Rennen gegen die Uhr
Szenario I: Der Irak stellt sich quer

Formal liegt die Entscheidung über Krieg und Frieden in den Händen der Uno-Inspekteure - doch die Hauptkontrahenten im Irak-Konflikt kümmert das nicht.

Formal liegt die Entscheidung über Krieg und Frieden in den Händen der Uno-Inspekteure - doch die Hauptkontrahenten im Irak-Konflikt kümmert das nicht. "Ohne Zweifel arbeitet die Zeit für uns", sagte Iraks Staatschef Saddam Hussein vor zwei Wochen der ägyptischen Zeitung Al-Usbou. "Wir müssen noch etwas Zeit schinden, und die amerikanisch-britische Koalition bricht auseinander." George W. Bush blieb die Antwort nicht lange schuldig: "Wenn er sein Arsenal (an Massenvernichtungswaffen) leugnet, läutet er sein letztes Stündchen ein", sagte der US-Präsident in Prag. "Null Toleranz" ist Washingtons Maßgabe: Sollten nur leise Zweifel daran bleiben, dass Saddam sich zu 100 Prozent an die Regeln hält, gibt es Krieg.

Noch ist es Spekulation, ob und wann aus der Rhetorik Ernst wird. Doch bezweifeln fast alle Experten, dass Saddam seine Ausweglosigkeit erkannt hat. Nur solange eine US-Armee zur Invasion bereitstehe, zeige Saddam Kooperationswillen, um dann zum Katz-und-Maus-Spiel zurückzukehren, warnt Irak-Experte Kenneth Pollack vom Washingtoner Thinktank Brookings. Schon am 8.Dezember kann es zum Schwur kommen: Bis dahin muss Bagdad laut Uno-Resolution 1441 einen Bericht über alle Einrichtungen vorlegen, die für Entwicklung oder Bau von ABC-Waffen oder Raketen geeignet sind. Wahrscheinlich wird der Irak kistenweise Unterlagen über Fabriken anschleppen, die mit biologischen und chemischen Verfahren arbeiten, aber behaupten, dass sie zivilen Zwecken dienen.

Dann müssten die Uno-Inspekteure das Gegenteil beweisen und versteckte Anlagen aufspüren. Selbst mit modernster Ausrüstung ist das so schnell nicht machbar. Nach eigenen Angaben benötigen die Inspekteure mindestens ein Jahr, um allein bekannte Produktionsstätten zu überprüfen - von geheimen Laboren, die sich in jedem LKW-Container oder in Keller der 5-Millionen-Stadt Bagdad verstecken können, ganz zu schweigen.

So viel Zeit wird Bush der Uno nicht lassen. Schon jetzt fällt es ihm schwer, den Druck aufrechtzuerhalten - zu wankelmütig ist die öffentliche Meinung daheim und im Ausland. Das Zeitfenster für einen aussichtsreichen Feldzug gegen den Irak ist zudem eng. Sollte der Krieg nicht noch im Januar beginnen, wird es spätestens im März zu heiß: Zwar kann das den US-Bombern nichts anhaben, wohl aber Soldaten, die sich mit Schutzanzügen gegen ABC-Angriffe wappnen müssten. "Wenn die USA nicht in diesem Winter in den Krieg ziehen, wird es schwer, die Drohkulisse aufrechtzuerhalten", warnt Pollack.

Gleichzeitig sind die militärischen und diplomatischen Vorbereitungen so weit, dass es im Januar losgehen kann. Binnen 30 Tagen, so das Pentagon, seien genug Kräfte für eine Offensive vor Ort. Vieles deutet also darauf hin, dass die USA bis Ende des Jahres einen Bruch der Uno-Resolution durch den Irak konstatieren. Offen ist nur, wie sich der Sicherheitsrat dazu stellen wird. Aber selbst wenn Frankreich, Russland und China die Beweislage zu dünn ist, können sie die USA nicht mehr aufhalten. Das gibt Streit, doch kann sich Bush auf die Uno-Resolution berufen: Sie verlangt zwar Konsultationen vor einem Angriff, aber keine Resolution. Sicher wäre den Falken in Washington eine breite Koalition lieber; sie lassen aber keinen Zweifel, zur Not auch mit einer eigenen "coalition of the willing" loszuschlagen.

Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik
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