Religionsgemeinschaft
Hintergrund: Wer sind die Zeugen Jehovas?

ddp KARLSRUHE. Die Zeugen Jehovas sind eine straff geführte, internationale Religionsgemeinschaft mit weltweit sechs Millionen Mitgliedern in 234 Ländern. Sie lehnen andere Kirchen und Weltreligionen radikal ab, stehen dem Staat distanziert gegenüber, sehen sich zur Mission verpflichtet und gelten als klassische Sekte. Den Anbruch der "Endzeit" haben sie schon mehrfach durch konkrete Datierungsversuche vorherzusagen versucht, und zwar unter anderem für die Jahre 1914, 1925 und zuletzt 1975.

Grundlage dieser Berechnungen ist eine nach kirchlicher Ansicht fragwürdige Bibelauslegung, die auf einer verfälschten Übersetzung der Heiligen Schrift - der "Neue-Welt-Übersetzung" - beruhe. Mitglieder würden damit in einseitiger Weise geschult und manipuliert. Die Zeugen Jehovas selbst betonen dagegen, die Gemeinschaft zeichne sich "dadurch aus, dass sich ihre Mitglieder gemäß ihrem freiwillig gefassten Entschluss nach der Lehre ihrer Religionsgesellschaft richten".

Bluttransfusionen abgelehnt

Als unbiblisch lehnen die Zeugen Jehovas grundsätzlich Bluttransfusionen ab. Die Teilnahme an demokratischen Wahlen ist einem Zeugen Jehovas de facto verboten. Lange Zeit war den Mitgliedern nicht nur der Wehrdienst, sondern auch der Zivildienst untersagt - erst in jüngster Zeit wird beim Ersatzdienst Kompromissbereitschaft signalisiert. Viele christlichen Feste wie Weihnachten und Ostern sowie Geburtstage oder Fasching werden als heidnisch verdammt.

Kritiker werfen der Religionsgemeinschaft vor, ihr Erziehungskonzept sei autoritär und angsteinflößend, viele Aussteiger hätten noch lange Zeit mit psychischen Problemen zu kämpfen. Die "Zeugen" betrachten sich als "die einzig wahre Religion", einen persönlichen Umgang mit Menschen, die nicht der Religionsgemeinschaft angehören, vermeiden sie in der Regel. Auffälligstes Merkmal ihrer intensiven Missionstätigkeit sind Besuche von Haus zu Haus.

1881 gegründet

Die Zeugen Jehovas wurden ursprünglich als "Ernste Bibelforscher" 1881 von dem Adventistenprediger Charles Taze Russell in Pittsburgh (USA) gegründet. Die zunächst lose Vereinigung machte Joseph Franklin Rutherford 1917 zu einer straffgeführten Missions-Organisation, die er 1931 in "Zeugen Jehovas" umbenannte. An deren Spitze steht die Zentrale der "Wachtturm Bibel- und Traktatgesellschaft" in Brooklyn/New York mit ihrem Präsidenten Milton Henschel und der sogenannten Leitenden Körperschaft. Diese versteht sich als "Offenbarungs- und Verbindungskanal Jehovas" und gibt eine bestimmte Bibelauslegung vor.

In Deutschland wurde 1902 in Elberfeld bei Wuppertal ein erstes deutsches Zweigbüro eingerichtet, ab 1923 befand sich der Sitz der Vereinigung in Magdeburg. Unter den Nationalsozialisten wurden die Zeugen Jehovas verfolgt und 1933 verboten. Viele ihrer Anhänger kamen in Konzentrationslagern um. 1945 gründete sich die Gemeinschaft in Magdeburg neu. In der DDR untersagte die SED aber die Tätigkeit zwischen 1950 und 1990. In den alten Bundesländern war ihr Verbot bereits nach dem Krieg aufgehoben worden. Hier fungiert die "Wachtturm Bibel- und Traktatgesellschaft, Deutscher Zweig" in Selters/Taunus als Zentrale.

192.000 Mitglieder

Seit 14. Oktober 1999 hat die deutsche Sektion der Zeugen Jehovas ihren Vereinssitz in Berlin. Der Verein ist Rechtsnachfolger der "Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas in der DDR". Seit der Wiedervereinigung verfolgt die Organisation durch alle Instanzen das Ziel, als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt zu werden, dem sie durch das Karlsruher Urteil vom Dienstag einen Schritt näher gekommen ist.

Heute hat die Gemeinschaft nach eigenen Angaben 192.000 Mitglieder in ganz Deutschland. In Selters betreiben die Zeugen Jehovas eine der größten Druckereien Europas, in der ihr Schrifttum in vielfacher Millionenauflage hergestellt und ausgeliefert wird. Die beiden je zweimal im Monat erscheinenden Missions-Hefte gehören zu den auflagenstärksten religiösen Zeitschriften überhaupt.

"Der Wachtturm" hat weltweit eine durchschnittliche Auflage von 22 Millionen, "Erwachet" von 19 Millionen Exemplaren. "Der Wachtturm" beobachtet laut Impressum "wachsam, wie sich durch Weltereignisse biblische Prophezeiungen erfüllen". Das Heft "Erwachet" stärkt nach eigenen Angaben "das Vertrauen in die Verheißung des Schöpfers, eine neue Welt herbeizuführen, die binnen kurzem das gegenwärtige böse und gesetzlose System der Dinge ablösen wird".

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%