Repowering von Windkraftanlagen
Leistungserhöhung um den Faktor 4

Kaum zu glauben, aber wahr: Die Windenergie in Deutschland kommt in die Jahre. Mit dem Energieeinspeisegesetz 1991 begann der unaufhaltsame Boom der Windräder, deren Zahl inzwischen von Ost- und Nordsee bis zu den Alpen auf 11 500 angewachsen ist, die eine Gesamtleistung von knapp 9 000 Megawatt (MW) repräsentieren. In der zurückliegenden Dekade haben sich Technik, Größe und Leistung der Mühlen enorm entwickelt.

HB HANNOVER. Das beweist der erste niedersächsische Windpark, den die Stadtwerke Norden am Fledderweg im Stadtteil Norddeich 1987 errichten ließen. Seinerzeit wurden unter dem Namen "Norder Windloopers" fünf Anlagen aufgestellt, die gerade einmal je 55 kW Leistung hatten. Heute gilt dagegen die 1,5- bis 2-MW-Klasse als Stand der Technik. Der Auricher Hersteller, die Enercon GmbH, mit einem Marktanteil von 28,5 % führender Anbieter in Deutschland vor der Vestas GmbH (19,5 %, Husum) und der NEG Micon GmbH (11,4 %, Ostenfeld), plant für Anfang Mai sogar den Aufbau eines Prototyps E-112 bei Magdeburg, der mit 4,5 MW eine neue Bestmarke weltweit setzt. "Das ist ein neuer Meilenstein", freut sich Andreas Düser, Vertriebsleiter bei Enercon für Nordrhein-Westfalen.

Diese rasante Entwicklung bringt manchen Windparkbetreiber ins Grübeln, ob man nicht ältere Anlagen durch neue, leistungsfähigere Modelle ersetzen sollte - Repowering nennt das die Branche, ein Konzept, das für fossile Kraftwerke bereits erfolgreich umgesetzt wurde.

Auch die Stadtwerke der ostfriesischen Hafenstadt Norden stellten derartige Überlegungen an. 1990 hatten sie, vom Erfolg der ersten Mini-Propeller beeindruckt, weitere zehn Mühlen vom Typ Enercon E-32 im Osten der Stadt hochgezogen, die schon eine Leistung von 300 bzw. 330 kW hatten. Diese Turbinen im Windpark Ostermarsch mit einem Gesamt-Output von 3,15 MW wollen die windverwöhnten Friesen jetzt ersetzen - sieben Maschinen vom Modell E-66, die wiederum Enercon liefert, sollen hier den Faktor 4 ermöglichen: Da jede einzelne E-66 1,8 MW leistet, steigt die potenzielle Stromausbeute von 3,15 auf 12,6 MW. Nicht weit weg plant die Plambeck AG aus Cuxhaven den Bau von weiteren sieben Anlagen derselben Ausführung und die Neuausrüstung eines vorhandenen Parks mit noch einmal sieben Maschinen dieses Typs, so dass in Norden eines der größten Repowering-Projekte bundesweit entsteht.

"Der Aufwand, Getriebe und Rotorblätter der E-32 zu erneuern, hätte bis zu 250 000 Euro pro Anlage gekostet", erklärt Wolfgang Detmers, Leiter der Vertriebsabteilung der Stadtwerke Norden. "Da macht es mehr Sinn, den Standort gleich optimal zu nutzen." Nach der Inbetriebnahme des Repowering-Vorhabens, die noch in diesem Jahr erfolgen soll, will Norden weitgehend auf Stromlieferungen der regionalen Energieversorgung Ems-Weser AG-Elbe (EWE) verzichten. "Wir rechnen mit einem Ertrag je Mühle von rund 4 Mill. kWh", so Detmers. Alle 14 Megawatt-Brummer kommen dann auf etwa 56 Mill. kWh, das reicht theoretisch, um ganz Norden auf regenerative Energiefüße zu stellen.

Beispiele wie Norden dürften auf der "Energy 2002", der weltweit größten Veranstaltung für Energiewirtschaft, Energietechnik und erneuerbare Energien im Rahmen der Hannover Messe, ein heiß diskutiertes Thema sein. "Die festen, gut zu kalkulierenden Vergütungen des EEG sind für immer mehr Privatbetreiber die Motivation, über den Austausch ihrer alten Mühlen nachzudenken", begründet Andreas Eichler den Trend zum Repowering. Als Sprecher des Hersteller-Beirates im Bundesverband WindEnergie (BWE, Osnabrück) und zugleich Vertriebsleiter von Vestas Deutschland weiß er um die verstärkten Anfragen in diese Richtung. Im ersten Schritt schätzt der BWE das Potenzial für derartige Maßnahmen auf 1 500 bis 2 000 MW, immerhin rund 20 % der jetzt installierten Leistung. Insider gehen davon aus, dass ab 2004/05 die ersten speziell für den deutschen Offshore-Markt entwickelten Maschinen der Multi-MW- Klasse so weit ausgereift sind, dass dann auch onshore Betreiber auf die Riesenpropeller zurückgreifen werden.

Doch das wird nicht in jedem Fall so einfach: "Vor allem Bauern in den Küstenregionen habe ihre kleine Mühle der Gründergeneration auf den Hof gestellt, mehr oder minder in Sichtweite ihrer Schlafzimmer, weit weg von allen Wind-Vorrangflächen", erläutert BWE-Präsident Peter Ahmels die Situation. Die rechtliche Lage ist eindeutig: Mit dem Abriss erlischt die Baugenehmigung, selbst die Installation eines größeren Rotors wird zumeist nicht zulässig sein. Deshalb will der BWE eine Novellierung des Bundesbaugesetzes erreichen. "Es kann nicht angehen, dass Windkraft-Pioniere beim Repowering keine Chance haben und mögliche Flächen von auswärtigen Investoren belegt werden, das würde die erreichte Akzeptanz für die Windkraft an vielen Orten schnell und nachhaltig kaputtmachen", betont Ahmels. Das will mit Sicherheit auch die Bundesregierung vermeiden. Erst kürzlich hat sie ihre Absicht verkündet, bis 2030 zusätzliche 25 000 MW ins Wasser zu stellen. Aber auch der Ausbau an Land geht weiter, bis 2004 sind bei den Planungsbüros bereits 5 000 MW projektiert. Der BWE geht davon aus, dass in der ersten Repowering-Welle die Faustformel gilt: Halbierung der Anlagenzahl, Vervierfachung der Leistung.

Willi Voigt, Staatssekretär im Kieler Energieministerium, sieht darin einen positiven Nebeneffekt: "Das Repowering wird uns helfen, mit der entsprechenden Reduzierung der Anlagenzahl das Landschaftsbild zu entspannen." Doch auch die Politik muss ihre Hausaufgaben machen. Beispiel Schleswig-Holstein, das bis 2010 das ehrgeizige Ziel verfolgt, den Windstromanteil auf 50 % auszubauen. Dazu muss aber u.a. die Begrenzung der Anlagenhöhe auf 100 Meter fallen. "Das Repowering mit leistungsstärkeren Maschinen der 1,5- oder 2-MW-Klasse ist mit der 100-Meter-Grenze nicht zu haben", so Voigt. Ein anderes Problem hat die EWE bei ihrem ersten Repowering-Projekt in der Krummhörn, dem Landzipfel nördlich von Emden, erwischt: Hier durfte die elektrische Leistung nach Vorgabe der Behörden nicht radikal erhöht werden. So wurden statt der alten 300 kW-Mühlen nur 500-kW-Anlagen installiert. Die aktuelle Entwicklung zeigt, es bleibt noch viel Diskussionsstoff für die diesjährige Hannover Messe. Fest steht: Repowering ist im Kommen und dürfte in einigen Jahren noch zunehmen, weil es dann um Anlagen in vorhandenen Flächennutzungsplänen geht, die dann wesentlich einfacher auszutauschen sind.

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