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„Die Aktionäre sind mir völlig egal“

Die SER Systems AG hat gestern Insolvenz beantragt. Aber es gibt nicht nur Verlierer bei der Pleite von Deutschlands fünftgrößtem Software-Hersteller. Das Management wollte sich vor dem Aus billig die besten Konzernteile sichern - und hatte damit teilweise Erfolg. Zu Lasten der Aktionäre.

NEUSTADT/WIED. Das Ende kam gestern um 11.03 Uhr: "SER Systems AG beantragt Eröffnung eines Insolvenzverfahrens." In knappen Worten macht Deutschlands fünftgrößter Softwarehersteller per Adhoc-Mitteilung sein Scheitern publik:Die Kredit gebenden Banken hätten "am 2.7.2002 den bestehenden Poolvertrag gekündigt. Zugleich hat eine der Poolbanken ihre Kreditlinien mit Wirkung zum 15.7.2002 gekündigt."

Schon seit Mitte Juni hat SER-Vorstandschef Kurt-Werner Sikora Wirtschaftsprüfer der Kanzlei Haarmann, Hemmelrath & Partner im Haus. Sie sollen klären, ob das Unternehmen aus Neustadt/Wied Insolvenz anmelden muss. Sikora und den 320 Mitarbeitern der SER bleibt nur noch eine Hoffnung: eine Anzahlung von zehn MillionenDollar für den am 12. Juni abgewickelten Verkauf der amerikanischen SER-Gesellschaften. Mutter und ehemalige Tochter bombardieren sich seit Tagen mit Briefen, Faxen und E-Mails. Sikoras Anwälte drohen damit, den Verkauf rückgängig zu machen, wenn nicht bald Geld aus Amerika eintrifft.

Sein Gegenüber auf der US-Seite, Carl Mergele, bietet auch wiederholt an, über eine vorzeitige Zahlung zu reden. Eine Einigung aber gibt es nicht - und Geld auch nicht. Im Gegenteil: Mergele schickt eine Kriegserklärung in den Westerwald. Seine Gesellschaft KES Acquisitions verklagt SER wegen geschäftsschädigenden Verhaltens auf 60 Millionen Dollar Schadensersatz.

Der Hersteller von Software für Datenmanagement, im April vom Neuen in den Geregelten Markt gewechselt, ist nicht der erste gestrauchelte Star aus den Zeiten der Börseneuphorie. Erfundene Umsätze bei Comroad, erfundene Forderungen bei Phenomedia und Ceyoniq, Luftaufträge bei Metabox und Infomatec: und jetzt SER, ein Konzern, bei dem Bundeskanzler Gerhard Schröder schon mal persönlich seine Glückwünsche zur Eröffnung der Firmenzentrale überbrachte.

Die Pfälzer bereichern die Geschichte des Neuen Marktes offenbar um eine neue Skandalvariante. Die Vorwürfe in Kurzform:Verschiedene Top-Manager des Unternehmens, darunter der ehemalige Vorstandschef und Unternehmensgründer Gert Reinhardt, Ex-Vorstand Carl Mergele und der aktuelle SER-Chef Sikora, hätten versucht, sich vor der Pleite die besten Unternehmensteile billig zu sichern, wettert die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK). Das sei ihnen teilweise auch gelungen."Dass sich ein Mehrheitsaktionär wie Reinhardt so ungeniert bedient, haben wir noch nicht erlebt", sagt der SdK-Vorsitzende Klaus Schneider. SdK-Anwalt Clemens Jobe spricht gar von "erheblicher krimineller Energie". Die Staatsanwaltschaft will den Fall bislang nicht kommentieren.

Reinhardt, der im Moment nicht auffindbar ist, Mergele und Sikora wehren sich in eidesstattlichen Versicherungen gegen die Vorwürfe. Sikora erklärt, nach seiner Kenntnis werde bei der Umstrukturierung der SER "keine der beteiligten Personen oder Gesellschaften in sachwidriger Weise bevorzugt". Und Mergele sagt dem Handelsblatt, er habe die SER Systems Inc. für "einen fairen Preis" gekauft: "Es gab niemanden, der mehr bezahlt hätte."

Die Drei sind die Schlüsselfiguren in einem hochkomplexen Spiel, das bereits Ende 2001 begann: Im Herbst kündigen die Raiffeisenbank Asbach-Neustadt sowie die Sparkasse Neuwied dem angeschlagenen Softwareunternehmen die Kredite. Andere Banken folgen. Insgesamt geht es um 35 Millionen Euro. Geld, das SER nicht hat, zumal das Unternehmen Lieferanten, Leasinggesellschaften und Finanzamt weitere rund 20 Millionen Euro schuldet.

Ende des Jahres kontaktiert SER-Chef Reinhardt Berater und Investmentbanker, unter anderem die IPO Partner AG-Consult im hessischen Schlangenbad. "Ich will weg. Ich will nach Amerika", habe Reinhardt ihm eröffnet, erzählt IPO-Vorstand Reinhold Kaiser. Der war - damals noch bei der DG Bank - schon am Börsengang der SER 1997 beteiligt. "Reinhardt wollte die SERaushöhlen. Unter dem Dach der SER Systems Inc. in den USAsollte die Gesellschaft neu aufgebaut und dann an die Nasdaq gebracht werden." Auf die Frage, was mit den Kleinaktionären passieren solle, habe Reinhardt geantwortet, "die sind mir völlig egal. Neues Spiel, neues Glück."

Als die Verhandlungen mit möglichen Investoren scheitern, ändert Reinhardt den Plan. Ende Februar 2002 kündigt der SER-Vorstand an, Tochtergesellschaften in Deutschland, Österreich und den USA "nach sorgfältiger Prüfung" abzustoßen. Nur dann sicherten die Banken die Weiterführung des Geschäfts zu. Das Management soll den größten Teil der klammen Gesellschaft selbst übernehmen. Reinhardt will sich - so bestätigt es auch US-Chef Mergele - an der SER Systems Inc. beteiligen. Die deutschen SER-Töchter sollen an eine Gruppe unter Führung des heutigen Vorstandschefs Sikora gehen. Den Aktionären bleiben die Verbindlichkeiten-und sonst nicht viel mehr als die Firmenzentrale. Der Vertrag über das Management-Buyout (MBO) USA wird am 8. März unterzeichnet und soll in Kraft treten, sobald eine außerordentliche Hauptversammlung zustimmt.

Am 25. April im Kölner Hotel Maritim finden die Aktionäre auf ihren Plätzen eine dicke Akte: 380 Seiten, auf denen ihnen die MBOs erklärt und schmackhaft gemacht werden sollen. 380 Seiten, die sie lesen und verstehen müssen, ehe über den Ausverkauf abgestimmt wird. Reinhardt beschwört die Aktionäre, der Verkauf an die Manager sei die einzige Chance, die SER Systems AGzu retten. Ein Verkauf an andere Investoren sei nicht mehr versucht worden, weil die Wahrscheinlichkeit, kurzfristig bessere Angebote zu bekommen, "als sehr niedrig eingeschätzt werden musste".

Er verschweigt allerdings, dass er am 13. März im Renaissance Hotel Zürich mit dem Management der schweizerischen Quino Flagship AG über einen Verkauf der SER-Sparte Domea verhandelte. Die Schweizer bieten vorbehaltlich einer Due-Diligence-Prüfung "bis zu fünf Millionen Euro".

Auch sonst verschweigt Reinhardt den Aktionären einiges: Einen vollständigen Geschäftsbericht für 2001 legt er nicht vor. Sie belassen es bei ein paar bedrückenden Basiszahlen: Umsatz 149 Mill. Euro, Verlust 163 Mill. Euro. Grund für das Minus sind vor allem hohe Abschreibungen auf Unternehmenskäufe der Vorjahre. Reinhardt kann keinen Jahresabschluss vorlegen - zumindest keinen testierten. Die Wirtschaftsprüfer von Ernst &Young verweigern das Testat, der SER-Aufsichtsrat daraufhin die Unterschrift unter den Abschluss. Die Prüfer erläutern, der Abschluss sei "unzulässigerweise unter der Annahme des Fortbestandes der Gesellschaft aufgestellt worden, obwohl sich gemäß der vom Vorstand am 19.3.2002 vorgelegten Liquiditätsplanung für den Zeitraum bis zum 31.12.2002 eine Unterdeckung von rund 4,5 Mill. Euro ergeben wird." Im Klartext: Die Wirtschaftsprüfer zweifeln die Überlebensfähigkeit von SER an.

Reinhardt, Sikora und die anderen SER-Manager wollen das Unternehmen zu Bedingungen retten, die Aktionärsschützer Schneider für abenteuerlich hält: "Das sollte voll zu Lasten der bestehenden AG und der Aktionäre gehen." Tatsächlich erhält Carl Mergeles KES einen üppigen Preisnachlass: Die SER AG verzichtet auf eine Netto-Forderung von 45 Mill. Dollar gegen die US-Tochter. "Ganz klar eine versteckte Kaufpreisreduzierung", kommentiert ein mit den Zahlen vertrauter Wirtschaftsprüfer. Zwölf Stunden diskutieren die Aktionäre hitzig mit Vorstand und Aufsichtsratschef Paule. Dann stimmt die Hauptversammlung mit sozialistischer Mehrheit zu.

Was folgt, sind Gerichtsverfahren. Das Landgericht Koblenz erlässt am 4. und 13. Juni zwei von der SdK beantragte einstweilige Verfügungen, die es der SER AG bis zum Ende des Hauptverfahrens verbieten, die Hauptversammlungsbeschlüsse umzusetzen. Schon vorher hat Mergele eine einstweilige Verfügung des Eastern District Court of Virginia präsentiert. Das Gericht ordnet an, SER müsse den Verkaufsvertrag mit KES unverzüglich erfüllen.

In der Folge bricht die Allianz aus deutschem und amerikanischem Management auseinander: Aus den Kollegen Sikora und Mergele werden Feinde, die sich nur noch über Anwälte verständigen. "Ich muss mich zuerst um meine Gesellschaft und meine Mitarbeiter kümmern", wird Mergele die Pleite in Deutschland später kommentieren. "Ob die SER AG Insolvenz beantragt oder nicht, ist mir völlig egal." Während Sikora seine Pläne für einen deutschen Management-Buyout vorerst begraben muss, setzt sich der Amerikaner durch. Sein Ex-Chef Reinhardt zieht sich Ende Juni aus der SER AG zurück. Auch am Management-Buyout in den USA sei der Unternehmensgründer - entgegen vielen Spekulationen - nicht beteiligt, sagt Mergele.

Zunächst aber arbeitet Reinhardt dem US-Manager noch zu. So schreibt er in einer Vorstandsvorlage für den Aufsichtsrat am 3. Juni, der Vorstand erwäge, die US-Aktivitäten auch ohne Zustimmung der Hauptversammlung zu verkaufen, "da die Zeit hierfür nicht mehr vorhanden ist".

Tatsächlich wird der Vertrag am 12. Juni unterschrieben. Acht Tage nach der ersten einstweiligen Verfügung des Landgerichts Koblenz - und genau einen Tag vor der zweiten. Mergeles Firma KES soll 20 Mill. Dollar bezahlen - aber erst ab dem 30. November. Viel zu spät, als dass diese Summe die bedrohte SER AGnoch retten könnte. Viel zu billig, wettert die SdK zudem. Die von der KES gekauften Gesellschaften seien mindestens 60 Mill. Dollar wert. "Wenn jemand so viel bezahlt hätte, wäre ich ja nicht zum Zug gekommen", hält Mergele dagegen.

Offenbar gibt es aber doch Firmen, die hübsche Beträge für SER-Technologie bezahlen würden. Bereits am 7. Mai unterzeichnet Mergele für KES eine Absichtserklärung über den Verkauf der amerikanischen SER-Sparte Macrosoft. Die US-Softwarefirma Open Solutions bietet dafür 13 Mill. Dollar. Der Verkauf scheitert später. Die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre und auch Sikora wollen das gesamte Geschäft mit Mergele rückgängig machen. Die SdK, weil der Verkauf gegen die einstweilige Verfügung verstoße; Sikora, weil er und der Aufsichtsrat angeblich nichts über das späte Zahlungsziel gewusst hätten - ein Vorwurf, den Mergele dementiert.

Sein zunächst zu kurz gekommener Rivale Sikora plant derweil offenbar bereits einen neuen Coup. In Bankenkreisen heißt es, er bemühe sich darum, die noch nicht insolvente Tochter SER Solutions GmbH und damit das deutsche und österreichische Geschäft zu übernehmen: So würde ihn die Insolvenz doch noch ans Ziel bringen.

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