Report: Finanzen
Die Insel-Ökonomie

Die Isle of Man hat den Sprung von der schwarzen Liste der OECD geschafft. Die Reputation des Steuerparadieses stimmt wieder. Aber nur, wenn man nicht zu genau hinschaut.

ISLE OF MAN. Kevin Saunders (Name von der Redaktion geändert) ist wie geschaffen für die Akquisition neuer Kunden. Denn der junge Angestellte der südafrikanischen "Standard Bank Offshore" auf der malerischen Insel Isle of Man stellt keine unnötigen Fragen. Dass der vor ihm sitzende Mann sich nicht für hohe Zinsen interessiert und auch nicht erklären kann, warum er gerade zur Standard Bank gekommen ist, verursacht keinerlei Stirnrunzeln unter den gegelten Haaren.

Der Kunde kann keinen Wohnort nachweisen? Kein Problem: "Sie stehen doch im Telefonbuch? Das reicht schon." Dass die Unterschrift auf dem vorgelegten Ausweis der auf dem Konto-Antrag kaum ähnelt, kostet den Angestellten ein Lächeln. "Können Sie die bitte wiederholen?" Immerhin: Einen sechsstelligen Betrag sofort bar einzuzahlen lehnt Saunders ab. Kritische Fragen ist ihm das Ansinnen des Klienten aber nicht wert. In einer guten Viertelstunde hat der freundliche Saunders alle Formalitäten für die Kontoeröffnung erledigt - und die Bank besitzt einen Kunden, von dem sie nichts weiß.

Banker wie Saunders dürften der Albtraum der Behörden auf der Isle of Man sein. Denn die Insel der Manx genannten Einwohner kämpft seit Jahren gegen das Image des ruch- und gesetzlosen Steuerparadieses - ebenso wie Jersey und Guernsey und das vor Spanien liegende Gibraltar. Noch im Sommer 2000 wurde die weder zur EU noch formal zu Großbritannien gehörende Insel westlich von England von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) als Brutstätte "schädlicher Steuer-Praktiken" ausgemacht, weil der Fiskus bislang nur bei heimischen Unternehmen zugreift. Dank der Bereitschaft zur langfristigen internationalen Zusammenarbeit konnte die Regierung aber auch Gegner so genannter Offshore-Zentren milde stimmen. "Die Isle of Man hat ihre Reputation wieder hergestellt", sagt Jeffrey Owens, Leiter des Zentrums für Steuer-Angelegenheiten und Verwaltung der OECD. Von der schwarzen Liste ist die Insel seit einem Jahr verschwunden.

Seitdem läuft die PR-Maschinerie auf Hochtouren. Erst Ende vergangener Woche wurde wieder ein Tross europäischer Journalisten auf die Insel gekarrt, um die hohen regulatorischen Standards zu bewundern. Finanzminister Alan Bell rühmte die Anstrengungen der Insel unter dem Schutzgebiet der britischen Krone. Der Chef der Finanzaufsicht Financial Supervision Commission (FSC), John R. Aspden, schien vor Stolz zu wachsen, als er über die Bereitschaft zu vollständiger Transparenz sprach: "Wir würden doch sonst unsere Zukunft aufs Spiel setzen."

Eine Zukunft, die güldener nicht sein könnte. Seit den 60er-Jahren hat die Regierung den Umschwung von einem siechen Schifffahrts- und Touristen-Örtchen zu einem prosperierenden Finanzplatz geschafft. Die Wirtschaft legte 2001 das zweitgrößte Wachstum in Europa hin, die Arbeitslosigkeit lag unter einem halben Prozent. Fast 42 Prozent des Nationaleinkommens stammen aus der Finanzindustrie. Insgesamt schlummern Gelder im Wert von 52 Milliarden Pfund in den gut 80 Banken- und Versicherungsfilialen. Ab 2006 fällt der Steuersatz für alle Firmen auf null, um europäischen Anti- Diskriminierungs-Regeln ("Code of Conduct") zu entsprechen. Dann zahlen nur noch Banken und andere regulierte Firmen Steuern in Höhe von zehn Prozent. Was den Insulanern an Firmen-Steuern wegfällt, sollen mehr und reichere Angestellte wieder mitbringen; so funktioniert die Insel-Ökonomie.

Doch trotz des Wiedereintritts in die offizielle Gemeinschaft - mit der verkündeten Transparenz scheint es nicht überall weit her zu sein. So kann auch die FSC die Gesamtzahl der Privatkonten auf der Insel nicht einmal andeuten. Auf die Umstände der selbst erfahrenen Kontoeröffnung angesprochen, windet sich der eher brummige Finanzaufseher wie eine Manx-Katze: "Sollte das stimmen, wäre das wirklich eine außergewöhnliche Situation und ein sehr ernsthafter Fehltritt." Normalerweise, so meint er, sollte sich eine Bank für eine Kontoeröffnung gut eine Stunde Zeit nehmen, um den Klienten richtig kennen zu lernen.

Auf die Wünsche der internationalen Gemeinschaft weiß die Insel in der Regel eher clever zu reagieren als zu offen: So will die Europäische Union etwa erreichen, dass Steuerbehörden einzelner Länder permanent Informationen austauschen. Die Isle of Man hat als einer der Ersten dem zugestimmt - unter der Voraussetzung freilich, dass sich EU, USA und assoziierte Nationen wie die Schweiz und Luxemburg ebenfalls daran halten. Die Isle of Man setzt sich damit geschickt von Transparenz-Gegnern ab, weil sie weiß, dass der Widerstand der anderen groß genug ist. Wegen der Schweizer Weigerung, das Bankgeheimnis aufzuheben, steht das Projekt ohnehin kurz vor dem Aus. Ian Kelly von der Einkommensteuerbehörde der Isle of Man: "Ich glaube nicht, dass wir diese Direktive jemals sehen werden."

Kevin Saunders kann also weitermachen wie bisher. Schon zwei Werktage nach dem Besuch bei der Bank schickte das Institut postalisch "Herzliche Glückwünsche zur Kontoeröffnung".

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