Reportage: Powells Debakel - Eines mit Folgen

Reportage
Powells Debakel - Eines mit Folgen

So fahrig hat man US-Außenminister Colin Powell selten gesehen. Mit ruckartigen Kopfbewegungen steht er am Mikrofon und beantwortet die Fragen der internationalen Presse. "Beide Seiten kämpfen für eine Lösung - aber wir sind Freunde", sagt Powell im Konferenzraum der Vereinten Nationen in New York. "Manchmal gibt es eben Meinungsverschiedenheiten. Und manchmal gibt es auch einen Riesenkrach."

WASHINGTON/NEW YORK. Powell spricht an jenem denkwürdigen Freitag, den 14. Februar, über die Gegensätze der amerikanischen und der französischen Regierung. Schweißperlen rinnen über sein Gesicht. Der drohende Krieg gegen den Irak spaltet die internationale Gemeinschaft mit einer Wucht wie nie zuvor: Washington drängt, Paris bremst. Seitdem ist die US-Regierung aufgeschreckt; erste Zweifel an der bisherigen Strategie machen sich breit. Kommt jetzt trotzdem ein Krieg, nur ohne die Uno?

Wie alles geschah: Kurz bevor der schwedische Chef-Waffeninspekteur Hans Blix vor dem Uno-Sicherheitsrat seinen zweiten Irak-Bericht vorlegt, zeigt sich bereits an der Körpersprache der Politiker, wie die Frontlinien verlaufen. Da tuschelt der deutsche Außenminister Joschka Fischer seinem russischen Amtskollegen Jewgeni Iwanow etwas ins Ohr. Beide zwinkern sich lachend zu. Wenig später legt Fischer Uno-Generalsekretär Kofi Annan freundschaftlich die Hand auf die Schulter. Doch gelegentlich gleicht Diplomatie einem Kabuki-Tanz, bei dem die Annäherung nur Schein ist und tiefer liegende Differenzen überdeckt. Als Powell den französischen Außenminister Dominique de Villepin trifft, knipsen beide ihr strahlendstes Lächeln an. Schulterklopfen, Händeschütteln.

Aber als de Villepin Frankreichs Bedenken gegen einen Irak-Krieg "zum jetzigen Zeitpunkt" darlegt, konterkariert er die amerikanische Position in voller Breite. De Villepin hebt das Angebot des irakischen Staatschefs Saddam Hussein hervor, Aufklärungsflugzeuge zuzulassen wie auch Interviews mit einheimischen Experten ohne Aufpasser der Regierung. Er schließt mit dem Satz: "Die Inspektionen mögen noch unzureichend sein, aber sie bringen Ergebnisse." Am 14. März solle Blix den Sicherheitsrat erneut informieren. Der französische Außenminister untermalt seine Worte mit ausholenden Armbewegungen, spricht mit kraftvoller Stimme und fixiert seine Gesprächspartner - feinstes diplomatisches Florett nach Pariser Schule.

Doch Politik ist nicht nur reine Ratio. Sie hat auch mit Emotion zu tun - und manchmal mit verletzter Eitelkeit. Als de Villepin seinen Vortrag mit der "Botschaft eines alten Landes wie Frankreich" schließt, wird deutlich, welche Wunden US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld mit seiner Schmäh-Formel vom "alten Europa" geschlagen hat. Da war er, der Reflex der "Grande Nation", die sich eben nicht mit der Rolle eines Claqueurs der einzig verbliebenen Supermacht zufrieden geben will. Beifall brandet auf, was im nüchternen Konferenzraum des Uno-Sicherheitsrats so gut wie nie vorkommt.

Danach fordern der chinesische Außenminister Tang Jiaxuan, sein russischer Amtskollege Iwanow sowie Tagungspräsident Fischer mehr Zeit für die Waffen-Inspekteure. "Die diplomatische Front gegen die säbelrasselnde Politik der Amerikaner hat sich verfestigt", sagt Charles Peña vom Cato-Institut, einer wirtschaftsliberalen Denkfabrik in Washington. "Die Auseinandersetzung über den Irak ist allerdings nur ein Ersatz-Konflikt über der Grundsatz- Frage: Werden die Regeln der internationalen Politik künftig von einer einzigen Macht bestimmt oder innerhalb der Uno?"

Als US-Außenminister Powell an die Reihe kommt, kann er seine Ungeduld kaum bremsen. "Bei der Uno-Resolution 14 41 geht es doch vor allem um die Abrüstung des Iraks und nicht um Waffeninspekteure", entgegnet er seinen Vorrednern. Powell hat sein Manuskript weggelegt, spricht frei und laut. Die eckigen Bewegungen seiner Handflächen verraten, wie groß die innere Erregung ist.

Auch daraus lässt sich ableiten, dass er von Blix? Bericht und der Front gegen die USA überrascht worden ist, meint Kenneth Pollack, ein Analyst bei der Denkfabrik Brookings Institution. Die USA hatten gehofft, dass Blix wiederholen werde, Bagdad kooperiere in organisatorischen Fragen, aber nicht in der Sache. Diese Einschätzung hatte er auch Anfang der Woche in einer geschlossenen Sitzung seiner Sitzung vertreten.

"Offensichtlich wusste Blix genau, dass sein Bericht über Krieg oder Frieden entscheiden könnte, deshalb spielte er diesmal den Kriegsgegnern den Ball zu", kommentiert ein lateinamerikanischer Diplomat. Zwar kritisiert Blix nun, dass der Irak nach wie vor keinen Nachweis für die Zerstörung von biologischen und chemischen Waffen geliefert habe, aber immerhin sehe er "beträchtliche Fortschritte im Inspektionsprozess".

"Bush und Powell müssen jetzt an einer neuen Strategie basteln", meint ein hochrangiger Mitarbeiter des Außenministeriums. Den französischen Vorstoß eines neuen Blix-Reports am 14. März bügelt er allerdings als "Unsinn" ab. Immerhin bis 1. März hat Blix nun Zeit für einen neuen Bericht. Aus dem Weißen Haus sickert am Sonntag durch, dass die amerikanische Regierung in den nächsten Tagen den Entwurf für eine zweite Uno-Resolution vorlegen wolle. Sie solle weicher formuliert sein als frühere Vorschläge, heißt es. Unverzichtbare Eckpunkte: Der Irak habe gegen die bisherigen Uno-Resolutionen "auf schwer wiegende Weise verstoßen" und müsse mit "ernsten Konsequenzen" rechnen - die diplomatisch abgefederte Bezeichnung für einen Militär-Angriff.

Die Bush-Regierung hofft, mit einem eher allgemeinen Text dem innenpolitisch bedrängten britischen Premierminister Tony Blair eine Brücke zu bauen. Zum andern soll im Uno-Sicherheitsrat zumindest verhindert werden, dass Kriegsskeptiker wie Frankreich ein Veto einlegen. Gelingt dies - so das Kalkül der Amerikaner - stimmen Staaten wie Mexiko, Chile oder Bulgarien sehr wahrscheinlich mit Ja. Diese neigen bei einer Konfrontation der großen Länder dazu, sich zurückzuhalten.

Trotz dieser diplomatischen Fingerhakelei hält die US-Regierung an ihrem Kurs fest, den Irak notfalls mit Gewalt abzurüsten. "Wo immer sich Amerika in den letzten 100 Jahren militärisch engagiert hat, ging es den Menschen danach besser", sagt Powell in einem Interview des Fernsehsenders CNN. Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice warnt, je mehr Zeit vergehe, desto geringer werde der Druck auf den Irak. Und Bush verkündet einer von Terrorängsten geschüttelten Nation mit ernster Miene: "Saddam Hussein ist gefährlich, er ist eine Bedrohung, er wird entwaffnet werden." Der Präsident spricht, eingerahmt von den Chefs von CIA and FBI. Im Hintergrund sind Sternenbanner aufgereiht - eine patriotische Symphonie in Blau, Weiß und Rot, wie sie zuletzt in den Wochen nach dem 11. September zu sehen war.

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