Republikaner
Das Raubein erzürnt die Erz-Konservativen

John McCain ist nach dem Super Tuesday klarer Favorit bei den Republikanern. Doch das löst längst nicht bei allen in der Partei Freude aus. Den Erz-Konservativen ist der 71-jährige Vietnam-Veteran zu liberal. Und das ist für McCain-Hasser noch nicht einmal das Schlimmste.

WASHINGTON. Vielleicht wird John McCain später einmal sagen, die Siege bei den Vorwahlen sei gar nicht das Schwierigste gewesen. Vielleicht wird der 71-Jährige tief seufzen und dann an seine republikanische Partei denken. Zumindest an jene Mitglieder, die ihm unablässig das Leben schwer machen: An die Rush Limbaughs, Rick Santorums und Ann Coulters dieser Partei. Jene Einflüsterer, die sich ums Verderben nicht mit einem Spitzenkandidaten John McCain anfreunden können. Weil ihnen dieser zu eckig, zu erratisch, zu eigenständig und – vor allem zu liberal ist.

Denn das ist es, was der konservative Flügel der Republikaner am wenigsten ertragen kann: Dass einer wie McCain eng befreundet ist mit Leuten wie John Kerry, Joe Lieberman und Rudy Giuliani. Mit Kerry, dem demokratischen Frontmann bei der Wahl im Jahr 2004, verbindet McCain ein geradezu herzliches Verhältnis. Lieberman, langjähriger demokratischer Senator und heute unabhängig, unterstützt McCain gar im Wahlkampf. Und Giuliani, gescheiterter republikanischer Kandidat mit verdächtigen liberalen Neigungen, gibt jederzeit eine Wahlempfehlung nach der anderen für McCain ab. Doch das ist noch gar nicht das Schlimmste: Vor allem verbindet McCain großer gegenseitiger Respekt, vielleicht sogar eine Freundschaft, mit – Bill Clinton.

Die begann am Memorial Day 1993. Als Clinton zum ersten Mal als Präsident vor den Gedenktafeln auf der Washingtoner Mall die in Vietnam gefallenen Soldaten ehren sollte, lieh ihm McCain seine Autorität. Denn für Clinton war der Auftritt äußerst heikel: Der Präsident, der sich um den Dienst in Vietnam gedrückt hatte, war bei vielen Veteranen geradezu verhasst. Der Kriegsheld McCain aber wollte die Vergangenheit ruhen lassen. „Es ist mir heute egal, wer damals dafür und wer dagegen war“, sagte er zu Clinton. „Ich habe es satt, dass Amerika im Zorn zurückblickt. Es wird Zeit, das hinter uns zu lassen, Mr. President“. Seitdem empfinden der Demokrat Bill Clinton und der Republikaner John McCain gegenseitige Hochachtung. Andere dagegen empfinden dafür nur Abscheu.

„Wenn McCain unser Kandidat ist, dann ist Hillary unser Mädchen“, erregte sich Ann Coulter vor wenigen Tagen auf dem konservativen Kanal „Fox News“. Coulters eigene Berufsbezeichnung ist Polemikerin – und mit Invektiven legte die streitbare Rechte gleich nach. „Wenn es McCain wird, dann werde ich für Hillary werben – denn die ist im Grunde konservativer als McCain.“ Rush Limbaugh, der mit seinem Talk-Radio täglich Millionen von Zuhörern erreicht, platziert in seinen Shows seit Wochen ein regelrechtes Trommelfeuer gegen McCain. „McCain hat den Republikanern den Dolch in den Rücken gestoßen – und ich kann nicht einmal mehr mitzählen, wie oft er das getan hat.“ Und schließlich: „Wenn McCain gewählt wird, dann zerstört das unsere republikanische Partei.“

Rick Santorum, stramm-konservativer Ex-Senator aus Pennsylvania, schaltete im Wahlkampf eine Telefonansage mit der Botschaft: „John McCain hat weder das Temperament noch die Führungsstärke, um unser Land in die richtige Richtung zu führen.“ Bei den Kongresswahlen im Herbst 2006 hatte Santorum McCain noch um Unterstützung gebeten, als er seinen Sitz im Senat verteidigen wollte. McCain reagierte perplex: „Für seinen Wahlkampf war ihm damals mein Temperament noch ganz recht.“

McCains Gefühlsausbrüche, seine Ungeduld und seine spitzen Sprüche sind legendär. Ungeduldig war McCain, als er in den 80er-Jahren den Sprung in den Kongress schaffen wollte, aber keine Zeit mehr für die Ochsentour hatte. „In einem Wahlkreis eine politische Basis aufzubauen dauert Jahre“, stellte er später in einem seiner Bücher fest. „Aber ich war bereits in meinen Vierzigern und in Eile, endlich Einfluss zu haben.“ Fünf harte Jahre hatte John McCain in einem Gefängnis in Nordvietnam verbracht, im berüchtigten „Hanoi-Hilton“. Das waren Jahre der Folter und Entbehrung, in denen andere zerbrochen wären. Nach der Freilassung folgte der missglückte Versuch, so wie Vater und Großvater eine Spitztenkarriere bei der Marine zu starten. Als er sich das Scheitern seiner Ambitionen eingestehen musste, hatte McCain schon ein halbes Leben hinter sich. Die Zeit drängte.

Manche Freunde und Wegbegleiter meinen, dass McCains Ungeduld aus den frühen Lebensabschnitten stammt. Zumindest aber haben ihn die Jugend und seine Militärzeit gelehrt, Solidarität und Kameradschaft über alles zu schätzen. Für McCain zählt, ob einer sein Wort hält und Hilfe leistet, wenn es nötig ist. In welchem politischen Lager dieser steht, spielt keine Rolle. Nicht selten scheint es, als vermisse McCain bis heute das ruppige Kadettenleben, das er an der Marineakademie in Annapolis geführt hat. Die Tugenden von Freundschaft und Ehre, um die es dort ging, wurden zu seinem Markenzeichen – ein Markenzeichen, das er gerne glorifiziert. Bis heute verfällt er immer wieder mal in den Duktus von damals, als er ein 26-jähriger Offiziersanwärter war und es dazu gehörte, ein bisschen dick aufzutragen, Dampf abzulassen und von den Kameraden röhrendes Gelächter zu ernten.

Etwa als McCain Präsident George W. Bushs persiflierte, der einst glaubte, auf den Grund von Wladimir Putins Seele geblickt zu haben. „Ich habe auch in Putins Augen gesehen“, sagte McCain im vergangenen Sommer. „Und ich sah dort drei Buchstaben: Ein K, ein G und ein B“. Ein anderer berühmter Einzeiler über sein Rennen ums Weiße Haus geht so: „Lieber einen verlorenen Wahlkampf als einen verlorenen Krieg.“ . Für eine gute Pointe geht McCain gerne weit – nicht alle in seiner Partei finden das lustig.

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