und der günstige Ölpreis aus. Eine halbwegs sichere Prognose über den weiteren Konjunkturverlauf - ob kurze oder lange Schwäche - lasse sich mit relativer Sicherheit erst im Januar oder Februar vornehmen.

Bis dahin kann allerdings viel passieren und die lang ersehnte Herbstrallye wieder zunichte machen. Die DZ Bank hält es für unwahrscheinlich, dass der Beginn der Militäraktion - wie beim Golfkrieg vor zehn Jahren - als Startschuss für eine nachhaltige Hausse gewertet werden kann. Vor allem die unsichere politische Lage könnte sich als Bullenfalle erweisen, wenn weitere Terrorattacken oder die Ausweitung der Kriegshandlungen auf ein ölproduzierendes Land im Nahen Osten für neue Turbulenzen sorgen.

Explodierender Ölpreis würde alle Hoffnung zunichte machen

Insbesondere ein politisch oder militärisch ausgelöster Anstieg der Ölpreise würde alle Hoffnungen auf eine Konjunkturerholung Anfang 2002 zunichte machen - mit entsprechend negativen Auswirkungen auf die Dividendentitel. Sollten allerdings die USA und ihre Verbündeten den Konflikt unter Kontrolle halten, ist auch ein völlig anderes Szenario vorstellbar. Auf Grund der lang anhaltenden Krise an den Aktienmärkten horten die Investoren derzeit Barreserven in Rekordhöhe. Die in Geldfonds und fest verzinslichen Anleihen geparkten Mittel könnten wieder in Aktien fließen, sobald die politische und wirtschaftliche Lage kalkulierbar wird.

Hinter dem 20-Jahres-Hoch bei den weltweiten Barreserven steckt auch die Zinssenkungspolitik der amerikanischen und japanischen Notenbanken sowie der Regierungen in Washington und Tokio. Sie pumpen regelrecht Geld in die Märkte. Dennoch bleibt auf Grund der schwachen Güternachfrage die Inflation unter Kontrolle. Ein Umschichten dieser enormen Liquidität in Aktien "würde massive Kursbewegungen auslösen", sagte DIT-Fondsmanager Johannes Day gegenüber dem Handelsblatt. Kurssprünge von bis zu 30 Prozent werden bereits für möglich gehalten. Angesichts dieser ungewissen Lage gilt auch an der Börse die Fußballweisheit von Franz Beckenbauer: "Schaun mer mal".

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