Republikanische Schwachstellen: Giuliani in der Falle

Republikanische Schwachstellen
Giuliani in der Falle

Rudy Giuliani sollte eigentlich der neue republikanische Superstar werden. Doch im US-Wahlkampf sieht er immer mehr aus wie ein machtloser Zuschauer. Und es könnte noch schlimmer kommen.

MANCHESTER/NEW HAMPSHIRE. Es sind diese schrecklich unangenehmen Fragen, denen sich Rudy Giuliani wieder und wieder stellen muss. Wie neulich bei Larry King auf CNN. Der fragte am Wahlabend von Iowa nach Giulianis Wahlkampfstrategie, nach dessen Gesundheitszustand, nach den Umfragewerten. Und in Variationen gibt Giuliani dann immer wieder die gleichen Antworten: Nein, die Strategie stimmt, die Kopfschmerzen sind weg, die Umfragen werden wieder besser. Doch seine viel zu vielen nervösen Lacher, mit denen er seine Erklärungen einleitet, verraten Giuliani. Dieser Mann, eigentlich der republikanische Superstar, fühlt sich derzeit gar nicht wohl.

Und schlimmer noch: Wenn die Balkengraphiken mit den Ergebnissen aus New Hampshire auf den Bildschirmen flimmern, droht dem Ex-Bürgermeister aus New York ein deja vu. Denn in New Hampshire liegt Giuliani klar hinter John McCain, Mitt Romney und inzwischen in mehreren Umfragen auch hinter Mike Huckabee. Doch im Unterschied zu Iowa, wo Giuliani praktisch keinen Wahlkampf geführt hat, war Rudy in New Hampshire immer wieder unterwegs. Zwar schleppte sich seine Kampagne im Nordosten der USA ziemlich lauwarm über die Runden. Aber so einfach herausreden, dass er New Hampshire von Beginn an aufgegeben habe – wie Iowa – kann er sich diesmal nicht. Der Vorwahl-Abend dürfte deshalb noch unangenehmer für Giuliani werden.

Dabei sah es vor wenigen Monaten gar nicht so schlecht aus für den Ex-Bürgermeister, der landesweit bei den Umfragen noch immer knapp vorne liegt. Giulianis republikanische Schwachstellen – seine eher liberalen Ansichten zu Abtreibung, Waffenbesitz und Homoehe – spielen in New Hampshire eine weit geringere Rolle als in Iowa. Dort oben im hohen Norden, wo den Menschen die persönliche Freiheit über alles geht, sorgt man sich eher um niedrige Steuern und die Sicherheit des Landes. Themen, bei denen der 9/11-gestählte Giuliani eigentlich souverän punkten müsste.

Doch mit der Rückkehr des lange unterschätzten John McCain musste Giuliani diese Vorteile wieder abgeben. Die Meinungsforscher hatten schnell herausgefunden, dass McCains Aufstieg in New Hampshire eindeutig zu Lasten von Rudy Giuliani geht. Das ist zwar grundsätzlich schlecht für Rudy. Doch dessen Strategen hatten ebenso schnell entdeckt, dass ein McCain-Sieg in New Hampshire immer noch die zweitbeste Lösung ist. Denn dem 71-Jährigen Senator aus Arizona wird nicht zugetraut, den Spitzenplatz durchzuhalten. Mit Huckabee in Iowa und McCain in New Hampshire verteilen sich die Erfolge – bevor Giuliani dann mit einem fulminanten Sieg in Florida Ende des Monats und eine Woche später am „Super-Tuesday“ quasi das Feld von hinten aufrollt.

Dennoch: Wochenlang die Siege der anderen zu kommentieren – das erfordert reichlich Nervenkraft. Insbesondere dann, wenn mit Mike Huckabee eine so genannte „wildcard“ mit im Spiel ist. Denn es ist völlig offen, ob dessen kometenhafter Aufstieg tatsächlich in New Hampshire oder am 15. Januar in Michigan zum Stillstand kommt. Der erfahrene Wahlkämpfer Giuliani sollte eigentlich wissen, welche Dynamik Wahlzyklen entfalten können. Diese dann mit einem so späten Einstieg ins Rennen brechen zu wollen ist ein gewagtes Spiel. „Das Giuliani-Camp hat die guten Umfragen aus dem Herbst für bare Münze genommen“, sagt Mike Murphy, langjähriger republikanischer Stratege. „Doch Umfragedaten sind nicht statisch“. Zudem spreche sämtliche bisherige Erfahrung gegen den Giuliani-Plan. „Noch nie hat ein Kandidat am Anfang alles verloren und wurde am Ende nominiert“.

Kritiker werfen dem 63-Jährigen auch vor, er drücke sich vor der harten Wahlkampftour, die in New Hampshire nun einmal nötig sei. Dort sind es die Wähler gewöhnt, beim Diner-Restaurant um die Ecke oder im örtlichen Feuerwehrhaus lange und direkt die Kandidaten zu erleben, ihnen Fragen zu stellen und gemeinsame Fotos fürs Familienalbum zu machen. Giuliani aber setzt eher auf die New Yorker Manier eines „Drive-by-Wahlkampfs“. Nach 10, 20 Minuten an einem Ort verlässt den gelernten Juristen meist schon wieder die Lust und sein Tross zieht weiter. Der bürgernahe McCain entspricht da schon viel eher den Vorlieben des New Hampshire Publikums. Ganz ohne Strategie.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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