Republikanische Glücksgöttin
Die Welt von Sarah Palin

In sieben Wochen könnte Sarah Palin zur Vizepräsidentin der USA gewählt werden. In Alaska war Sarah Palin zum richtigen Zeitpunkt stets am richtigen Ort – mit unkonventionellen Mitteln meisterte sie Krisen und schuf rasantes Wachstum: Dieses Glück soll nun auch John McCain zum Wahlsieg verhelfen. Eine Handelsblatt-Reportage.

WASILLA/ALASKA. Dan Kennedy hüpft aus seinem 92er Chevy Blazer, sprintet den Rollgrashügel hinauf und zeigt auf eine schwarze Marmorplatte, die dort in den Boden gerammt ist. „Das haben wir Sarah zu verdanken“, sagt er. Eingraviert ist ein Satz aus der amerikanischen Verfassung, einen Steinwurf weiter flattert das Sternenbanner im Wind, davor begrüßt ein Blumenbeet den Besucher. Als Sarah Palin Bürgermeisterin von Wasilla war, hat sie dafür gesorgt, dass es diesen Ehrengarten gibt, für die Freiheit, das Militär und Amerika. Dann sprudelt es wieder aus Dan Kennedy hervor: „Sarah ist eine Visionärin, sie macht exakt das, was das Land braucht“.

Kennedy ist Steuerberater, Ex-Präsident der Handelskammer von Wasilla und passionierter Angler. Vor allem aber ist Kennedy ein glühender Verehrer seiner Gouverneurin, die mit etwas Glück in sieben Wochen zur Vizepräsidentin der USA gewählt werden könnte. Genau dazu will der 51-Jährige nach Kräften beitragen. Und deshalb hat Kennedy auch keine Zeit zu verlieren auf seiner Werbetour, die da heißt „Sarahs Welt in 30 Minuten“: Also runter vom Hügel, rein ins Auto, ab zum Sportkomplex, zum Flughafen, zur Mall entlang Parks Highway. Immer vorbei an Sarah Palins Marksteinen, die sie nach sechs Jahren als Bürgermeisterin den 7 000 Einwohnern von Wasilla hinterlassen hat. „Hier war nur ein Haufen Schutt“, sagt Kennedy, während am Fenster Supermärkte, Baumärkte und Lagerhallen vorbeifliegen. „Und jetzt – das“, sagt Kennedy und für einen Moment bekommt seine drängende Stimme etwas Erhabenes.

Als Bürgermeisterin von Wasilla fegte Sarah Palin durch den Ort wie ein Wirbelsturm. Während sie von 1996 bis 2002 den Flecken in Alaska regierte, wurden Baugenehmigungen unterschrieben, Spatenstiche gefeiert, Steuern abgeschafft. Und: Sarah Palin war eine Politikerin im Glück. Projekte, die Jahre zuvor angeschoben worden waren, kamen während ihrer Amtszeit zur Reife. Wasilla explodierte wirtschaftlich – und die „Hockey-Mom“, die sich nun anschickt nach den Sternen in Washington zu greifen, war das Gesicht dazu. „Sie schoss mitten durch die Hierarchien“, erinnert sich Kennedy, den sie als Kammerpräsident regelmäßig um Rat fragte. „Auf dem Weg ins Bürgermeisteramt kam sie oft bei mir vorbei und wollte wissen, was sie als nächstes tun könnte“. Einmal sagte Kennedy: „Schaff doch die 25-Dollar-Gebühr für eine Geschäftslizenz ab“. Oder: „Senke die Eigentumssteuer“. Und genau das tat Palin dann. Und trat dabei Demokraten wie Republikanern kräftig auf die Füße.

Dass sie mit ihrem Aktivismus da und dort über das Ziel hinausgeschossen sein könnte ist gut möglich. Palins Nachfolgerin im Bürgermeisteramt, Dianne Keller, gibt sich diplomatisch: „Wir müssen darauf achten, dass die Gemeinde ihr Zusammengehörigkeitsgefühl nicht verliert“, sagt Keller, die wie Palin Republikanerin ist. Oder mit anderen Worten: Das zügellose Wachstum des Städtchens Wasilla, das heute weder Anfang, Ende noch ein wirkliches Zentrum besitzt, ist nicht nach jedermanns Geschmack. Und manchem ging das alles dann doch etwas zu schnell.

Im Ergebnis jedoch wird Sarah Palin aber immer noch dafür geliebt, dass sie Wasilla auf den Kopf stellte. Denn Palin, damals gerade mal in ihren 30ern, entsprach mit ihrer Art so wunderbar dem Mythos Alaskas: Sei unabhängig, furchtlos und scheue kein Risiko. Lebe frei und möglichst ohne staatliche Regeln. Deshalb gibt es diese 670 000 Menschen ja überhaupt auf der eisigen Scholle nördlich von Kanada und östlich der Beringstrasse. Weil sie noch einmal jenes amerikanische Pionierleben führen möchten, das im Rest der USA schon längst unter der Zivilisation begraben ist. Das zumindest ist es, was die Menschen aus Alaska gerne glauben und über sich erzählen. Etwa, wenn sie von Landsleuten aus den „Lower 48“ gefragt werden, warum in aller Welt sie hier oben ihr Dasein fristen. Dann wird der Mythos des 49. Bundesstaates ausgekramt, auch wenn die übergroße Mehrheit der Bewohner in Alaska inzwischen so lebt, wie in irgendeinem beliebigen Vorort einer amerikanischen Großstadt.

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