„Ressource auf wissenschaftlicher Ebene“ durch Kooperation mit Forschungsinstituten
Förderung erleichtert dem Mittelstand die Forschung

Forschung und Entwicklung sind für mittelständische Familienunternehmen finanziell und personell sehr belastend. Forschungskooperationen, für die es zudem Fördermittel gibt, machen manches einfacher.

HB DÜSSELDORF. Glas zu kleben ist eine sensible Angelegenheit. Die Technik, die zuerst bei rahmenlosen Aquarien mit Silikonen eingesetzt wurde, ermöglicht heute mit moderner UV-Klebetechnik, auch große Vitrinen oder tragende Glasteile und-wände ohne Bohrung und Schrauben zu verbinden. Die Klebestellen, die oft hohen Belastungen ausgesetzt sind, konnten bislang aber weder zerstörungsfrei analysiert, geschweige denn gelöst werden. In zweijähriger Arbeit fand nun die Bohle AG, Haan, zusammen mit der Innovent e.V. Technologieentwicklung, Jena, Wege, beides bei künftigen Produkten möglich zu machen.

Im Rahmen der Internationalen Fachmesse Glastec 2002 in Düsseldorf sollen Ende Oktober die technischen Details vorgestellt werden. Frank Ruzicka, bei Bohle für Innovation zuständig, spricht von "Verfahren, die in der Branche bislang einzigartig sind". Nicht ohne Stolz fügt er hinzu: "Wir haben nun eine Messmethode, die es erlaubt, künftig mit einem integrierten Indikator bei neuen Glaskonstruktionen jederzeit und an jedem Ort eine Aussage über den aktuellen Stand der Qualität der Verbindung zu machen."

Sehr zufrieden mit dem gemeinsam erarbeiteten Ergebnis zeigt sich auch Innovent-Chef Prof. Hans-Jürgen Tiller. Denn Klebstoffe könnten nun analysiert und zertifiziert werden. Dadurch sei es möglich, "Klebstoffe hinsichtlich ihrer Eignung für bestimmte Anwendungsgebiete zu charakterisieren sowie eine Gewähr für die Langlebigkeit der Verklebung zu geben".

Zur gemeinsamen Forschung waren das Haaner Familienunternehmen und das Forschungsinstitut auf Umwegen gekommen. Der Hinweis eines Redakteurs einer Fachzeitschrift brachte einen ersten Kontakt zu Prof. Tiller und Gespräche über das Thema Oberflächentechnologien. Daraus entwickelte sich dann die Kooperation. Innovent bot für eine Forschungspartnerschaft nicht nur die technologischen Voraussetzungen.

Berater gespart

Die Jenenser wiesen auch den Weg zur Forschungsförderung über das "Programm Innovationskompetenz mittelständischer Unternehmen", kurz "Pro Inno". Innovent brachte zudem seine Erfahrung in der Antragsabwicklung ein. Dies erleichterte Bohle die Arbeit und ersparte möglicherweise einen teuren Berater.

Bohle bekam durch Pro Inno 35 % oder 117 000 Euro Zuschuss zu den Kosten des Forschungsprojekts von knapp 330 000 Euro. Im Durchschnitt waren auf jeder Seite zwei, in der Spitze bis zu jeweils fünf Mitarbeiter mit dem Projekt beschäftigt. Die Rechte an den Ergebnissen liegen allein bei Bohle. Allerdings werden im Rahmen des Förderprogramms Pro Inno durchaus auch andere Verträge geschlossen. Vor allem wenn mehrere Unternehmen gemeinsam forschen, seien meist alle Beteiligten berechtigt, betont Dr. Günter Lambertz von der Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen (AiF). Die AiF betreut das Programm des Bundeswirtschaftsministeriums, über das 2001 insgesamt 106 Mill. Euro Fördermittel vergeben wurden. "Mit der Pflicht der Unternehmen, die Ergebnisse auch auf dem Markt zu verwerten", betont Lambertz.

Bohle hatte in der Vergangenheit auch schon mit anderen Forschungseinrichtungen zusammengearbeitet. Dies waren aber, so Ruzicka, eher Dialoge als eine Gemeinschaftsforschung. Durch Innovent habe dem Unternehmen erstmals "eine Ressource auf wissenschaftlicher Ebene zur Verfügung gestanden". Etwas erschwert sei die Zusammenarbeit durch die Distanz zwischen Haan und Jena gewesen. "Es gibt einfach Dinge, die muss man vor Ort ansehen und besprechen." Hinzu komme, dass es an jedem Ort hin und wieder unterschiedliche Prioritäten gegeben habe und dass Personen im Team wechselten. "Das macht es nicht ganz einfach, so ein Projekt reibungslos durchzuziehen."

Nicht zu unterschätzen ist nach Ruzickas Erfahrung der mit der Forschungsförderung verbundene Verwaltungsaufwand. Sowohl das Antragsverfahren als auch die regelmäßig zu erbringenden Nachweise über den Fortgang der Arbeit sind nach seinem Eindruck "sehr verwaltungsorientiert und formal". Die zu beantwortenden Fragen seien sehr detailliert und sehr komplex.

Wenn man alle zur Abwicklung des Projekts erforderlichen Tätigkeiten addiere, sei praktisch während der gesamten Projektphase ein Mitarbeiter weitgehend gebunden gewesen. Ruzicka fürchtet, dass manches kleinere mittelständische Unternehmen von der Forschungsförderung abgeschreckt werden könnten, weil es fürchtet, "der Aufwand lohnt sich nicht".

Bezogen auf das eigene Projekt, betont Ruzicka aber nachdrücklich, "die Wertigkeit des Ergebnisses ist weit höher als alle Probleme". Über das eigentliche Ziel hinaus habe man weitere Informationen über Klebstoffe gewonnen, "die unsere Kompetenz stärken". Ein Teil des gewonnenen Wissens werde in Seminaren an die Kunden im Handwerk und in der Möbelindustrie weitergegeben. Von einem anderen Teil sollen die meist mittelständischen Kooperationspartner in der Klebstoffchemie profitieren.

Günter Lambertz von AiF kennt die Diskussionen im Mittelstand über den Verwaltungsaufwand bei der Forschungsförderung. Er hält ihn aber bei Pro Inno im Vergleich zu anderen Programmen für relativ gering. Die Entscheidung falle binnen sechs bis acht Wochen, und eigentlich müssten die Unternehmen sowohl für den Antrag als auch für die späteren Nachweise "aus dem täglichen Geschäft heraus alles verfügbar haben".

Lambertz schließt aber nicht aus, dass während der Projektphase "neue Fragen auftauchen, die den Bearbeitungsaufwand für alle Beteiligten größer machen". Auf der anderen Seite sieht er das Verfahren aber als sehr flexibel. "Oberstes Ziel ist, zu einem greifbaren Ergebnis zu kommen. Und wenn der eingeschlagene Weg nicht geht, muss man einen anderen suchen."

DAS UNTERNEHMEN

Die Bohle AG in Haan entwickelt, produziert und vertreibt vor allem Produkte rund um die Glasverarbeitung. Ein Schwerpunkt ist die Glasklebetechnologie. Hier sieht sich das 1923 gegründete Familienunternehmen als Marktführer. Die Bohle-Gruppe setzt mit 230 Mitarbeitern im In- und weiteren 80 im europäischen Ausland rund 50 Mill. Euro um.

DIE PRO-INNO-FÖRDERUNG

Das "Programm Innovationskompetenz mittelständischer Unternehmen" (Pro Inno) des Bundeswirtschaftsministeriums unterstützt Forschungs- und Entwicklungsprojekte kleiner und mittlerer Unternehmen mit nicht rückzahlbaren Zuschüssen. Antragsberechtigt sind Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeitern und höchstens 40 Mill. Euro Jahresumsatz oder 27 Mill. Euro Bilanzsumme.

Die Höchstgrenze der zuwendungsfähigen Ausgaben liegt bei 300 000 Euro. Die Ausgaben werden pauschaliert über Personenmonatssätze kalkuliert, in denen Personalkosten samt Lohnnebenkosten, allgemeine Ausgaben sowie Kosten für Material und Geräte berücksichtigt sind. Der Zuschuss beträgt 35 % für Unternehmen aus den alten Bundesländern, 40 % für Unternehmen aus Berlin (Ost) und den Brandenburger Teilen der Arbeitsmarktregion Berlin sowie 45 % für Unternehmen aus den übrigen neuen Bundesländern. Höhere Zuschüsse - bis 70 % - gibt es, wenn der Antrag von einer Forschungseinrichtung gestellt wird.

Anträge können bis zum 31.12.2003 bei der Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen "Otto von Guericke" e.V. (AiF), Geschäftsstelle Berlin, gestellt werden. ( E-Mail: aif@forschungskoop.de, Internet: http://www.forschungskoop.de oder www.aif.de)

Quelle: Handelsblatt

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