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Reportage: Big Money und Größenwahn

Aus dem Handelsblatt vom 26. September 2001 Seit gestern wird der größte Betrugsfall der deutschen Wirtschaftsgeschichte vor dem Mannheimer Landgericht verhandelt. Es geht um Flowtex, um Größenwahn, um vier Milliarden Mark und die Frage: Wer half den Angeklagten? Auch die Politik könnte eine wichtige Rolle gespielt haben.

Abrupt erstirbt das Stimmengewirr, als sich die kleine Seitentür des Saals im Landgericht Mannheim öffnet. Die Stille hält wenige Sekunden, dann bricht ein Gewitter blitzender und laut klackender Kameras los. Vor allem zwei der Männer, die den Raum betreten, ziehen die Fotografen in ihren Bann. Es sind Manfred Schmider und Klaus Kleiser, die beiden früheren Eigner der Pleitefirma Flowtex aus Ettlingen bei Karlsruhe. Zusammen mit dem Ex-Finanzchef von Flowtex, Karl Schmitz, sowie der Geschäftspartnerin Angelika Neumann sollen sie jahrelang Banken und Leasinggesellschaften geprellt haben.

Jetzt sitzen die vier nebeneinander auf der Anklagebank, teils schwer gezeichnet von der 18-monatigen Untersuchungshaft. Vor allem dem ehemaligen Schwergewicht "Big Manni" Schmider sind die Tage in der Zelle anzusehen. Der blaue Anzug schlabbert an allen Ecken und Enden, der einst mächtige Bauchumfang ist deutlich geschrumpft. "43 Kilo hat er verloren", flüstert einer der Verteidiger seinem Kollegen zu.

Als die Kameraleute abgezogen sind, wird es still um Schmider Es schlägt die Stunde der Verteidiger. Der Schmider-Anwalt fordert gleich zu Beginn die Ablösung der Richter wegen fehlender Unparteilichkeit und die Aussetzung der Verhandlung. Die vom Richter angeordnete und später vom Oberlandesgericht Karlsruhe widerrufene Einweisung in eine Psychiatrie habe seinem Mandaten geschadet und eine Vorbereitung auf den Prozess erschwert, wettert Wolf Schiller.

Immer wieder unterbricht der Vorsitzende Richter Michael Meyer die ausschweifend vorgetragenen Anträge Schillers und die anschließenden Wortgefechte mit Staatsanwalt Reinhard Hoffmann. "Die Verhandlungsleitung habe ich, Herr Dr. Schiller", ermahnt Meyer den Schmider-Verteidiger. Der kontert umgehend: "Ihr Versuch, mich zum frühestmöglichen Zeitpunkt zu disziplinieren, wird erfolglos bleiben", entgegnet Schiller.

Von Schmider, Kleiser und den anderen ist an diesem Tag so gut wie nichts zu hören. Was sollen sie auch sagen? Bis auf Finanzchef Schmitz haben alle gestanden. Die Fakten des größten und kaltschnäuzigsten Betrugsfalles in der deutschen Wirtschaftsgeschichte sind weitgehend bekannt.

Der strafrechtliche Schaden, den Schmider angerichtet haben, wird von der Staatanwaltschaft auf über vier Milliarden Mark beziffert, ergaunert durch den Verkauf und die Vermietung von speziellen Bohrgeräten, die es gar nicht gab - Big Money. Aber wie war es möglich, dass der Betrug über Jahre nicht aufflog? Angeblich merkten weder Betriebsprüfer, Steuerfahnder noch Wirtschaftsprüfer etwas von dem Schwindel. Den Angeklagten wäre es sogar fast noch gelungen, eine Anleihe über 250 Millionen Euro an den Mann zu bringen.

"Das funktionierte nur, weil alle mitgemacht oder weggesehen haben", sagt ein Anwalt, der den Prozess beobachtet. Nahrung für derlei Spekulationen gibt es reichlich. Da ist der Anruf eines Beamten, der Schmider angeblich kurz vor dessen Verhaftung zu einem längeren Auslandsaufenthalt überreden wollte. Da sind aber auch drei Anzeigen gegen Schmider und Kleiser aus dem Jahr 1996. Unter anderem hatte ein ehemaliger Betriebsleiter von Flowtex auf "Differenzen" bei der Anzahl der Bohrsysteme aufmerksam gemacht. Doch die Hinweise blieben folgenlos. Eine Anzeige staubte bei einem Steuerfahnder jahrelang in einer Schublade zu, ohne an den Staatsanwalt gegeben zu werden. Die Anklagebehörde hat ihre Ermittlungen deshalb vor einigen Wochen auch auf Beamte der Steuerfahndung ausgedehnt.

War es nur Schlamperei oder Absicht? Ein Vermerk eines Beamten der Steuerfahndung aus dem Jahre 1996 könnte Hinweise auf eine Antwort liefern. Er schrieb im Zusammenhang mit "weiteren Abklärungen" über die "große regional- und landespolitische Bedeutung" des ehemaligen Militärflughafens Söllingen. In den heute als Baden-Airport bekannten Flughafen steckten Schmider und Kleiser 40 Millionen Mark.

Ob am Ende tatsächlich die Politik ihre schützenden Hände über Schmider und Kleiser gehalten hat, ist ungewiss. Fakt ist freilich, dass das Geschäftsduo über zahlreiche Kontakte in die Politik verfügte. Spenden flossen, und auf den üppigen Feten von "Big Manni" fanden sich viele Größen der baden-württembergischen Landesparteien ein. Die Schmiders galten etwas, nicht nur in Karlsruhe. Für den Weg von seiner 13 Millionen Mark teuren Villa in Karlsruhe-Durlach in die nahe gelegene Flowtex-Zentrale nahm Schmider gerne den Hubschrauber. "Megalomane Selbstdarstellungszwänge" hat der psychiatrische Gutachter bei ihm vermutet.

Viele seiner Mitspieler und ihre Rollen sind bislang nur schemenhaft zu erkennen. Das gilt vor allem für Mohammed Yassim Dogmoch. Der deutsch-syrische Geschäftsmann, gegen den ein internationaler Haftbefehl vorliegt, soll bei der Erstellung der Scheinrechnungen für die Bohrgeräte mitgewirkt haben. Dogmoch selbst sieht sich freilich als Opfer und nicht als Täter.

Im bedrückenden, fensterlosen Saal des Landgerichts steht nur das Top-Management von Flowtex vor Gericht, obwohl allein die Staatsanwaltschaft Mannheim 33 Ermittlungsverfahren eröffnet und 42 Beschuldigte auf ihre Liste gesetzt hat. Für die Kammer um Richter Meyer wird es schwierig werden, sich bis auf den Grund der Wahrheit vorzubohren - trotz 63 Prozesstagen und 87 geladenen Zeugen.

Der Prozess in Mannheim soll bis März dauern. Er wird nicht der letzte im Fall Flowtex sein.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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