Respekt vor Deutschland schrumpfte von Minute zu Minute
„In Brasilien wäre Kahn tot“

"Kahn" klingt brasilianisch ausgesprochen wie "cão" - was wiederum "Hund" bedeutet. Deswegen gab es in den Tagen vor dem Finale in der brasilianischen Presse einen Wildwuchs an Assoziationen zwischen dem Vierbeiner und dem deutschen Torwart mit der grimmigen Mimik und den legendären Qualitäten. "Wachhund", "Pit-Bull" oder wahlweise "Rottweiler", "Vorsichtig, gefährlicher Hund" und so weiter - ehrfürchtig, respektvoll wurde der deutsche Torwart beschrieben.

SAO PAULO. Doch dann, nach dem ersten Treffer Ronaldos, grassierte überall plötzlich der Spruch: "Ein Hund der bellt, der beißt nicht" - und um Kahns Mythos war es in Brasilien geschehen. Zumal Marcos, sein Kollege auf der anderen Seite im Tor plötzlich über sich hinauswuchs. Ein Kommentator des "Estado de São Paulo", der führenden konservativen Zeitung der Metropole, schickt Kahn die tröstenden Abschiedszeilen hinterher: "Also in Brasilien, wo der zweite Platz nichts gilt, da wäre Kahn jetzt tot. In Europa dagegen, wo auch der zweite Platz einen gewissen Wert hat, da hat er bestimmt noch eine Chance."

Nach dem Finale hatten es deutsche Fußballfans in Brasilien im landesweiten Karneval nicht leicht - sie wurden etwas mitleidig belächelt. Doch andersherum wäre es bestimmt schlechter ausgefallen: Angesichts der starken wirtschaftlichen Präsenz der Deutschen in Brasilien - gerade bei marketingstarken Produkten wie Pkw (Volkswagen und Daimler) oder Telekommunikation (Siemens) - hätte ein knapper Sieg Deutschlands bestimmt einiges Kopfzerbrechen in den jeweiligen PR-Abteilungen ausgelöst.

Überrascht berichteten die Medien über die massive Präsenz der deutschen Politiker in Yokohama: Von den brasilianischen Politikern traute sich keiner nach Japan - obwohl in drei Monaten gewählt wird. Zu groß schien die Gefahr, bei einer Niederlage als Pechvogel zu gelten. Denn noch ein Titelverlust wie vor vier Jahren gegen Frankreich hätte die Stimmung ganz gewaltig gedrückt. Trotzdem konnten die beiden entscheidenden Kontrahenten, der führende Linkskandidat Luiz Inácio "Lula" da Silva und der zurück liegende Regierungskandidat José Serra, sich bei einem solchen Ereignis nicht völlig zurückhalten. Der ehemalige Schlosser Lula erklärte nach dem Sieg im gelb-grünen Trikot durchaus glaubwürdig: "Die Brasilianer haben den Sieg verdient. Wir haben ja sonst wenig, über das wir uns freuen können." Der spröde Ökonom Serra dagegen sah sich das Spiel nur minutenweise an und seine stärksten Kommentare waren etwa von der Güte "Potz-Blitz".

Vom Sieg profitieren dagegen will Ricardo Teixeira, der brasilianische Fußballverbandspräsident. Ihn versuchte die Regierung bereits vergeblich mit zwei Untersuchungsausschüssen aus seinem Amt zu vertreiben. Nun kommt Teixeira, der 2003 abtreten wollte, mit einem beachtlichen Ergebnis seiner Amtszeit zurück: Bei vier Weltmeisterschaften seit seinem Amtsantritt 1989 war Brasilien dreimal im Finale und davon zweimal Sieger. Angeblich überlegt er nun, sein Mandat doch noch etwas zu strecken.

Mit dem Präsidenten Fernando Henrique Cardoso hat er bereits Frieden geschlossen: Anders als angekündigt, wird der Siegerjet doch in Brasília zwischenlanden - für einen Empfang beim Präsidenten.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%