Reportage
Das zweite Leben von Quam

"Ich bin loyal zu meinem Arbeitgeber", sagt der Raucher vor der Quam-Zentrale in München. Und er qualmt einfach weiter, als wäre er von der Seite angequatscht worden: keine Reaktion auf die Frage nach der Stimmung in der Firma, der Angst um den Arbeitsplatz.

HB MÜNCHEN. Dann tritt der Mann im gemusterten Strickpullover die Zigarette aus und geht zum grauen Stahlgebäude, das aussieht wie eine Messehalle. Kurz bevor er die Tür zuschlägt, dreht er sich noch einmal um: "Ich sag´ nichts zu diesem Schlamassel."

Die Telefónica-Tochter Quam ist nicht nur Deutschlands jüngster Mobilfunkanbieter, sondern auch Deutschlands dümmster, wie nicht wenige sagen. Begleitet von einer sündhaft teuren Imagekampagne geht das spanisch-finnische Startup am 22. November 2001 an den deutschen Markt. Kaum drei Wochen später stoppt Quam-Chef Ernst Folgmann bereits den Verkauf von Mobilfunkverträgen: "Technische Probleme", so die Begründung, die Quam-Kunden sind von den Netzen der großen Konkurrenten Vodafone und T-Mobile nicht direkt zu erreichen. Schon steckt das Unternehmen in der Krise, der Anfänger mit dem großmäuligen Slogan "I have a dream" wird zum Gespött der Branche.

Dabei hat sich die Mutter Telefónica ihr Deutschland-Abenteuer Milliarden kosten lassen, entsprechend hoch sind die Ziele gesteckt. 10 % Marktanteil will das Startup bis 2010 erobern. Bis zu sieben Millionen Kunden sollen dann mit Quam telefonieren, im Internet surfen, Videokonferenzen schalten. Doch warum ausgerechnet Quam? Sieben von zehn Deutschen haben bereits ein Handy, wie schwer Kunden zu gewinnen sind, weiß die Konkurrenz. Nur die Marktführer Vodafone und T-Mobile verdienen Geld, E-Plus schreibt rosa, Viag Interkom rote Zahlen. Wer also braucht einen Neuling, der schon den Start vermasselt?

Selbst loyale Mitarbeiter schütteln noch heute mit dem Kopf, wenn sie an die ersten Tage denken. "Ja, wir hatten vielleicht anfangs zu viel mit der Anwerbung von Personal zu tun, da haben wir uns um ein paar andere Dinge vielleicht nicht so sorgfältig gekümmert." Dass es die Schwierigkeiten mit T-Mobile und Vodafone gab, war bekannt. Aber dafür den Marktstart verschieben? "Das kam wohl nicht in Frage", berichtet eine Mitarbeiterin aus dem Vertrieb. Umso unverständlicher ist ihr bis heute der von oben verordnete Verkaufsstopp.

"Damit begann eine wirklich harte Zeit", erzählt eine Quam-Angestellte, als sie aus der U-Bahn Richtung Firma geht. Ängstlich blickt sie in Richtung Zentrale, denn offiziell darf sie nicht mit der Presse reden. Andere sind viel gesprächiger - die ehemaligen Quams. Mehr als 30 Beschäftigte, darunter mehrere aus dem Management, haben Quam bereits verlassen. Sie erzählen von ihrem Frust und von den vielen Kollegen, die auch das Weite gesucht haben. Immer mehr Mitarbeiter hätten schließlich darauf gedrängt, einen Betriebsrat zu gründen. Sie schimpfen auf den wachsenden Druck des Hauptanteilseigners Telefónica und einem entscheidungsschwachen Chef, der den Laden nicht im Griff habe.

Tag für Tag sei die Kritik an Quam-Chef Folgmann gewachsen, über seine bevorstehende Ablösung sei auf den Fluren ganz offen geredet worden. "Zwei Mal ist Folgmann Ende Dezember zum Rapport nach Madrid beordert worden", berichtet ein ehemaliger Manager. "Wir haben gedacht, im neuen Jahr kommt er nicht wieder." Der Quam-Chef lässt sich nicht anmerken, wie sehr ihm die Gerüchte an den Nerv gegangen sind. Erstens sei die Anzahl der Leute, die das Unternehmen verlassen habe, nicht dramatisch angesichts von 830 Mitarbeitern. Und von seiner Ablösung sei ohnehin nie die Rede gewesen, er sei am 21. und am 28. Dezember kurzfristig nach Madrid geflogen, um an Verhandlungen mit den künftigen UMTS-Netzlieferanten teilzunehmen.

Tatsächlich stehen Telefonica und Sonera offenbar weiterhin hinter Quam. Zwei Netzausrüster sollen den Auftrag zum Aufbau des UMTS-Netzes in Deutschland bekommen. Dazu gehört nach Informationen aus Unternehmenskreisen auch Ericsson. Wer den Zuschlag bekommt, will Telefónica erst in den nächsten Wochen bekannt geben. Doch für die Mitarbeiter ist das allein schon die beste Nachricht seit langer Zeit. "Totgesagte leben doch länger", freut sich eine Angestellte, als sie vor der Firmenzentrale davon hört. Die Analysten sind erheblich vorsichtiger: Telefónica sei nur noch nicht bereit, sich einen teuren Fehler einzugestehen. Die Spanier halten dagegen. In Madrid erklärt Telefónica: "Wir sind zufrieden mit Quam."

Tatsächlich gibt es ein paar Dinge, die so schlecht nicht gelaufen sind. Da ist zu allererst Sven Hannawald, der Skispringer mit der Quam-Mütze, der Held der Vierschanzentournee. Mit seinen vier Siegen machte er Quam bekannter, als es die Planer der 50 Millionen Euro schweren "I have a dream"-Kampagne je zu träumen wagten. "Sogar Karnevalsvereine bestellen die Mützen mit dem Quam-Logo", erzählt ein Mitarbeiter, der bislang eher wenig zu verkaufen hatte. Das am Anfang die Mützen begehrter als die Telefone waren, diese Erfahrung haben freilich auch schon andere Konkurrenten gemacht. Jetzt muss Quam halt nur noch Handyverträge verkaufen. Der Anfang ist auch hier gemacht. Gut 20 000 Kunden hat der Neuling bereits gewonnen.

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