REPORTAGE
Ölhandel: Brennende Raffinerien treiben den Preis an der Londoner Ölbörse

Der Ölpreis verharrt seit Tagen in der Nähe des Zehnjahreshochs. Festgestellt wird der Preis der Marke Brent an der Londoner Ölbörse, Europas größtem Energiemarkt. Dort starren die Händler gebannt auf Hurrikane, brennende Raffinerien und die Opec.

LONDON. Marktaufseher Phil Llewellyn starrt ins Leere. Um ihn herum brüllen und rempeln mehr als 30 Männer. Den kurz geschorenen Mittzwanziger in der hüftlangen, schwarzen Jacke mit den rot-gelben Schulterstreifen stört das nicht weiter. Für ihn bedeutet das Alltag - Alltag an der International Petroleum Exchange in London.

Ein paar tausend Kilometer westlich, an der New Yorker Rohstoffbörse Nymex, hat gerade der US-Ölmarkt eröffnet, und in der kreisförmigen Londoner Handelsarena röhrt das Geschäft mit dem wichtigsten Treibstoff der industrialisierten Welt nun mit klar erhöhtem Dezibelwert weiter. Etwa zwölf Milliarden Liter Öl verheizt der Planet Erde jeden Tag in Kraftwerken, Autos, Flugzeugturbinen und Industrieanlagen. In der gleichen Zeit wechseln Lieferverträge für rund acht Milliarden Liter des kostbaren fossilen Brennstoffes in London den Eigentümer. Seit einiger Zeit zu fast schon historischen Preisen: Um die 30 Dollar je Barrel kostet das Öl und damit so viel wie zuletzt vor zehn Jahren.

Gemeinsam mit der New York Mercantile Exchange bildet die Londoner Ölbörse, die mit dem Maßstab der Nordseesorte Brent arbeitet, ein weltumspannendes Handelssystem für Energiekontrakte. "Zeichensprache und Gesten allein sind hier keine zugelassenen Verständigungsmittel wie an anderen Börsen. Man muss rufen", erklärt Robert Laughlin vom Brokerhaus GNI, einem der größten Londoner Marktteilnehmer. Damit ist auch das Rätsel um den teilnahmslos in der Mitte stehenden Phil Llewellyn aufgeklärt. Der Mann in der schwarzen Jacke ist Angestellter der IPE, ein "market observer" und damit gewissermaßen der erste Ohrenzeuge des Weltenergiemarktes.

Er trägt einen Leichtkopfhörer mit Mikrofon. Konzentriert murmelt er Zahlenkolonnen vor sich hin. Gebote, die er aus der Luft über der tosenden Händlermeute pflückt und sie Assistenten am anderen Ende der Leitung diktiert, die sie rasend schnell in einen Computer eintippen. Dadurch erscheinen sie auf dem großen elektronischen Anzeigebrett, das über allen schwebt und den Ausgangspunkt für die nächste Kauf- oder Verkaufsentscheidung auf dem Parkett abgibt. Das Verfahren wirkt wie ein Kreislauf, der sich selbst verstärkt. Am nächsten Tag wird man in der Wirtschaftspresse lesen: "Das Barrel Rohöl der Nordseesorte Brent kostete in London 30,69 Dollar."

In Texas brennt BP-Raffinerie

An diesem Nachmittag weist der Preistrend aufwärts, nicht zuletzt, weil "Debby" sich in der Karibik richtig breit macht. Der Sturm vor der Küste der Virgin-Islands wurde vom US-Wetterdienst als "Hurrikan" eingestuft. Es könnte sein, dass er auf der Insel St. Croix an Land geht, melden die Nachrichtenagenturen, und dort Schäden an der größten Öl-Raffinerie der westlichen Hemisphäre anrichtet. Vorsichtshalber haben die Betreiber Amerada und Petroleos de Venezuela die Produktion gedrosselt, was die Londoner Parketthändler in ihrer fünf mal fünf Meter großen Handelsmulde in Bieterlaune versetzt.

Unwillkürlich fühlt man sich an Fans verschiedener Fußballclubs erinnert, die in den Trikots ihrer Vorbilder aufeinander losgehen. Das Team von Credit Lyonnais trägt blaue Jacken, das von ABN Amro grüne. Und die "Locals", die auf eigene Rechnung handeln, arbeiten in rot.

Jeder Tag an der IPE ist mit einem fein gesponnenen Nachrichtengewebe unterlegt, der Basis für das Auf und Ab der Weltmarktpreise. "Debby" ist heute beileibe nicht marktbestimmend, aber doch preisrelevant. Hinzu kommt, dass in Texas eine Raffinerie von British Petroleum brennt, dass die Ölvorräte der USA kleiner geworden sind und die Opec, der Zusammenschluss der Erdöl exportierenden Länder, vor ihrem Treffen am 10. September wahrscheinlich nicht die Förderung ausweiten wird. Ein zündendes Gemisch, das den Markt stützt. Die Preisberichterstatter stellen zunächst mit 31,18 Dollar ein Tageshoch fest, ehe der Kurs leicht zurückfällt.

Heizöl-Handel auf Termin

Der Aufstieg Londons zum globalen Energieknotenpunkt hat mit dem Seevogel der Sorte Branta bernicla begonnen. "Der Shell-Konzern hat sein damals größtes Erdölfeld in der Nordsee nach der Brent-Gans benannt, die in der Arktis brütet", erklärt Ölexperte Laughlin. Damit hatte der Preismaßstab, an dem heute 70 Prozent der weltweiten Ölgeschäfte gemessen werden, seinen Namen.

Während die tatsächlichen Öllieferungen auf den so genannten Spot- oder Kassamärkten direkt zwischen den Händlern - also außerbörslich - abgeschlossen werden, wird an der IPE Roh- und Heizöl auf Termin per drei Monate gehandelt. In London "hedgen" Produzenten und Verbraucher von Rohöl ihr Risiko, das aus den starken Schwankungen der Weltmarktpreise für Rohöl resultiert.

Futures und Optionen sind die Standardinstrumente von Ölkonzernen, Zwischenhändlern, Fluggesellschaften, Reedereien, Speditionen und Supermarktketten, um in der eigenen Kalkulation die Energierechnung oder den Absatzpreis berechenbar zu machen. "Natürlich befinden sich unter den Marktteilnehmern auch reine Spekulanten, die aus den Preisbewegungen Gewinn machen, ohne sonst irgendetwas mit Öl zu tun zu haben", berichtet GNI-Mann Laughlin.

Zur Schlussnotierung ein Jahreshoch

Mit neunzehn Jahren ist die Londoner Ölbörse jung. Seit Ende der achtziger Jahre hat sich ihr Handelsvolumen verachtfacht. Längst werden die aus 85 Ländern eingehenden Orders auch über das elektronische Handelssystem ETS abgewickelt, das in den Parketthandel integriert ist. "Vor allem im rein spekulativen Ölhandel gibt es zum Parkett keine effiziente Alternative", behauptet der Ölexperte.

Die inzwischen von den Ölkonzernen als Internetplattformen betriebenen Marktplätze bewähren sich im physischen Kassahandel, aber nicht im preisführenden Terminhandel, meint Laughlin. Dennoch sind auch die Rohstoffbörsen unter starken Fusionsdruck geraten. Ein Zusammenschluss mit der Nymex scheiterte erst im vergangenen Jahr. Über kurz oder lang wird die IPE nicht selbstständig bleiben können, sagen skeptische Branchenexperten voraus.

Zunächst ist der anstrengende Job des Marktaufsehers auf dem Parkett jedoch nicht gefährdet. Jede Stunde wechselt das Amt vor dem Mikrofon. Von morgens um drei nach acht schiebt eine ganze Belegschaft als Marktbeobachter Dienst. Der Letzte murmelt an diesem Tag 30,69 Dollar ins Mikrofon. Das bedeutet einen Tagesgewinn von 76 Cents - und damit zur Schlussnotierung mal wieder ein neues Zehnjahreshoch



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