Rennbahnen haben gravierende Probleme
Deutscher Galoppsport verlagert sich ins Ausland

Drei deutsche Rennpferde gingen beim Royal Ascot Meeting in der vergangenen Woche an den Start - so viel wie nie zuvor. So erfreulich das für die deutsche Zucht der Galopper ist, im eigenen Lande sieht die Lage alles andere als rosig aus.

HB KÖLN. Das war Rekord: Drei deutsche Galopper - Martillo, Paolini und Diacada - starteten beim Royal Ascot-Meeting, der populärsten Galoppveranstaltung der Welt, auf der königlichen Rennbahn am Rande Londons. So schön das für die Besitzer der in Deutschland trainierten Rennpferde ist, die Vollblutzucht und die Rennbahnen hier zu Lande haben gravierende Probleme. Denn immer mehr verlagert sich das Geschäft mit den schnellen Vierbeinern ins Ausland. Die deutschen Pferde verdienen jenseits der Grenzen immer mehr Geld: "5,4 Mill. Euro im vergangenen Jahr", freut sich Karl-Dieter Ellerbracke, Vorsitzender der Besitzervereinigung und Vizepräsident im Direktorium für Vollblutzucht und Rennen in Deutschland. 910 Starts im Ausland wurden absolviert, so viele, wie nie zuvor. Vor fünf Jahren gingen lediglich 214 deutsche Galopper in ausländische Startboxen.

Deutsche Rennbahn-Betreiber nervös

Was die Besitzer beglückt, macht die deutschen Rennvereine als Betreiber der Rennbahnen in Deutschland nervös. Denn nicht nur, dass ihnen die Stars bei den heimischen Wettläufen fehlen, auch das Publikum vermisst die Besten. So finden immer weniger Galopprennen auf den 19 umsatzstärksten deutschen Rennbahnen statt. Und es werden immer weniger Wetten auf Pfederennen in Deutschland gehalten. Das führte im vergangenen Jahr zu einem Umsatzrückgang auf 102,8 (Vorjahr 109,8) Mill. Euro. Die Anzahl der Galopp-Renntage in Deutschland ging von 304 auf 295 zurück, die Anzahl der Rennen von 2486 auf 2458. Eine Entwicklung, die sich in den ersten Monaten dieses Jahren fortgesetzt hat.

Die wirtschaftlichen Probleme des Galopprennsports in Deutschland sind sicherlich eine Folge der allgemeinen wirtschaftlichen Lage. Aber sie sind auch hausgemacht. So beklagt Jochen Borchert, der Präsident des Direktoriums und ehemalige Bundeslandwirtschaftsminister, dass der Abschluss von Sportwetten in Deutschland immer noch eine juristische Grauzone ist: "Immer mehr Wetten werden zwar in Deutschland vermittelt, aber im Ausland gehalten. Damit umgehen Buchmacher die deutschen Steuern und können somit natürlich mit besseren Quoten die Wetter anlocken." Dieses Geschäft der Buchmacher geht an den Veranstaltern von deutschen Pferderennen völlig vorbei.

Das Glückspiel in Deutschland ist ein Monopol des Staates. Eine Ausnahme ist der Galopp- und Trabrennsport. Galopprennen sind die wie für andere Nutztierrassen vom Staat gesetzlich vorgeschriebenen Leistungsprüfungen - mit dem Ziel, eine planvolle, erfolgsorientierte Tierzucht zu ermöglichen. Finanziert wird das durch die Pferdewetten. 96 Prozent der Rennwettsteuer werden dazu den Rennbahnen erstattet. Der Wettbetrieb ist somit das zentrale Element der Finanzierung des Rennbetriebes. Zusammen mit Sponsoring- und anderen Rennvereinseinnahmen ermöglichen sie so Ausschüttungen von Züchterprämien und Rennpreisen. Nur weil es weniger Rennen gab, konnte der durchschnittliche Geldpreis je Rennen mit 9 413 Euro gegenüber dem Vorjahr (9 276 Euro) sogar gesteigert werden.

Daneben vermitteln auch noch freie Buchmacher Wetten auf Pferderennen, die in den beiden Verbänden DBV (Deutscher Buchmacherverband) und IFEB (Interessengemeinschaft Freier Europäischer Buchmacher) organisiert sind. Aber die vermitteln lieber Wetten auf ausländische Rennen.

Suche nach neuen Wegen

So erklärt sich, dass der Galopperverband eifrig auf der Suche nach neuen Wegen ist, um einen Ausweg aus der Krise zu finden. Ein Pfad könnte die Zusammenarbeit mit der französischen PMU (Pari Mutuel Urbain), Europas größter Anbieter von Pferdewetten, sein. PMU verfügt allein über rund 8 000 Wettannahmestellen in Frankreich und hat im vergangenen Jahr ein Umsatzplus von vier Prozent auf 6,4 Mrd. Euro erzielt. In Zusammenarbeit mit PMU wollen die Galopper und Traber nun das gemeinsame Wettannahmestellennetz in Deutschland ausbauen. Knapp 100 Wettbüros sind es derzeit in Deutschland, was sich gegenüber den 8 000 des Partners PMU in Frankreich natürlich noch sehr bescheiden ausnimmt. Aber im Nachbarland gibt es keine freien Buchmacher, und das Lotto-Spiel spielt praktisch keine Rolle. Zudem wollen die Galopper in Deutschland auch auf moderne Vertriebswege wie das Internet setzen, "Wir sind da in Verhandlungen mit einem großen deutschen Provider", deutete Delef Meimann, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Direktoriums an. Warum dennoch im Internet-Zeitalter der Ausbau eines eigenen Geschäftsstellennetzes forciert werden soll: "Wetter sind in der Regel ältere Menschen, die auch die Kommunikation in den Wettbüros suchen." Die Beantwortung der Frage, wie man mehr jüngere Menschen auf die Rennbahnen locken und für Wetten begeistern will, ist da schon wieder ein ganz anderes Thema.

Beim königlichen Royal-Ascort-Meeting haben die drei deutschen Pferde keinen Sieg erringen können. Aber selbst die für eine Platzierung gezahlten Gelder haben den Aufwand gerechtfertigt. Die Galopper waren Teilnehmer einer Veranstaltung, deren Rahmenbedingungen alleine schon belegen, was das populäre Meeting von Veranstaltungen in Deutschland unterscheidet. Seit 1711 werden in Royal Ascot Pferderennen veranstaltet, immer unter der Schirmherrschaft des englischen Königshauses. Keine andere Galopp-Veranstaltung weist ein derartiges Renommee und eine Anziehungskraft auf. 150 000 Flaschen Champagner, 100 000 Flaschen Wein, 14 000 Flaschen Pimms, 6,7 Tonnen Lachs, fünf Tonnen Erdbeeren - das ist nur eine kleine Auswahl dessen, was in Royal Ascot in diesem Jahr wieder verzehrt und getrunken wurde.

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