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Rente mit 73

Wir müssen länger arbeiten. Auch in Griechenland fordern Fachleute angesichts der demographischen Entwicklung und der wachsenden Defizite der Rentenkassen eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit.

Wir müssen länger arbeiten. Auch in Griechenland fordern Fachleute angesichts der demographischen Entwicklung und der wachsenden Defizite der Rentenkassen eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit. Bisher leisten sich viele Griechen den Luxus, schon mit 60 oder gar noch jünger in Pension zu gehen. Nun ist ein einheitliches Rentenalter von 65 oder mehr im Gespräch - unvorstellbar für die meisten Hellenen.

Ich kenne eine Griechin, die ein Klagelied davon zu singen weiß, was es heißt, bis ins hohe Alter schuften zu müssen. Nennen wir sie Despina. Der Name ist geändert, aber die Geschichte ist wahr. Despina wurde 1935 in einem kleinen Dorf der nordgriechischen Präfektur Serres geboren. Sie besuchte die Grund- und die Realschule. Mit 17 begann sie in Thessaloniki eine Banklehre. Aber Karriere machen wollte Despina eigentlich nicht. Ihr Traum war es, zu heiraten und Kinder großzuziehen. Aber mit dem Heiraten klappte es allerdings nicht. Irgendwie fand Despina nie den richtigen Mann. 1980, inzwischen war sie 45, ging sie zu einem Ehevermittler. Der nahm kein Blatt vor den Mund: mit 45 sei Despina in einem "problematischen" Alter: schwer zu vermitteln auf dem Heiratsmarkt. "Und dabei sehen Sie doch so viel jünger aus!", habe der Heiratsvermittler gesagt, erinnert sich Despina - und sie damit auf eine Idee gebracht.

Sie kannte damals einen Beamten bei der Polizei in Thessaloniki, in der Dienstelle wo die Personalausweise ausgestellt werden. Der Beamte war ein entfernter Verwandter. Und also half er ihr. Sie meldete den Verlust ihres Personalausweises. Bei der Ausstellung des neuen gab sie ihr Geburtsdatum mit "1945" an. Geburtsurkunde? Danach fragte damals niemand. Und wer weiß, ob man die in ihrem Heimatdorf jemals hätte auftreiben können. Damit war Despina zehn Jahre jünger.

Mit der erhofften Heirat hat es trotzdem nicht geklappt. Despina ist immer noch ein Single. Heute ist sie auf dem Papier 60, tatsächlich aber bereits 70. Eigentlich hätte sie schon vor sieben Jahren in Rente gehen können. Stattdessen arbeitet sie noch immer, als Buchhalterin bei einem Großhandelsunternehmen. Seit 1998 kämpft Despina um ihre Pension. Dutzende Dokumente hat sie inzwischen eingereicht, um ihr tatsächliches Geburtsdatum nachzuweisen, vergilbte Schulzeugnisse vorgelegt und Zeugen benannt. Alles erfolglos. Die Geburtsurkunde? Diesmal ist sie wirklich nicht beizubringen. Die Beamten sind misstrauisch: will sich hier jemand jünger machen, um eine vorzeitige Rente zu erschleichen? Despinas Unglück: Sie sieht, wie in ihrem Schicksalsjahr 1980, immer noch jünger aus als sie ist. So wird sie auf ihre Pension wohl noch drei Jahre warten müssen.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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