Rekordverdächtiges Wirtschaftswachstum
Thaksin bremst Thailands Reformtempo

"Vorwärts in die Vergangenheit" - mit Sarkasmus bewertet ein westlicher Bankier in Bangkok die Wirtschaftspolitik des thailändischen Premierministers Thaksin Shinawatra: "Populistischer Wirtschaftsnationalismus".

Das Urteil kontrastiert scheinbar zu positiven Daten der Wirtschaft. "Erstmals seit der Asienkrise wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wieder schneller als vor der Krise", stellt der Thailand-Experte Chia-Liang Lian von JP Morgan in Singapur fest. Im ersten Quartal 2002 stieg das BIP real um 3,9 %. Lian hat seine Thailand-Prognose 2002 kräftig heraufgesetzt: auf 3,9 von zuvor 3 %. Optimismus zeigt auch die Asiatische Entwicklungsbank (ADB). Vor zwei Tagen verbesserte sie ihre Prognose 2002 auf 3,7 (2,8) % - ein Sprung nach vorn nach müden 1,8 % im Jahr 2001. Auch andere Wirtschaftsdaten glänzen. Die Inflation (Konsumpreisindex) ist auf 1 % gesunken, der Baht feiert ein 18-Monatshoch, die Währungsreserven sind mit 35 Mrd. $ fast wieder so groß wie 1997.

Als Bangkok am 2. Juli 1997 den Bath vom US-Dollar löste - und damit die Asien-Krise auslöste - hatte die Bank of Thailand im Kampf gegen die Spekulation ihren damaligen Devisenschatz von 40 Mrd. $ zur Rettung des Baht-Wechselkurses restlos verpulvert. Eine massive Kapitalflucht ruinierte den Baht, er verlor über die Hälfte seines Wertes gegenüber dem Dollar. Das BIP brach um 10 % ein. "Unverantwortlich", warf später die Regierung des Reform-Premierministers Chuan Leekpai der Zentralbank vor. Auf Bangkoks Wunsch sprang der Internationale Währungsfonds (IWF) mit 17,2 Mrd. $ ein.

Die Krise brachte Thailand eine neue Regierung, eine neue Verfassung, einen Schub an Demokratisierung - aber auch an Nationalismus. Auf dieser Woge wurde Thaksin im Januar 2001 Regierungschef, mit der größten Mehrheit, die je ein thailändischer Politiker in freien Wahlen errang. "Thaksin ist Teil eines ostasiatischen Regionalphänomens: Die krisengeplagten Menschen hoffen auf einen Retter auf dem Weißen Pferd - oft mit einem Anti-Ausländer-Geruch", analysiert John Funston vom Institute of Southeast Asian Studies (ISEAS) in Singapur. Der Aufstieg des gelernten Polizisten Thaksin zum Medien- und Telekom-Milliardär erfüllt(e) die Sehnsucht der Massen. Er gilt als der reichste Mann Thailands.

Ausländische Investoren fürchten, dass sein Wirtschaftsnationalismus zu Lasten der Liberalisierungen des Reformers Leekpai geht. Er hatte Thailands wirtschaftliche Souveränität zurückgewonnen, indem er Ende Juni 2000 das Dreijahres-Hilfsprogramm des IWF beendete.

Die Teilprivatisierung von Staatsbetrieben mit volkswirtschaftlicher Schlüsselfunktion schleppt sich dahin. Die Thai Airways International will trotz Gesetzesauftrag keinen ausländischen "strategischen" Partner aufnehmen, sondern die Aktien Einheimischen anbieten. Per Gesetz führte Thaksin die Beteiligungsgrenze ausländischer Investoren in der Telekomindustrie von 49 % auf 25 % zurück.

Dies und ein lukrativer Telekom-Deal eines seiner Unternehmen über 45 Mrd. $ mit der Militärjunta in Myanmar (Burma) brachte ihm den Vorwurf des Amigo-Kapitalismus ein. Der Verlust an Vertrauen in Thaksins Regierung könnte sich beschleunigen.

Mit der Defizitpolitik zur Finanzierung seiner Wahlgeschenke hat Thaksin die Grenze erreicht: Die Staatsschuld beträgt 60 % des BIP. Das sorgt nicht nur die ADB-Volkswirte, "denn die Wirtschaftsreformen sind längst noch nicht auf dem richtigen Gleis", kritisiert Suthichai Yoon, Chefredakteur der einflussreichen Tageszeitung The Nation. "Thaksin und seine Leute wollen etwas kaufen, was man nicht kaufen kann: den Ausweg aus der Krise", spottet der Intimfeind des Premiers.

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